Abfahrts-Kolumne Favoritinnen versagen im Schneetreiben

Nach dem ersten Durchgang im Riesenslalom der Frauen sah alles nach einer Überraschung aus. Doch Martina Ertl-Renz hatte bei schwierigen Bedingungen am Ende die Übersicht verloren. Dieses Schicksal teilte sie allerdings mit vielen Favoritinnen, die ebenfalls leer ausgingen.

Von Max Rauffer


Keiner hat was gesehen - so könnte das Motto des Riesenslaloms der Damen lauten. Schade, denn für mich persönlich ist es gerade diese Disziplin, die ich mir bei den Frauen am liebsten anschaue. Ich bin immer wieder von den Teilnehmerrinnen beeindruckt, mit welcher fahrerischen Dynamik und hohen Geschwindigkeit sie die anspruchsvolle Riesenslalomtechnik im Wettkampf umsetzen. Diese Torabstände sind mir als ehemaliger Abfahrtsläufer bei weitem zu eng gesetzt sind.

Abfahrtsläuferin Ertl-Renz: Keiner hat was gesehen
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Abfahrtsläuferin Ertl-Renz: Keiner hat was gesehen

Die Vorfreude ist groß, die Vorbereitung noch viel größer, und dann spielt das Wetter ausgerechnet bei Olympia nicht mit. Schnee und schlechte Sicht sind eben keine guten Wegbegleiter im alpinen Rennsport. Schon gar nicht bei Olympia. Da drängt sich die Frage auf, ob man nur aufgrund der Terminnot solche Rennen durchdrücken muss? Immerhin war das Wetter heute für alle Fahrerinnen gleich - aber eben leider gleich schlecht.

Wenn man dann mit 60 bis 70 Stundenkilometern in eine weiße Wand fährt und keine Bodenunebenheiten und Geländeübergänge erkennen kann, gibt auch schnell einmal eine etwas unglückliche Figur ab. So wie wir es im zweiten Durchgang bei der Schweizerin Nadia Styger sehen konnten. Erst attackierte sie eine Torstange so knapp, dass ihr die Torflagge auf den Bauch und anschließend vors Gesicht flatterte, dann verlor sie beinahe auch noch den Stock. Darum habe ich umso mehr Respekt für alle Läuferinnen, die heute bis ins Ziel gekommen sind. Zumal der zweite Durchgang aus meiner Sicht wirklich sehr anspruchsvoll gesetzt worden war. Der Kurs drehte sehr stark und die vier Geländeübergänge haben den Athletinnen zusätzlich zu schaffen gemacht.

Die deutschen Hoffnungen lagen einmal mehr auf Martina Ertl-Renz, die bei ihrem letzten olympischen Start noch einmal in bewährter Manier ihr Kämpferherz gezeigt hat. Leider wurde sie am Ende nicht ganz für den Mut zur Attacke belohnt. Eine Medaille zum Abschluss der Karriere hätte ich ihr wirklich gegönnt - zur Halbzeit sah es ja mit dem fünften Zwischenrang recht viel versprechend aus. Einen Vorwurf würde ich Martina aber nicht machen, auch wenn sie im Finaldurchgang nach dem Innenskifehler viel Zeit eingebüßt hat. Sie musste etwas riskieren und bei Fahrten am Limit sind Fehler nun einmal möglich. Die anderen Teilnehmerinnen haben ja auch Vollgas gegeben. Selbst eine Anja Pärson musste heute nach dem zweiten Durchgang akzeptieren, dass es nicht zur Medaille reicht.

Auch die Österreicherinnen, die als Nation bei den Damen derzeit in den Speed-Disziplinen und im Slalom das Maß der Dinge sind, gingen leer aus. Im Riesenslalom haben die ÖSV-Damen offensichtlich noch immer gewisse Probleme auf dem Weg zur absoluten Weltspitze. Bei einem Olympiarennen zählt aber auch immer die Tagesform, und die hat heute ganz besonders bei Julia Mancuso gestimmt. Mit dieser Goldmedaille sind zwar nicht alle Wünsche des US-Teams in Erfüllung gegangen. Aber zwei Goldmedaillen bei den Alpinen würde ich gerne auch einmal wieder bei den Deutschen sehen.

Und dann schreibt Olympia manchmal auch die ganz besonderen Geschichten. So würde ich den fantastischen zweiten Durchgang der Schwedin Anna Ottosson einstufen, die mit Laufbestzeit noch vom 13. Platz zur Bronzemedaille vorfuhr. Dagegen ist der zweite Platz von Tanja Poutiainen schon eher als normal zu bewerten, obwohl auch die Finnin in dieser Saison ihre Höhen und Tiefen erlebte. Silber wird sie für die fehlenden Podestplätze im Weltcup sicherlich entschädigen. Außerdem ist ihr durch den dritten Rang ein Platz im Olympia-Geschichtsbuch sicher, da sie die erste finnische Alpine ist, die bei Olympia eine Medaille gewinnen konnte.

Ich bin mal gespannt, was uns zum Abschluss der alpinen Rennen die Herren im Slalom zeigen werden. Vielleicht gibt es danach noch eine weitere besondere Geschichte zu erzählen. Die von Alois Vogl oder die von Felix Neureuther. Ein Wort möchte ich zum Schluss noch über ein olympisches Märchen verlieren: Im Riesenslalom der Snowboardfahrerinnen hat Amelie Kober völlig überraschend die Silbermedaille geholt. Darüber freue ich mich ungemein, denn Amelie kommt aus meinem Heimatort. Fischbachau glänzt endlich wieder silber!



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