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»Wie Fertigsuppe verkauft«

aus DER SPIEGEL 37/1993

Gebauer, 49, lehrt an der Freien Universität Berlin; er ist seit zwei Jahren Präsident der Internationalen Gesellschaft für Philosophie des Sports.

SPIEGEL: Berlins Olympiaplaner treiben viele Jugendliche auf die Barrikaden: Sie demonstrieren, feiern anti-olympische Feste. Können Sie die Proteste verstehen?

Gebauer: Unbedingt. Die Olympiabewerbung ist über die Köpfe der Bevölkerung hinweg einfach durchgezogen worden. Viele Jugendliche sind abgestoßen von den Vorstellungen eines gigantischen Kommerzes, eines ins Extreme getriebenen Leistungssports; sie sind genervt von Funktionären und Politikern. Sport, die Lieblingsbeschäftigung der Jugend, ist in die Hände alter Männer geraten, die mit viel Geld nur noch ein Riesenspektakel aufziehen wollen.

SPIEGEL: Ist Olympia so zum Symbol für Bonzentum geworden?

Gebauer: Die Jugendlichen sind von steifen Aufmärschen und Nationalismen angewidert. Und die Bewerbung in Berlin hat bislang kein einziges Argument vorgebracht, das sie begeistern könnte. Es wurde die Chance verpaßt, Gedanken und Visionen zu entwickeln, was mit dieser Stadt in Zukunft geschehen soll.

SPIEGEL: Die Umfragen, frohlockt der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, verheißen aber eine wachsende Olympiabegeisterung.

Gebauer: Es gibt nur pauschale Meinungsumfragen, und die sind in ihrer Methodik ziemlich fragwürdig. Die Berliner Olympiawerber haben den entscheidenden Fehler gemacht, nie richtig klarzustellen, was man mit dem Spektakel Olympia in der Stadt eigentlich will - außer dem Bau eines Olympia-Expresses oder der Erledigung sonstiger Hoch- und Tiefbauaufgaben.

SPIEGEL: Was hätten Sie denn anders gemacht?

Gebauer: Bisher war noch nicht die Rede davon, daß die Spiele viel mehr sein könnten als ein gigantischer Werbeträger. Warum soll man nicht darüber nachdenken, wie man die symbolische Darstellung der Spiele verändern könnte - gegen Nationalismus und Rassismus? Die Politik hat sich einzig und allein um die Zustimmung der großen Industrie bemüht. Die Spiele sind dem Publikum angedreht worden wie ein beliebiges Produkt im Werbefernsehen - wie eine Fertigsuppe. Deshalb sind nicht nur viele Jugendliche anti-olympisch eingestellt.

SPIEGEL: Hilmar Hoffmann, der ehemalige Olympia-Kulturbeauftragte, ist überzeugt, mit seinem Programm zumindest die Kunstschaffenden für Olympia begeistert zu haben.

Gebauer: Er hat den traditionell geldbedürftigen Kulturschaffenden einfach Geld versprochen. Hoffmann hat seine Aufgabe zu sehr von der Seite des Kulturmanagements betrachtet. Mit Sport hatte das Programm so gut wie nichts zu tun. Und wenn die Philharmoniker im Pergamon-Museum dem IOC nach einem Muster aufspielen, wie es sich Goebbels ähnlich ausgedacht hat, gesellt sich dazu noch die Brüderschaft mit der offiziellen Repräsentationskultur.

SPIEGEL: Wer sich in der Hauptstadt gegen die Spiele äußert, wird sofort als Berlin-Feind abgestempelt. Warum lassen sich Wissenschaftler oder Künstler das gefallen?

Gebauer: Auch in Berlin halten die Intellektuellen eben gern Distanz zum Sport. In Wahrheit sitzen die meisten regelmäßig vor der »Sportschau« und haben ihre Lieblingsmannschaft, aber sie werden sich hüten, dies in der Öffentlichkeit zuzugeben. Es sei denn, man tut das, um eine aparte Schockwirkung zu erzielen - etwa, wenn Walter Jens von seinem Eimsbüttler TV spricht.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt der Deutsche Sportbund?

Gebauer: Der tritt überhaupt nicht auf. Keiner hört ihn, keiner sieht ihn, er äußert sich einfach nicht.

SPIEGEL: Auch Diepgens Koalitionspartner hält sich bedeckt.

Gebauer: Die SPD ist einfach abgetaucht. Sie steht sich wohl immer noch selbst im Weg, weil sie zum Spitzensport wie zu Apo-Zeiten ein gequältes Verhältnis hat.

SPIEGEL: Olympia, so der Senat, soll Ost und West miteinander verschmelzen. Kann das funktionieren?

Gebauer: Da bin ich skeptisch. Ich glaube, das alte Rezept wird fortgesetzt. Der Sport wird politisch ausgenutzt - ganz im Sinne des früheren Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble, der über den Sport das deutsche Einheitsgefühl vermitteln wollte.

SPIEGEL: Die Olympischen Spiele in Barcelona haben bewiesen, daß diese Idee nicht funktioniert.

Gebauer: Die Westdeutschen haben versucht, sich aus der Hinterlassenschaft des DDR-Sports die Perlen herauszulesen. Doch als Bindeglied zwischen Ost- und Westjugend taugt allenfalls die Schwimmerin Franziska van Almsick. Und obwohl Ost-Berlin durch Olympia eine verbesserte Infrastruktur erhalten soll, haben viele dort das Gefühl, durch die Olympiaplanungen platt gemacht zu werden.

SPIEGEL: Dennoch soll Olympia in Berlin zum Höhepunkt der nationalen Vereinigung werden.

Gebauer: Spitzensportler verstehen sich vor allem dann als Vertreter ihrer Nation, wenn es gilt, in den Genuß von Geld und anderen Fördermitteln zu kommen.

SPIEGEL: Mit den Nazi-Spielen setzt sich der Diepgen-Senat kaum auseinander. Heißt die Devise »Totschweigen«?

Gebauer: Die Politiker rollen mit dem großen Bulldozer über die 36er Spiele hinweg und planieren jede Erinnerung. Die Planer versuchen nur, mit Hilfe von Verkaufsstrategien mit Olympia '36 fertig zu werden. Aber das Reichssportfeld mit dem Olympiastadion und dem ehemaligen Führerturm, der heute Glockenturm heißt, wird diese Erinnerungen immer wieder wecken.

SPIEGEL: Täuschen Sie sich da nicht? Karstadt hat den Einmarsch der Nationen von 1936 in Marzipan nachbilden lassen - und gewann so den dritten Platz eines Ideenwettbewerbs der Industrie- und Handelskammer.

Gebauer: Von einem Warenhaus kann man nicht verlangen, eine besondere Kompetenz für die Olympischen Spiele von 1936 zu entwickeln. Das Peinliche an Leichtfertigkeit wie dieser ist: Immer wieder schimmert durch, daß man eigentlich stolz ist auf die Spiele von 1936.

SPIEGEL: Wird dieses Verhalten Berlin bei der Abstimmung in Monte Carlo schaden?

Gebauer: Es gibt genügend Stimmen in der Welt, die die Spiele von 1936, die Fotos und den Riefenstahl-Film für eine grandiose Angelegenheit halten. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist zudem nicht besonders problembewußt in politischen Dingen, sonst würde nicht Peking zu den Favoriten für Monte Carlo zählen.

SPIEGEL: Zyniker behaupten, Olympische Spiele ließen sich am besten in einer Diktatur verwirklichen: Die Sicherheit ist gewährleistet, jubelnde Massen sind garantiert.

Gebauer: Hitler hat als erster den enormen Prestigegewinn, den Olympische Spiele für einen Staat ermöglichen, erkannt. Aber er hat sie dafür auf eine Art überformt, die in dieser Verunstaltung heute nicht mehr möglich ist.

SPIEGEL: Aber Nazi-Erfindungen wie der Fackellauf haben bis heute überlebt.

Gebauer: Richtig, nur haben die Nazis die ganzen Spiele so organisiert, daß sich alle, auch die ausländischen Mannschaften, deutschen Symbolen wie dem Hakenkreuz unterordnen mußten. Heute betreiben nicht mehr die Politiker die Darstellung der Spiele, diese Aufgabe liegt fest in den Händen der symbolischen Produzenten - den Medien.

SPIEGEL: Sind die traditionellen olympischen Ideale - Völkerverständigung und Friedensstiftung - wiederzubeleben?

Gebauer: Beim IOC glaubt selbst keiner mehr daran. Wenn davon noch geredet wird, ist das blanker Zynismus. So läßt sich auf bequeme Art viel Geld verdienen und eine schöne Funktionärskarriere sichern.

SPIEGEL: Das Beschwören olympischer Ideale ist nur geschickte Marketingstrategie?

Gebauer: Die Spiele haben eine herausragende Position, weil sie als weihevolles Ereignis inszeniert werden. Dazu gehören als Garnierung entsprechende Zeremonien, die Faszination und den Schauer des Höheren auslösen sollen - vieles am Sport hat so die Nachfolge von Religion angetreten. Und die Religion der Muskeln braucht großen Zauber, würdige Worte und eine Liturgie.

SPIEGEL: Weil Olympia zum Ritual geworden ist, kann die Idee auch im Zeitalter der Tennis-Millionäre überleben?

Gebauer: Wenn man Coca-Cola und Religion zusammen anbieten kann, dann wird es doch erst richtig schön. Y

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