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PFERDESPORT Wie im Krimi

Doping beeinflußt den internationalen Pferdesport. Die Folgen für die Tiere sind oft tödlich. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Nach 400 Metern war das Rennen für Amerikas erfolgreichsten weiblichen Jockei Patti Parton zu Ende. Pattis Pferd stürzte und verknäulte sich mit drei weiteren kollabierenden Vollblütern. Alle vier Pferde starben.

Die Sturzverletzungen von 1984 beendeten Patti Partons Karriere, in der sie 3600 Siege und 2,5 Millionen Dollar Gewinnprämien zusammengaloppiert hatte. Zum Abschied beklagte sie die Verhältnisse im amerikanischen Turfsport: »Auf kranken Pferden sitzen oh rauschgiftsüchtige Jockeis.«

Allein im US-Staat Illinois starben im vorigen Jahr 85 Rennpferde auf der Bahn. Im Kentucky Derby 1986, einem der wertvollsten Zuchtrennen der Welt, starteten 16 Vollblüter. 14 von ihnen waren gedopt. Ihren Jockeis, Besitzern oder Trainern geschah gleichwohl nichts, im US-Staat Kentucky ist die Anwendung mancher Doping-Mittel erlaubt.

Im bedeutendsten Turfland der Welt, in dem die Mafia weitgehend das einträgliche Wettgeschäft kontrolliert, wird gedopt, bis die Pferde zusammenbrechen. Leistungsfördernde Mittel wie Butazolidin oder Lasix dürfen teils jederzeit verabreicht werden, so in Kentucky, teils bis drei Tage oder drei Stunden vor einem Rennen.

Nach der Behandlung mit dem Schmerzmittel Butazolidin sind »die Pferde in ihren Beinen unempfindlich«, heißt es in einer Untersuchung ("Rechtliche Fragen des Dopings«, Herausgeber Wolfgang Schild) und können leichter »bei der hohen Geschwindigkeit (60 km/h) stürzen«.

Lasix könne einen »10000-Dollar-Gaul in einen 50000-Dollar-Renner verwandeln«, erklärte Jerry Fanning, der Trainer von »Desert Wine«, der 1983 dank Lasix Zweiter im Kentucky Derby geworden war. Tierärzte wenden das Mittel bei Nüsternbluten an. Häufig aber wird es nicht als Medikament genutzt. »Wir kennen nicht den genauen Grund, sagt der Tiermedizinprofessor George Maylin. »aber Lasix steigert unbestreitbar die Leistung.«

Doping hat wegen hoher Wetteinsätze und Siegprämien im Pferdesport eine lange Tradition. So machten Trainer und Pferdepfleger in der Urzeit der Pferderennen, lange bevor Doping-Verbote erlassen worden waren, ihren Rennern mit Whisky und Tollkirschen Beine; oder sie

betäubten die Rennlust mit Opiumtropfen. Gegenwärtig sind vor allem neben leistungssteigernden Schmerzmitteln Beruhigungspillen »für ganz heiße Renner« gebräuchlich, wie Rennstallbesitzer Alwin Schockemöhle weiß.

Die Versuchung zum Dopen stieg mit der Verbreitung der Video-Technik. Sie kontrolliert zumindest in allen bedeutenden Rennen lückenlos, ob ein Jockei sein Pferd zügelt oder andere unfair behindert, wie der frühere britische Champion Lester Piggott, der einem Rivalen im Endkampf die Peitsche entriß. Als wehrlose Opfer bleiben die Rennpferde. Ein lahmer Zossen wird zum Überraschungssieger hochgeputscht oder ein Favorit durch beruhigende Mittel gestoppt.

In Europa sind alle Fremdstoffe verboten, die Leistungen hemmen oder fördern. Doch in der Praxis bedeutet das wenig. Regelmäßige Doping-Tests picken immer wieder Sünder heraus wie nach einem Hindernisrennen in Mülheim den Schweizer Hengst »French Suites« oder die Stute »Padang«, die in Düsseldorf dank eines schmerzbetäubenden Mittels 15 Längen Vorsprung herausgaloppiert hatte und dadurch aufgefallen war. »Die Dunkelziffer ist gewaltig«, sagte Professor Manfred Donike, als Doping-Fahnder weltweit renommiert.

Traber sind auch in der Bundesrepublik schon tot zusammengebrochen, etwa in Hamburg-Bahrenfeld, dieses Jahr in Elmshorn. Doch die Kontrollstelle, die der Hauptverband für Traber-Zucht und -Rennen (HVT) zum Testen bestimmt hatte, das Institut für Pharmakologie, Toxikologie und Pharmazie an der Tierärztlichen Fakultät der Universität München, entdeckte an den toten Pferden nichts und sonst selten etwas. Doping-Experte Donike maß dem Münchner Verfahren nur eine »Alibi-Funktion« zu und warf dem HVT »unwissenschaftliche Methoden« vor.

Wie in einem Krimi stellte die mißtrauisch gewordene Hamburger Wirtschaftsbehörde dem Münchner Institut eine Falle. Im Einvernehmen mit Besitzer und Rennverein ließ sie 1984 eine kranke Traberstute mit einem entzündungshemmenden, aber auch leistungsfördernden Mittel behandeln, ohne das Pferd im Rennen einzusetzen. Die Münchner fanden keine verbotene Substanz.

Dagegen stellte das Institut am besten dreijährigen deutschen Traber »Every Way« 1986 vom Dopingmittel Oxyphenbutazon so viel fest, »daß es für sechs gereicht hätte«, wie Besitzer Alwin Schockemöhle berichtete. Der zweite Test bei Donikes Anwesenheit ergab keine Spur eines verbotenen Mittels mehr.

»Einen Racheakt« vermutete Schockemöhle hinter der Affäre. Der Münchner Test »spricht rechtsstaatlichen Grundsätzen Hohn«, urteilte Donike. Dort waren Probe und auch die versiegelte Gegenprobe miteinander geöffnet worden, »ein unglaubliches Vorgehen«, kritisierte die Fachzeitschrift »Traber-Rundschau«.

Der ungewöhnlichste Versuch der Manipulation fiel Wettbetrügern in Italien ein. Auf der Rennbahn von Ardenza bei Livorno beschossen sie nacheinander sechs Rennpferde aus der Entfernung mit Betäubungsmitteln, wie sie Großwildfänger in Dschungel und Steppe zur Betäubung wilder Tiere benutzen.

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