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RODELN / GERÄTE Wild wie ein Bronco

aus DER SPIEGEL 6/1970

Bisher prüften Porsche-Fans den Werbe-Slogan der kleinsten deutschen Automobilfabrik nur auf den Straßen. Seit diesem Winter könne sie »Das Fahren in seiner schönsten Form« auch auf eigenen Abfahrts-Pisten probieren.

Zusammen mit der Schweizer Firmengruppe Arova entwickelte das Werk einen Skibob 212 »mit unverkennbarem Porsche-Design«. Auf das einst aus einem Fahrrad mit Kufen entstandene Rutschgerät übertrugen die Konstrukteure die Teleskop-Federung aus dem Automobilbau: Sie mindert die Gefahr von Rückgrat-Verstauchungen. Der Preis (653 Mark) entspricht freilich dem unter Porsche-Fahrern kolportierten Spruch: »Nur Fliegen ist teurer.

Der spursichere Pisten-Porsche folgt einem Trend: Immer mehr Winter-Urlauber schlitteln und rodeln auf verschiedenartigen Schneefahrzeugen. Denn etwa ein Drittel der Wintergäste läuft nicht Ski. »Für alle, die, bisher nur zum Après-Ski kamen«, verwies der Schweizer Wintersport-Unternehmer Rinaldo Jacomelli aus Montana auf den Skibob, »habe ich nun etwas zu tun.«

Die Zahl der 40 000 Skibob-Fahrer (1966) stieg bis zum letzten Winter auf 100 000; darunter sind 15 000 Deutsche. Auch Automobil-Weltmeister Jackie Stewart, 30, und Peter Bischoff, 65, Segel-Olympiasieger von 1936, fahren Skibob. Zum Skibobben bedarf es keiner antrainierten Kondition, die Verletzungsgefahr ist geringer als auf Ski.

Der Skibob vermittelt auch denen »ein Erfolgserlebnis, die wegen fehlender oder mangelnder skiläuferischer Kenntnisse nie daran denken können, größere Abfahrten zu befahren«, heißt es in einem Gutachten der Kölner Sporthochschule. Andererseits lasse sich ein Skibob auch »wild wie ein ungezähmter Bronco« reiten, schrieb das US-Magazin »Sports Illustrated«. Der Geschwindigkeits-Weltrekord steht bei 164,25 km/h.

Allein in der Bundesrepublik legten mehr als 40 Orte Skibob-Pisten an, in Österreich sogar 50. Bis spätestens 1975 rechnet die Industrie -- zum Mißvergnügen der Skiläufer -- mit einem Jahresausstoß von 100 000 Skibobs.

»Nach dem Skibob kommt ein neuer Pistenschreck«, warnte »Twen« vor den Snowmobiles, motorisierten Kufenfahrzeugen. Sie reichen im Preis von Miniautos bis zu Mittelklasse-Wagen (3500 bis 8000 Mark) und preschen bis zu einem Höchsttempo von 160 km/h über Schnee und Eis.

Zunächst hatte das dem Kanadier Joseph-Armand Bombardier 1959 patentierte Snowmobile als Winterhilfe für Landärzte gedient. Mit Motorschlitten versorgten die US-Behörden vom Schnee abgeschnittene Navajo-Indianer. 1968 führte der Amerikaner Ralph Plaisted eine Expedition auf vier Snowmobiles zum Nordpol.

Inzwischen knattern 500 000 Motorschlitten in den USA, Kanada und den Alpenländern. Einer gehört dem früheren US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey. Allein in Amerika veranstalten Fans etwa 2700 Rennen pro Winter. Der Sieger der Alaska-Rallye über 960 Kilometer von Anchorage nach Fairbanks kassierte 10 000 Dollar.

»Die Leute kamen zu uns, um dem Stadtlärm zu entgehen«, schimpfte Wintersport-Manager Ernie Blake aus Neu-Mexiko über die Schneemobile, »und diese teuflischen Dinger bringen ihn den Leuten nach.«

Dagegen verursacht ein anderes, neuartiges Rodel-Gerät allenfalls ein Knirschen im Schnee: Ungefähr 500 Sportler rutschen schon auf sogenannten Snow-carts, nur 30 Zentimenter hohen Plastik-Wannen, wie einst die Teutonen auf ihren Schilden die Alpenhänge hinunter. Das Schnee-Boot (Preis: 45 bis 100 Mark) erreichte schon 98 km/h.

»Man braucht Fingerspitzengefühl dort, wo man sitzt«, beschrieb die deutsche Weltmeisterin Marianne Hoess, 18, die Fahrweise. Die Beine stecken dabei in Schlaufen.

Snow-cart-Fans und Skibobber streben beide zu olympischer Anerkennung. Die Snowmobiler leisten schon olympiareife Sprünge: Sie hüpfen bis zu 70 Meter weit.

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