Biathlon-Star Gössner Jeden Tag Schmerzen

Nach einem Fahrradunfall im Mai konnte Miriam Gössner ihre Beine nicht mehr bewegen, nun trainiert sie für die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Drei Monate Vorbereitung fehlen Deutschlands Top-Biathletin. Schafft sie es rechtzeitig?

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"Wie geht's?" Mit dieser Frage ein Gespräch mit einer Spitzensportlerin zu beginnen, ist nicht unbedingt kreativ - für ein Gespräch mit Miriam Gössner kann es kaum einen anderen Einstieg geben. In den Jahren zuvor ging es zu diesem Zeitpunkt, Mitte November, um den Leistungsstand der Biathletin. Darum, ob sie von Saisonbeginn an um die Podestplätze mitkämpfen kann. Doch das alles ist im Moment nicht wichtig.

Am Sonntag beginnt im schwedischen Östersund die neue Saison mit dem Rennen der Mixed-Staffel, anschließend folgen die Einzelwettbewerbe. Ob Gössner beim Auftakt überhaupt an den Start geht, entscheiden sie und die Trainer kurzfristig. Sollte die 23-Jährige mitlaufen, wird es eine Trainingseinheit unter Wettkampfbedingungen sein, und das ist derzeit viel wert.

"In den vergangenen Monaten habe ich mehrfach ans Karriereende gedacht", sagt Gössner. Daher ist ihre Antwort auf die Einstiegsfrage, wie es ihr gehe, positiv zu bewerten, auch wenn es nicht ganz so klingt: "Es geht eigentlich ganz gut."

Es war Mitte Mai, als Gössner mit ihrer Schwester Christina in Norwegen mit dem Mountainbike unterwegs war. Es ging etwas bergab, auf einem Schotterweg, dann kam eine Kurve - und Gössner flog über den Lenker. Erinnern kann sie sich an den Sturz nicht, nur daran, wie sie wieder zu sich kam, auf dem Rücken lag und ihre Beine nicht mehr bewegen konnte. Gössner bekam Panik, sie dachte an Querschnittslähmung, Rollstuhl. Aber sie hatte großes Glück.

Bis zu drei Jahre kann der Schmerz andauern

Vier gebrochene Lendenwirbel und eine lädierte Bandscheibe lautete die Diagnose im Krankenhaus. "Ich wollte nur wieder normal gehen können, alles andere war mir egal", sagt Gössner. Sie kämpfte sich anschließend wochenlang durch die Rehabilitation in Bad Wiessee und machte eine Kur in Israel am Toten Meer. Schnell konnte sie wieder gehen, sogar laufen, doch sie muss sich ständig quälen.

"Ich wache mit Schmerzen auf und gehe mit Schmerzen ins Bett", sagt Gössner. Es tue immer weh, jeden Tag, von morgens bis abends, "mal mehr, mal weniger, ab der Hälfte des Rückens abwärts". Wie kann man sich diesen Schmerz vorstellen? Wie bei einem ausgerenkten Wirbel? Gössner überlegt eine Sekunde. "Nein", sagt sie, "viel schlimmer." Zwischen ein und drei Jahre wird sie unter diesen Dauerschmerzen leiden, haben ihr die Ärzte prognostiziert. "Ich hoffe nicht, dass es drei Jahre werden", sagt Gössner.

Für sie sind Rückschläge in der Vorbereitung fast schon Normalität. 2011 musste sie wegen einer Darmverschlingung notoperiert werden. 2012 war eine OP am entzündeten Kiefer notwendig. In diesem Jahr dann der bislang schlimmste Rückschlag ihrer Karriere. Denn die Operationen in den beiden Vorjahren erlaubten wenigstens eine halbwegs normale Vorbereitung. Wegen des Unfalls mit dem Fahrrad fehlen ihr jetzt aber drei Monate Grundlagentraining. Das ist im Spitzensport eigentlich nicht aufzuholen.

Weltcup als Training für Olympia

"Meine Muskulatur war völlig weg", erinnert sich Gössner, die in Rennen bislang immer von ihrer exzellenten Physis gelebt hat. Am Schießstand hat sie nach wie vor eklatante Schwächen, läuferisch gibt es kaum eine bessere Biathletin auf dieser Welt. Wenn sie denn fit ist.

Derzeit absolviert Gössner das normale Training aus Laufen und Schießen. Dabei kann nichts passieren, weder an den Wirbeln noch an der Bandscheibe, das haben ihr die Ärzte versichert. Dennoch muss Gössner manche Einheiten nach nur zehn Minuten abbrechen, wenn die Schmerzen zu groß werden. "Dann hilft nur Ruhe und ins Bett legen", sagt sie.

Wenn Gössner in den Weltcup einsteigt, werden die Ergebnisse zweitrangig sein. Die Rennen sind Teil des Trainings, das auf den Saisonhöhepunkt ausgerichtet ist: die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Ziel des Trainingsplans ist es, im Februar auf Top-Niveau zu sein. Im Falle von Gössner sollte man wohl besser sagen: Auf dem dann bestmöglichen Niveau.

"Im Moment denke ich aber noch nicht an Olympia", sagt Gössner. Vielleicht auch, weil ihre Teilnahme noch gar nicht sicher ist. Wenn sie nicht richtig in Tritt kommt, die Leistung nicht stimmt oder die Schmerzen zu groß sind, wird sie bei den Spielen nicht an den Start gehen. Denn hinterherlaufen, völlig ohne Medaillenchance, das will die Staffel-Weltmeisterin von 2011 und 2012 nicht. "Wenn es nicht klappt, dann klappt es eben nicht", sagt Gössner: "Dann starte ich halt nächste Saison wieder durch."



insgesamt 9 Beiträge
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lorenzcarla 21.11.2013
1. Vier Wirbel gebrochen -
Vielleicht sollte die (über-)ehrgeizige Frau Gössner mal eine ganze Saison pausieren um fit zu werden. Danach gibt es sicherlich noch ein paar "fette" Jahre - sicherlich. Diese Quälerei wird sie vielleicht noch bereuen. Und die Ärzte auch...
saschad 21.11.2013
2.
Zitat von lorenzcarlaVielleicht sollte die (über-)ehrgeizige Frau Gössner mal eine ganze Saison pausieren um fit zu werden. Danach gibt es sicherlich noch ein paar "fette" Jahre - sicherlich. Diese Quälerei wird sie vielleicht noch bereuen. Und die Ärzte auch...
Vielleicht, ja. Aber Leistungssportler der Weltspitze kommen in der Regel nicht dorthin weil "mal pausieren" einer ihrer ausgeprägtesten Wesenszüge ist.
Lankoron 21.11.2013
3. Wenn nicht
gerade Olympia wäre, würde sie sicher auch pausieren. Aber als Nichtsportler kann man diese Faszination sicher nicht nachvollziehen...Ich drück dir alle Daumen, Miri...du schaffst es^^
josrockt 21.11.2013
4. optional
Ein wahrhaftig mehr als sinnloses Unterfangen, vorhersagen zu wollen, wie lange diese Schmerzen andauern werden. Wünsche ihr das Beste, sie sollte sich schonen und mit diesem Sport aufhören.
mricher 21.11.2013
5. Da muss sie durch...
aber da sie anscheinend schon mehrere Rückschläge überstanden hat, wird die Miri das schon schaffen! Ich wünsche ihr alles gute dabei!
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