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Reiten Wie Strapse eingeknöpft

Gefahr für die Schmiede? Ein Erfinder aus Ostwestfalen will Pferde mit Kunststoff statt mit Eisen beschlagen lassen.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Die letzte Revolution erlebte die Reiterzunft vor rund 1800 Jahren. Damals machte es sich das türkische Reitervolk der Kumanen zur Gewohnheit, den Pferden Eisen unter die Hufe zu nageln. Um den hornigen Mittelzeh der vierbeinigen Arbeitstiere zu schützen, hatten es Ägypter und Römer zuvor weitgehend erfolglos mit Bast, Leder oder Bronze versucht.

Das Hufeisen des Turkvolks überlebte die Jahrhunderte mit so erstaunlicher Dauerhaftigkeit, daß es noch heute die amerikanische Industrie und deutsche Lehrbücher bereichert. Allein die US-Bürger geben jährlich rund fünf Milliarden Dollar für den Hufbeschlag aus. In Deutschland hat die Kunst der Sohlenbearbeitung mit Eisen sogar zur Gründung einer Staatlichen Hufbeschlagschule geführt.

Doch nun müssen die Meister in den Lehrschmieden umlernen - zumindest wenn sich die Patente des Ostwestfalen Peter Stübbe in der Reiterwelt durchsetzen. Stübbe, 55, hat einen Hornschutz aus Kunststoff erfunden, der täglich nach Gebrauch abgeknöpft werden kann.

Die Neuentwicklung bietet vor allem in der Sportreiterei Vorteile. »Der Eisenbeschlag bei Renn- und Springpferden«, ermittelte Holger Preuschoft, Professor für funktionelle Morphologie an der Universität Bochum, »erfordert einen unnötigen Krafteinsatz«. Als Folge der Überlastung müssen die meisten Rösser, weil sie lahmen, ihre Karriere vorzeitig beenden. Doch alle bisherigen Innovationen, so Preuschoft, scheiterten schon am »unglaublichen Konservatismus« der Reiter: »Die stemmen sich gegen alles, was sich nicht in Medaillen umsetzen läßt.«

Dabei sind die Belastungen im Sporteinsatz gewaltig. Auf der Rennbahn werden beim Vorschnellen der Eisen Geschwindigkeiten von bis zu 180 Kilometern gemessen, was enorme Zugkräfte für Huf und Gelenk bedeutet. Auch beim Überqueren der Hindernisse stören die rund 500 Gramm schweren Beschläge, ein leichter Sohlenschutz aus Kunststoff (150 Gramm) würde dagegen Gewichts- und damit Wettbewerbsvorteile bringen.

Was als Alternative zum Eisen zur Schonung des Pferdefußes bisher ausgedacht wurde, erfüllte aber entweder nicht die zwei Grundbedingungen - ein Hufbeschlag muß fest sein wie ein Brückenpfeiler und präzise wie ein Kugellager -, oder es wurde von der Lobby der Schmiedemeister boykottiert.

So stieß auch Stübbe zunächst auf eine Front der Ablehnung: Als der Erfinder seine Kunststoffbeschläge bei einer Innungsversammlung vorstellte, diskutierten die anwesenden Schmiede nur darüber, wie man dem Eindringling rechtlich ins Handwerk pfuschen könne.

Doch der Pferdefreund, der im elterlichen Unternehmen für Kunststofftechnik vornehmlich die Produktion von Schuhsohlen überwachte, ließ sich nicht entmutigen: Für Menschen, empörte sich der aus Kalletal bei Bielefeld stammende Hobbyreiter, gebe es Dutzende von Methoden und Materialien, um den Fuß zu schützen, »fürs Pferd immer nur Eisen«.

In Amerika, dem Land der unbegrenzten Pferdefreunde, konnte Stübbe sein erstes Patent auch prompt an den Multi Mustad verkaufen. Doch der Monopolist für Hufnägel zeigte anschließend nur wenig Interesse, sich mit dem neuen Produkt den eigenen Markt abzugraben. Der Plastik-Hufschuh blieb weitgehend auf den Einsatz bei kranken Tieren beschränkt.

Stübbe setzte seinen Kampf gegen die Drangsal der Vierbeiner fort. An der aufwendigen Weiterentwicklung seines Patents, glaubt er, »kommt nun niemand mehr vorbei«.

Der größte Fortschritt des neuesten Stübbe-Schuhs: Er ist abnehmbar. Zunächst werden an den Huf Befestigungen aus einem Spezialkunststoff geklebt. In diese Verankerungen wird dann der Hornschutz, der aus einem Kunststoffring mit Stahlplättchen besteht, wie Strapse eingeknöpft. Diese Beschläge sind zuvor nach einem speziellen Schrumpfungsverfahren exakt auf die Größe des Hufes angepaßt worden.

Der Reiter kann den Pferdeschuh nun »wie den Sattel« (Stübbe) nach Bedarf entfernen. Er soll aber nicht nur praktischer, elastischer und damit gesünder als der alte Eisenbeschlag sein: Auf jährlich rund 1000 Mark summieren sich die Ausgaben für das etwa alle sechs Wochen zu wechselnde Eisen eines Sportpferdes. Schon nach wenigen Monaten werde sich die Plastiksandale amortisieren, verspricht Stübbe, »danach reduzieren sich die Kosten erheblich«. Y

[Grafiktext]

S. 176b Pferde: Abknöpfbare Hufbeschläge aus Plastik

[GrafiktextEnde]

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