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EISHOCKEY Wie Knäckebrot

Der Bundesliga-Aufsteiger BSC Preußen setzt die Tradition Berliner Skandalklubs fort. Die Fans protestierten mit Schweigeminuten gegen die Funktionäre. *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Die Stadionuhr zeigte 14 Minuten und 53 Sekunden Spielzeit zwischen den Bundesligateams des BSC Preußen Berlin und der Düsseldorfer EG an. Da zählten 5592 Zuschauer in der Berliner Eissporthalle laut rückwärts: »Sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins - los.«

Dann herrschte für die restlichen fünf Minuten des ersten Drittels in der Halle

gespenstische Stille. Und das beim Eishockey, das wie kaum eine andere Sportart seine Faszination aus der unmittelbaren Wechselwirkung zwischen Publikum und Akteuren bezieht.

Selbst als die DEG in dieser Zeit zwei Tore erzielte, gab es weder Beifall noch Pfiffe. Die rund 400 Düsseldorfer in der Halle erklärten sich solidarisch mit dem »stillen Protest«, zu dem eine Berliner Fangruppe aufgerufen hatte.

Der im bundesdeutschen Sport bislang einmalige Protest galt, auch das ist eher ungewöhnlich, nicht den bis dahin sieglosen Berliner Profis oder ihrem Trainer Lorenz Funk. Mit der Schweige-Demo verlangten die Fans den Rücktritt des kompletten Klubvorstandes.

Wieder einmal war ein publicityträchtiger Berliner Sportverein an jenem Punkt angekommen, von dem aus in der Vergangenheit stets der systematische Niedergang folgte. Die Klubs wurden von eitlen, arroganten, fanatischen oder selbstherrlichen Funktionären ruiniert.

Daß es Preußen Berlin anders ergehen wird als etwa den Fußballklubs Hertha BSC, Tasmania, Tennis Borussia oder Blau-Weiß, erscheint unwahrscheinlich. Präsident Herrmann Windler ließ durch seinen Manager Stefan Metz verkünden: »Diese Protestierer haben den Intelligenzquotienten eines Knäckebrots.«

Fans dürften klatschen, aber »keine Vereinspolitik machen«. Wie das zu geschehen habe, weiß bei Preußen nur einer, der Präsident selbst. Denn, so Windler, »leider gibt es hier im Vorstand noch Leute vom Niveau eines Karnickelzuchtvereins«. Deshalb macht der Mann, der im eigenen Steakhaus auch schon mal für die Salatblattdekoration auf den Tellern verantwortlich zeichnet, im Klub am liebsten alles selbst.

Von Gönnern nimmt er maximal 50000 Mark an, »damit mir keiner reinreden kann«. Die Trainer holt er, gefällt ihm ein Übungsteil nicht, schon mal sofort vom Eis, um Sinn und Zweck ihrer Arbeit in Frage zu stellen. Und den Erfolg will er »immer schneller haben«, als der sich einstellt. Deshalb wollte er auch Funk, seit 15 Jahren in Berlin und längst ein Idol wie einst Gustav Jaenecke vom Schlittschuh-Club, entlassen, was die Fans vor Wut schweigen ließ.

Da gibt es Parallelen zu Hertha BSC und dessen Multifunktionär Wolfgang Holst. Auch der heuerte und feuerte nach Belieben, bis ihm die Fans aus dem Olympiastadion davonliefen. Dabei konnte keiner selbst die verrücktesten Entscheidungen so gut begründen wie der wortgewaltige Kneipier Holst. Was ihm zwar den Spitznamen »Moses vom Bahnhof Zoo«, so die »Welt«, eintrug, den Klub aber nicht von sieben Millionen Mark Schulden erlöste.

So »amateurhaft wie Holst«, sagt Windler, sei er nicht, »viel sachlicher«. Was sich auch im Branchennamen ausdrückt: »Schwindler« wird Windler in Berlin schlicht verballhornt.

Da wird deutlich, mit wieviel Frust und Resignation Berliner Sportfans die Machenschaften der Klubpräsidenten inzwischen registrieren. Niemand regt sich mehr darüber auf, daß etwa die Zweitligaprofis von Blau-Weiß dem Sanitärgroßhändler Hans Maringer aus Nürnberg gehören oder der derzeitige Hertha-Präsident Heinz Roloff mit rund 1,4 Millionen Mark pro Jahr aus der eigenen Tasche abgehalfterten Bundesligatrainern und -spielern wie Jürgen Sundermann und Walter Junghans ein feudales Leben als Amateur ermöglicht.

Die Provinzialität der, laut Senatswerbung, »Weltstadt« auf dem Gebiet des Sports wird an vielem deutlich. So werden die Ergebnisse der Fußball-Amateurliga wie Börsenhits verkauft. Und als die Preußen im elften Spiel endlich den ersten Sieg mit 6:1 gegen Iserlohn erkämpften und an dem Wochenende auch noch Blau-Weiß siegte, die Basketballer des DTV Charlottenburg sowie die Wasserballer der Wasserfreunde Spandau gewannen und Hertha sogar gegen die Reinickendorfer Füchse bestand, bejubelten die Journalisten auf der Pressetribüne der Eissporthalle gleich »die Hausse im Berliner Sport«.

Da reicht es dann schon zum Gefühl der Weltläufigkeit, wenn Bürgermeister Eberhard Diepgen samt Sohn beim Eishockey zuschaut. Doch die tatsächliche Sehnsucht der Fans nach Sportereignissen von Rang dokumentiert sich darin, daß etwa zum Finale der Deutschen Meisterschaft im American Football zwischen den Berliner Adlern und Baden Greifs 15000 Menschen kommen.

Im Fußball gab es deshalb häufiger Fusionsversuche, der letzte scheiterte im vergangenen Jahr unter anderem auch daran, daß sich die Funktionäre von vier Klubs nicht einigen konnten, welche Farben Trikot und Hose dann haben sollten. Am 27. November wird ein neuer Versuch gemacht, sollen die Mitglieder von Hertha und Tennis Borussia über eine Fusion abstimmen. Den Wunsch dazu hatten die Funktionäre unter Tränen verspürt, als im Sommer dieses Jahres der emsländische Provinzverein SV Meppen statt der Hertha in die Zweite Liga aufstieg.

Künstliche Wiederbelebungsversuche sind auch im Berliner Eishockey nichts Ungewöhnliches. Im Februar 1978 etwa beschloß der Senat eine 450000-Mark-Hilfe für den Berliner Schlittschuh-Club, den Vorgänger der Preußen in der Bundesliga. Doch schon im Sommer war der Klub wieder bankrott. Da half Verleger Axel Springer über Nacht mit 400000 Mark aus. Vier Jahre später, 1982, war der BSC aber unwiderruflich pleite.

Beim alten BSC arbeitete lange auch Windler mit, damals als Schatzmeister. Aus der Erfahrung erklärt sich daher wohl auch die Frage, mit der er jetzt Journalisten bei Preußen-Spielen begrüßt: »Haben Sie Geld mitgebracht? »

Auch Funk bringt für die real existierenden Berliner Verhältnisse reichlich Erfahrung mit. Springer mußte 1978 unter anderem auch deshalb sein Berliner Notopfer leisten, weil einige Spieler, darunter Funk, plötzlich Forderungen aus drei und mehr Zusatzverträgen geltend machten. Deshalb mag Funk »den Herrmann Windler ja eigentlich ganz gern«. Und er müsse, bekannte der fast entlassene Trainer, mitunter auch lachen, wenn der »Schwindler« mal wieder »so eine richtige Schote rausläßt«.

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