Achilles' Verse Achim, der Klimasünder

Der Läufer, eine CO2-Fabrik? Ein Verursacher des Klimaproblems? Achim Achilles will das nicht glauben, macht sich aber Gedanken über Atemmasken und anderen modernen Schnickschnack, den eigentlich keiner braucht.

Neulich dämmerten Mona und ich vor den "Tagesthemen" und gruselten uns mal wieder vor dem Klimaschock, als meine Gattin plötzlich von ihrem Häkelzeug aufblickte und eine Frage stellte, die augenblicklich die Atmosphäre bedrohte: "Sag' mal Achim, sind Läufer eigentlich Klimakiller?" Schon wollte ich "Quatsch!" antworten, womit ich stets eine hohe Trefferquote habe, doch ich hielt in einem Anfall von Weisheit inne. "Wie meinst Du das?", fragte ich lauernd. Sie wollte ja nur wieder meinen geliebten Sport schlecht machen.

"Naja", entgegnete Mona, "wer läuft, der pustet doch mehr Kohlendioxid in die Gegend als einer, der schläft oder fernsieht. Weil er doch mehr Energie verbraucht." Ich überlegte, wo der Denkfehler lag. Aber ich fand keinen. Es schmerzte, aber ich musste meiner Frau Recht geben. Wenn jeden Tag drei Millionen Läufer eine Stunde lang doppelt so viel Kohlehydrate verbrennen wie ein klinisch Toter, etwa ein Walker, dann summiert sich dieses Treibhausgas im Jahr bestimmt zur Abgasmenge eines Kohlekraftwerks. Oder der des Dienstwagenparks von Bundesregierung und der dazugehörigen Lobbyisten.

Nicht auszudenken, wenn wir Läufer in den Kreis der Umweltferkel aufgenommen werden. Bekommen wir CO2-Kontingente, die wir abhecheln dürfen? Und dazu eine Apparatur, die unsere Atemluft misst und laut piept, wenn wir unsere erlaubte Abgas-Menge überschreiten? Andererseits gäbe es Millionen Männer, die sich über ein neues Spielzeug freuen würden. Klaus Heinrich zum Beispiel, mein Laufkumpan. Weil er etwa drei Monate braucht, bis er die Bedienungsanleitung eines neuen Geräts kapiert hat und sich fortan damit langweilt, braucht er mindestens vierteljährlich eine neue Dosis Schickschnack für sein Technologiehalfter, das er unter der Trainingsjacke trägt. Da sind noch viele leere Schlaufen zwischen Handy, Blackberry, GPS und all den anderen Lebensrettern, ohne die man ein 40-Minuten-Läufchen unter keinen Umständen antreten sollte.

Klaus Heinrich läuft ja nicht um der Ertüchtigung willen, sondern sieht im Laufen nur die Chance, viele neue Spielzeuge anzuschaffen, weil man bereits alle anderen Lebensbereiche drahtlos verbunden hat. In seinem 12-Quadratmeter-Wohnzimmer hat Klaus Heinrich zum Beispiel eine achtboxige Dolby-Surround-Anlage installiert, damit die Fahrstuhlmusik, die zu den "Sexy Sportclips" läuft, so richtig unter die Haut geht.

Klaus Heinrich ist süchtig nach diesem Lebensgefühl, zwischen den Paletten eines Elektronik-Ramschladens stundenlang mit dem Verkäufer zu fachsimpeln. Dann kurz Besitzerstolz, lange Ärger beim Anschließen, längeres Warten an Hotlines, Ewigkeiten, bis das fehlende Zwischenstück eintrifft. Natürlich ist das Gerät längst langweilig geworden. Was konnte man mit dem Ding noch mal machen? Musik hören? Fernsteuerungen fernsteuern? Internet-Telefonieren? Egal.

Klaus Heinrich zum Beispiel hat nicht den geringsten Schimmer von Fotografie, schaffte aber zum Preis eines osteuropäischen Kleinwagens Kameras und entsprechende Bildbearbeitungs-Software an. Nächtelang verbrachte er intime Stunden auf dem Sofa mit seiner allerbesten Freundin: der Bedienungsanleitung. So was schaffen nur kinderlose Single-Männer.

Familie oder Bedienungsanleitungen, das ist eine der großen wegweisenden Entscheidungen in jedem Männerleben. Beide führen schnurstracks ins Chaos. Klaus Heinrich jedenfalls hat ein paar Wochen lang jeden Mist fotografiert, sogar beim Laufen, was genervt hat, weil man beim Laufen unmöglich gut aussehen kann. Dann hat er die überwiegend unscharfen Machwerke nach seltsamen Kriterien geordnet und nie wieder angeguckt. Die Kameras hatten inzwischen nicht mehr genug Pixel und stauben seither ein.

Dann kam der iPod und eine neuartige Disziplin: Laufen mit Kopfhörer. Wer nicht zufällig mit DIN-Ohren gesegnet ist, dem fallen die Stöpsel nach dem dritten Schritt aus den Gehörgängen. So wie bei Klaus Heinrich. Eine Weile hat er die Dinger mit einem Fleece-Stirnband in die Ohren gepresst, was sich im Hochsommer als technogiefeindlich erwies. Die Spezialmischung aus Schweiß und Ohrenschmalz riecht nicht nur komisch, sie zersetzt empfindliche Gerätschaften auch wahnsinnig schnell. Zwei Paar Stöpsel und drei Kopfhörer später hatte Klaus Heinrich das Musikhören unterwegs wieder aufgegeben. Endlich konnten wir uns wieder in aller Ruhe über die strukturellen Probleme von Frauen unterhalten. Und ich musste nicht mehr millimeternah an ihn heranlaufen, wenn er brüllte: "Hör" mal. Ist total geil!" und mir einen seiner klebrigen Stöpsel in die Finger oder gleich ins Ohr drücken wollte. Ich freue mich schon auf unser gemeinsames Mundstück für die CO2-Messung.

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