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07. November 2013, 11:24 Uhr

Münchens Olympiabewerbung

Der Kaiser soll's richten

Von und , München

Soll sich München um die Olympischen Winterspiele 2022 bewerben? Am Sonntag entscheiden die Bürger darüber. Die Gegner fürchten hohe Kosten, die Befürworter argumentieren mit Nachhaltigkeit: München soll das Gegenteil von Sotschi werden.

In dieser Stadt geht bei sportpolitischen und allen anderen Fragen nichts ohne den Mann, den alle ehrfürchtig den "Kaiser" nennen. Also steht Franz Beckenbauer unter der Woche im Foyer des Münchner Olympiaturms. Hinter ihm ein merkwürdig buntes Plakat für die Bewerbung der bayerischen Landeshauptstadt um die Olympischen Winterspiele 2022, vor ihm mehrere Kameraleute. Und neben ihm zwei junge Frauen in weiß-blauen Dirndln, die nicht müde werden, mit Daumen-hoch-Geste und keckem Grinsen ihren Beitrag für ein erfolgreiches Votum zu leisten.

Beckenbauer sagt, die Spiele wären für München eine "unglaubliche Chance". Und den Imagegewinn, den die Stadt durch Olympia bekommen würde, "kann man mit Geld nicht bezahlen". Es sind typische Beckenbauer-Sätze, die wenig Inhaltliches transportieren, aber er macht sich für die Sache stark. An Beckenbauers Seite im Olympiaturm ist CSU-Politikerin Christine Haderthauer, Leiterin der Bayerischen Staatskanzlei. Auch sie macht Werbung für "Oja", so heißt der Zusammenschluss derjenigen, die für die Spiele 2022 in München sind.

Befürworter und Gegner trommeln in dieser Woche noch einmal verstärkt, denn am Sonntag fällt die Entscheidung: Wird sich München erneut für Olympische Winterspiele bewerben? Aufgerufen zur Abstimmung sind rund 1,3 Millionen Bürger an vier Standorten: München, Garmisch-Partenkirchen sowie der Landkreis Traunstein, zu dem der Wettkampfort Ruhpolding gehört, und der Landkreis Berchtesgadener Land, wo die Bob- und Rodelbahn am Königssee liegt. In allen vier Orten müssen die Bürger mehrheitlich für die Spiele 2022 stimmen, damit sich München beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bewirbt. Spricht sich nur ein einziger Standort dagegen aus, wird es keine Bewerbung geben.

"Es darf keine Entscheidung von Politikern sein, denn es soll ja ein Fest mit und für die Bevölkerung werden", sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Was er nicht sagt: Auch die fehlende Bürgerbeteiligung war einer der Gründe, warum Münchens Bewerbung für die Winterspiele 2018 scheiterte. Damals gab es teils heftige Auseinandersetzungen mit Grundeigentümern, die ihr Land zunächst nicht hergeben wollten. Auch wenn es am Ende zu einer Einigung kam: Der Bewerbung hing von Beginn an der Makel an, nicht alle hätten an einem Strang gezogen. Daher soll dieses Mal vorher klar sein: Wenn nicht alle wollen, gibt es keine Bewerbung.

Vorhandene Wettkampfstätten sollen genutzt werden

Eine zweite Lehre aus der Pleite von vor zweieinhalb Jahren: Weniger Neubauten, weniger Naturzerstörung. "Unsere Bewerbung soll das Gegenteil von Gigantismus sein. Wir nutzen Vorhandenes", sagt Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Von den 16 geplanten Wettkampfstätten gibt es bereits elf, diese müssten lediglich modernisiert werden. Drei würden temporär entstehen und nach den Spielen komplett zurückgebaut werden. Und nur zwei Hallen innerhalb des Olympiaparks sollen neu gebaut werden, zudem die kleine Sprungschanze in Garmisch-Partenkirchen.

München soll das Gegenteil von Sotschi werden. In der russischen Stadt finden im kommenden Februar die Olympischen Winterspiele statt - dort gibt man "Milliarden für Spiele aus der Retorte" aus, wie Beckenbauer kritisiert.

Weitere Argumente der Befürworter, zu denen unter anderem die Stadt München, die CSU-Landesregierung, die SPD, die Freien Wähler und große Teile der Wirtschaft gehören: neuer Wohnraum in München durch das Olympische Dorf sowie ein Aufschwung für Wirtschaft und Tourismus.

Allerdings: Sind Winterspiele tatsächlich geeignet, um mehr Besucher anzulocken, wo doch der Wintertourismus wegen des Klimawandels nicht gerade als zukunftsträchtig gilt? Diese Frage stellen die Gegner, zu denen etwa die Grünen, die Linke und der Umweltverband BUND gehören. Und was die Wohnungen angeht: "Warum machen wir das nicht jetzt?", fragte Münchens Grünen-Chefin Katharina Schulze in der "Süddeutschen Zeitung" vor dem Hintergrund des aktuell großen Wohnungsbedarfs in München.

Zudem treibt die Gegner die Sorge um, man bleibe am Ende auf den Kosten sitzen, während das IOC den Gewinn einstreicht. 3,3 Milliarden Euro sind für die Spiele 2022 veranschlagt. Das ist zwar deutlich weniger als zum Beispiel für die Winterspiele 2010 im kanadischen Vancouver, die mindestens 4,5 Milliarden Euro gekostet haben. Doch die Gegner argumentieren, der ursprüngliche Kostenrahmen sei bei Olympischen Spielen so gut wie nie eingehalten worden. Dass das IOC von seinen stattlichen Erlösen - für die Spiele 2010 und 2012 kassierte man fast sechs Milliarden Euro - einen Gutteil an die Ausrichtestädte zurücküberweist, ändert an ihrer Skepsis nichts.

Die Kosten? Klar, "g'schenkt kriegst nix", sagt Beckenbauer, der mit dem Imagegewinn argumentiert und in diesem Zusammenhang gerne auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 verweist, die er ja nach Deutschland geholt habe. Er werde bei Reisen noch heute auf dieses Turnier angesprochen. "Aus meinem Gefühl und der Erfahrung heraus kann ich sagen: Wir brauchen die Spiele", sagt Beckenbauer. Der Kaiser hat gesprochen.

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