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DOPING Wie lebenslänglich

Die Schweizer Mittelstrecken-Läuferin Sandra Gasser muß Ihre bei der Weltmeisterschaft in Rom gewonnene Bronzemedaille zurückgeben. Ihr Urin enthielt Testosteron. Doch die Athletin bestreitet jede Schuld. *
aus DER SPIEGEL 41/1987

Zum Arzt geht sie nur selten, denn »gesunde Menschen brauchen keinen Doktor«. Sie kuriert sich lieber mit homöopathischen Mitteln. Gegen eine Blasenentzündung nahm sie letzthin bloß gewöhnlichen Nierentee: Sandra Gasser, 25, die derzeit erfolgreichste Schweizer Leichtathletin - jüngst Dritte im 1500-Meter-Lauf der Weltmeisterschaften in Rom -, galt den Eidgenossen bislang als Verkörperung des altmodisch-seriösen Leistungssports.

»Ich habe noch nie im Leben Dopingmittel genommen. Ich habe meine Abneigung gegen das künstliche Aufputschen immer öffentlich kundgetan«, behauptet Sandra Gasser auch heute noch.

Doch alle ihre Schwüre und verzweifelten Bekenntnisse sind vergeblich: Funktionäre des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) verhängten am vorigen Montag eine zweijährige Sperre über sie. Sandra Gasser muß ihre Bronzemedaille ebenso zurückgeben wie ihre Brüsseler Grand-Prix-Trophäe und insgesamt über 33000 Franken Prämien, die sie dafür verdient hatte.

Ihr Urteil fällte die Dopingkommission der IAAF aufgrund der Analyse von zwei Fläschchen Urin, den Sandra Gasser nach dem 1500-Meter-Lauf in Rom abgeben mußte. Beide Proben enthielten eine bisher unbekannte Menge des männlichen Sexualhormons Testosteron, das von Leichtathleten zur Förderung ihrer Muskelkraft, besonders während harter Trainingsphasen, geschluckt wird.

Sandra Gasser, aber auch ihre Trainer und Betreuer ebenso wie Verbandsarzt Bernhard Segesser, einer der angesehensten Schweizer Sportmediziner, verstehen seither die Welt nicht mehr.

»Vor einem Rennen Testosteron zu nehmen ist völlig sinnlos«, erklärte Verbandsarzt Segesser, der die Schweizer Sportler in Rom betreute. Denn die Präparate wirkten erst nach wochenlanger Kur.

Besonders ratlos machte Segesser die Nachricht, es sei »Methyltestosteron« gefunden worden, eine Form des Hormons, die er nur aus einem Medikament kenne, das seit 1980 wegen Nebenwirkungen freiwillig vom Markt zurückgezogen worden war.

Für Sandra Gasser spricht, daß sie in diesem Jahr in fast regelmäßigen Abständen Dopingkontrollen anstandslos überstand: zweimal im Juni und einmal im August.

Eine vierte Untersuchung, die sie nach Bekanntwerden der ersten römischen Analyse auf Anraten ihres Verbandes im Institut der Kölner Sporthochschule von dem Spezialisten Professor Manfred Donike vornehmen ließ, war ebenfalls negativ.

Skeptiker, die Sandra Gassers Unschulds-Beteuerungen nicht ohne weiteres glauben mögen, fragen sich, ob die Reise zu dem als Doping-Papst berühmten Professor der Versuch gewesen sei sich einen Entlastungszeugen zu verschaffen.

Die »Schweizer Illustrierte« zweifelt zudem an Segessers Information, die, Einnahme von Testosteron vor einem Wettkampf sei absurd: »Die Mittel senken die Erholungszeit und können einen zusätzlichen Energieschub bringen.« Das im Urin Sandra Gassers gefundene Methyltestosteron baue sich im Körper sehr schnell ab und könne bis zwei, drei Tage vor dem Wettkampf genutzt werden.

Das Fachblatt »Sport« erinnerte daran, daß die Läuferin in Rom anzugeben vergaß, daß sie die Antibabypille nimmt, und auch eine »harmlose Schlaftablette« vor dem Finale habe sie verschwiegen.

Und schließlich fragen Sportjournalisten plötzlich, was sie bisher nie besonders irritiert hatte: Wie kann sich eine Athletin über 1500 Meter ohne Doping in einer Saison um elf Sekunden auf 3:59.06 Minuten steigern?

Den Mutmaßungen, daß dieses Resultat nur mit Doping zu erreichen war, widerspricht Hans Sommer, Sandra Gassers Trainer: »Wer das behauptet, weiß nicht, daß die Leistungen Folge eines langfristigen Aufbaus sind. Der weiß auch nicht, daß wir das Training wesentlich verändert haben und daß Sandra beruflich wesentlich kürzer tritt.«

Sommer, wie alle Funktionäre des Schweizerischen Leichtathletikverbandes (SLV), halten ihre Athletin allen Indizien zum Trotz für unschuldig. Wie das Testosteron in ihren Urin kam, ist ihnen ein Rätsel.

Rätselhaft ist zumindest, daß die Analyse zweier Urinproben - A und B - kein übereinstimmendes Ergebnis erbrachte. Die Abweichung des »Steroidprofils«, wie die Struktur der körpereigenen und fremden Stoffe genannt wird, ist unerklärlich groß. Der als neutraler Experte vom SLV beigezogene Sportmediziner Wilhelm Schänzer aus dem Kölner Donike-Institut kommentierte ratlos: »Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus können die großen Differenzen nicht akzeptiert werden.«

Und SLV-Arzt Segesser, der dabei war, als Sandra Gasser ihre Urinprobe der bulgarischen IAAF-Ärztin aushändigte, hält die Unterschiede für so dubios, daß er nicht ausschließt, die Proben könnten »von verschiedenen Menschen stammen«.

Ungeklärt ist bislang auch, warum zwischen der Analyse der Probe A, die am Abend nach dem Rennen vorgenommen wurde, und jener der Probe B, die am 23. September, stattfand, 18 Tage verstrichen. »Normalerweise«, so ein Experte, »läßt man in solchen Fällen nicht mehr als fünf Tage vergehen.«

Angesichts der vielen Widersprüche und Ungereimtheiten des Falles blühen in der ratlosen Schweizer Leichtathletenwelt die wildesten Gerüchte: Es sei leicht gewesen, der immer durstigen Sandra etwas ins Mineralwasser zu mixen. Die Flasche war während der Wettkämpfe tatsächlich lange unbeaufsichtigt.

Doch selbst wenn Sandra Gasser wirklich schuldlos ist, wie die meisten glauben, ist ihre Karriere im Spitzensport mit dem Schuldspruch der IAAF wohl zu Ende.

Ein Einspruch gegen das Urteil ist in dem eben erst - auch mit der Stimme des SLV - beschlossenen neuen Reglement nicht vorgesehen. Und eine Sperre von zwei Jahren, weiß die Sportlerin zu Recht, ist »wie lebenslänglich«.

Deshalb kämpft Sandra Gasser jetzt »nur noch um meine Ehre«.

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