Peter Ahrens

Entzug der Eishockey-WM für Belarus Beschämendes Zeitspiel

Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Mit dem Beschluss, Belarus die Eishockey-WM wegzunehmen, hat der Weltverband in letzter Sekunde das Richtige getan. Ein Befreiungsschlag für ihn ist das nicht. Im Gegenteil: Er zeigt die ganze Armseligkeit der Funktionäre.
Wie beim Staatsbesuch: Alexander Lukaschenko und IIHF-Boss Rebe Fasel

Wie beim Staatsbesuch: Alexander Lukaschenko und IIHF-Boss Rebe Fasel

Foto: Nikolai Petrov / AP

Erleichterung. Mehr nicht.

Die Entscheidung, Belarus und damit fest verbunden dem Regime von Alexander Lukaschenko die Eishockey-WM wegzunehmen, war überfällig. Es hätte keinen anderen Beschluss geben können, aber er kommt spät. Zu spät. Viel zu spät.

Dass der Eishockey-Weltverband IIHF bis zu diesem Montag zögerte, dem System Lukaschenko sein Schaufenster Weltmeisterschaft zu entziehen, dass der Verbandspräsident René Fasel noch vor Kurzem mit einer innigen Umarmung mit dem Machthaber vor die Kameras trat, dass die Absage »aufgrund von Sicherheitsaspekten« und nicht mit der fürchterlichen Menschenrechtssituation in Belarus begründet wurde – all das ist nicht nur peinlich für das Welt-Eishockey, es ist tatsächlich, und dieses Wort sollte man wahrlich nicht überstrapazieren, aber dann benutzen, wenn es wirklich angebracht ist: eine Schande für den Verband.

Fasel sollte sofort gehen

Fasel führt den Weltverband nunmehr seit 1994, und es ist selbstverständlich nur eine Fußnote, dass dies auch das Jahr ist, in dem Alexander Lukaschenko die Macht als Präsident von Belarus an sich gezogen hat. Der 70-jährige Schweizer hat angekündigt, dass er seinen Posten in diesem Jahr räumen wird. Es wäre besser, er täte es sofort. Sich erst von Lukaschenko umarmen zu lassen und danach mitzuteilen, das Bild, das um die Welt ging, sei ihm unangenehm, zeigt das ganze fehlende Rückgrat des Vorsitzenden.

Der Machthaber und der Funktionär

Der Machthaber und der Funktionär

Foto: Nikolai Petrov / AP

Später noch zu reagieren als das Internationale Olympische Komitee, das Lukaschenko im Dezember von allen olympischen Aktivitäten ausschloss und die Gelder für Belarus eingefroren hat, das ist schon ein Kunststück. Auch das IOC hatte monatelang gezaudert, trotz der anhaltenden Proteste in Belarus, auch und gerade von Sportlern und Sportlerinnen, trotz der zahlreichen Festnahmen, trotz des rüden Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen die Opposition. Irgendwann konnte das IOC nicht mehr anders, als Sanktionen zu verhängen. Aber selbst dann hielt der Eishockeyverband noch an seinen Plänen fest.

Und der Verdacht, dass man jetzt nur deswegen reagiert hat, weil am Wochenende die mächtigen Sponsoren gedroht hatten, sich von dem Event zurückzuziehen, liegt allein durch die zeitliche Nähe auf der Hand. Plötzlich konnte es ganz schnell gehen, plötzlich war die Entscheidung »unvermeidlich«, wie Fasel betonte. Wenn die Geldgeber den Büttel herausholen, dann entdeckt auch der Verbandspräsident »die zunehmenden politischen Unruhen«.

Aber es wäre zu einfach, nur Fasel die Verantwortung für dieses Desaster zuzuschanzen. Auch die anderen Mitglieder im Council der IIHF haben sich viel zu zurückhaltend positioniert, und dazu gehört auch der deutsche DEB-Boss Franz Reindl. Er hat zwar betont, dass man »total verurteilt, was in Belarus passiert«. Zu einem Vorpreschen oder der Ankündigung, man werde kein deutsches Team nach Minsk schicken, hat es nicht gereicht. Der DEB und er haben, so Reindl, »eine sehr, sehr kritische und intern klare Haltung«. Warum nur intern? Menschenrechte sind keine Interna.

Reindl will gern im Herbst Nachfolger von Fasel werden, das würde den diplomatischen Kurs erklären. Umso trauriger für die Funktionärswelt, wenn man in Sachen Menschenrechte offenbar leisetreten muss, wenn man in ihr Karriere machen will.

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