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FUSSBALL Wie kleine Kinder

Drei Jahre lang war Sören Lerby Spielmacher des FC Bayern München. Sein Vergleich zwischen dänischen und deutschen Fußball-Profis ist für die Bundesliga wenig schmeichelhaft. *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Mehr als die Spielstärke der WM-Gegner Schottland, Uruguay, Deutschland, fürchtet Sepp Piontek, 46, offensichtlich das unberechenbare Naturell der eigenen Kicker.

Die Dänen, so der Deutsche Piontek, Nationalcoach der Dansk Boldspil-Union seit 1979, seien »sehr freiheitsliebend«, sie könne man nicht trimmen. Er wisse nicht, wie sie über den längeren Zeitraum einer Weltmeisterschaft »auf disziplinarische Anordnungen reagieren«.

Dem landläufigen Bild zur Askese angehaltener Leistungssportler entsprechen die dänischen Fußballer tatsächlich kaum. Sören Lerby, 28, griff während eines Interviews in der Woche nach dem Pokalsieg seines Vereins Bayern München des öfteren ungeniert zur Zigarette und entschuldigte sich quasi dafür, daß er als Getränk Mineralwasser wählte: Die Feierei habe ihn »arg geschlaucht«, er müsse mal auf die Bremse treten.

Anders als die angepaßten deutschen Profis, die sich am liebsten in der Gruppe verstecken, dokumentieren die Wikinger individuelles Selbstbewußtsein. »Wenn du ein Champion sein willst, mußt du dich wie ein Champion verhalten«, sagt Lerby. Dazu gehöre auch die Fähigkeit, »zum richtigen Zeitpunkt das Leben zu genießen«. Verkrampfung habe noch nie zum Erfolg geführt.

Seit die Dänen bei der Europameisterschaft 1984 in Frankreich unbekümmert bis ins Halbfinale stürmten und den Spaniern erst durch Elfmeterschießen unterlagen, sind die etablierten Fußball-Mächte irritiert.

»So ein Mist, ausgerechnet die«, maulte Franz Beckenbauer, als feststand, daß Deutsche und Dänen am 13. Juni im mexikanischen Queretaro Gegner bei der Fußball-Weltmeisterschaft sein werden. »Schön, daß es zu diesem Spiel kommt«, erklärte hingegen Kollege Piontek.

Dabei müßten eher die Dänen Fracksausen vor der Begegnung mit dem Nachbarn haben. Im Fünf-Millionen-Einwohner-Land gibt es nur 208350 Fußballer, in Deutschland sind es mehr als zwanzigmal so viele. Die meisten Spieler der ersten Liga gehen zumindest einem Halbtagsjob nach. Wer allein vom Fußball leben will, muß sich mit einem Jahreseinkommen von rund 60000 Mark begnügen, weniger, als Rudi Völler jeden Monat einstreicht.

Seit Jahrzehnten verdingen sich deshalb die Besten bei ausländischen Spitzenklubs. In Mönchengladbach stieg einst Allan Simonsen zu Europas »Fußballer des Jahres« auf, wie Lerby mit Bayern München gewann jetzt auch Jan Mölby mit dem FC Liverpool das »Double«, Meisterschaft und Pokal. 14 der voraussichtlichen 22 Mexiko-Fahrer kicken im Ausland, kaum ein anderer Nationaltrainer arbeitet unter so erschwerten Bedingungen wie Piontek.

Doch der Mann, so eine Kopenhagener Zeitung, »der die Nation sammelte«, _(Mit Ehefrau Willeke, Sohn Jonny. )

hat durch seine offene Art im Umfeld der Nationalelf ein Klima erzeugt, das die Legionäre zu einem Länderspiel ähnlich erwartungsfroh anreisen läßt wie einstige Schulkameraden zum Klassentreffen. »Wir freuen uns immer riesig«, so Lerby, »wenn wir uns wiedersehen.«

Sie seien in der Fremde bei großen Vereinen wie Anderlecht, Manchester United, Liverpool oder Juventus Turin durchweg gestandene Profis geworden, gestählt in zahllosen internationalen Wettbewerben. Lerby, der als 17jähriger seinen ersten Profivertrag bei Ajax Amsterdam unterschrieb: »Leistungsdruck macht uns nichts aus, den sind wir gewohnt. Wir benötigen nur eine gute Stimmung, und dafür sorgt Piontek.«

Der behauptet, längst so keß wie seine Spieler: Nur zwei aus Beckenbauers Mannschaft könne er gebrauchen, Torwart Schumacher und Mittelstürmer Völler. Die anderen Positionen seien bei ihm besser besetzt. Und er beklagt sich auch nicht darüber, daß es ihm an Individualisten mangele. Eher, so Piontek, habe er zu wenig Wasserträger.

In der deutschen Mannschaft sind die Verhältnisse umgekehrt, Beckenbauer sucht immer noch einen Spielmacher für sein farbloses WM-Team. Daß es keine Spieler mit Führungsqualitäten gibt, hat laut Lerby seinen Hauptgrund im Duckmäusertum in der Bundesliga. Die meisten Vereine, so Lerbys Erkenntnis nach dreijährigem Engagement in Deutschlands höchster Fußballklasse, würden ihre Spieler »wie kleine Kinder behandeln«, sie zu Jasagern erziehen, nicht mal Ansätze zur Entwicklung von Persönlichkeit zulassen.

Pierre Littbarski wurde unlängst von den Vorstandsherren seines Vereins 1. FC Köln mit einer Geldbuße belegt weil er ihre Arbeit kritisiert hatte. Undenkbar, so Lerby, sei das sowohl in Dänemark wie in Holland. Bei Ajax, erinnert er sich, »wurden junge Spieler direkt dazu angehalten, in Diskussionen offen ihre Meinung zu sagen«. Ein Fußballprofi könne doch nur Verantwortung übernehmen, wenn er gelernt habe, »ehrlich zu reden«, sich auch außerhalb des Fußballplatzes zu behaupten.

Lerby verläßt die Bundesliga, er wechselt zum AS Monaco. In München, sagte er beim Abschied, habe er zwar immer seine Ansicht kundtun können, doch das sei eine Ausnahme: »Im deutschen Berufsfußball funktioniert das System so, daß jeder den anderen kleinhalten will. Offenheit und Selbständigkeit sind nicht erwünscht.« Das gelte nicht allein für das Verhältnis der Klubs zu den Spielern, sondern ebenso für die Beziehung unter den Kollegen.

Die dänischen Spieler, so Lerby, seien auch deshalb psychisch weniger anfällig, weil sie in der Lage wären, anders miteinander umzugehen: »Wir sagen uns unverblümt die Meinung. Aber dann trinken wir ein Bier zusammen, ohne vorher den Trainer zu fragen.«

Mit Ehefrau Willeke, Sohn Jonny.

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