Biathlon-Debakel Die deutschen Skijäger rechnen ab

Seinen Abschied wird sich Biathlon-Bundestrainer Frank Ullrich anders vorgestellt haben: Mit einer ernüchternden Bilanz reist sein Team aus Vancouver ab. Um eine ähnliche Blamage bei den Winterspielen 2014 zu vermeiden, stehen personelle Konsequenzen bevor.

Biathlet Peiffer: Auch in der Staffel blieb er ohne Medaille
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Biathlet Peiffer: Auch in der Staffel blieb er ohne Medaille

Aus Whistler berichtet


An der olympischen Biathlon-Anlage in Whistler wurden schon die Kabel eingerollt und die Holzabsperrungen per Motorschlitten abtransportiert, als Thomas Pfüller in einer Ecke des Stadions mit den Tränen kämpfte. Der Schneefall, der den Zieleinlauf der norwegischen Siegerstaffel eine halbe Stunde zuvor begleitet hatte, war inzwischen wieder in Schneeregen übergegangen.

Der Sportdirektor des Deutschen Skiverbands (DSV) sprach über das Debakel der deutschen Biathlon-Männer, das die Staffel mit Platz fünf komplettiert hatte. Es ist eine historische Pleite: Nach der verpatzten Staffel ziehen die deutschen Skijäger zum ersten Mal seit 42 Jahren ohne eine einzige Medaille von Olympia ab. Und Pfüller sprach über den scheidenden Bundestrainer Frank Ullrich: "Er hat zehn bis fünfzehn Jahre tolle Arbeit geleistet. Ihm kann man jetzt keine Vorwürfe machen."

Zwölf Jahre lang war Ullrich Chef der schwarz-rot-goldenen Skijäger, seinen Abschied dürfte er sich anders vorgestellt haben. Weit abgeschlagen hinter dem norwegischen Siegerquartett, den Österreichern auf Platz zwei und den mit Bronzeplaketten ausgezeichneten Russen schleppte sich Deutschlands Schlussläufer Michael Greis über die Ziellinie.

Im Sommer 2008 hatte es zwischen dem Dreifach-Olympiasieger von Turin und Frank Ullrich gewaltig geknirscht. Greis forderte damals mehr Freiheiten bei der Trainingsgestaltung, bekam diese auch zugestanden und sagte nun vor dem Abschied aus Kanada: "Ich habe vor zwei Jahren schon angemahnt, dass sich etwas ändern muss." Mit Ullrich sei er seither "gut ausgekommen", sagte der 33-Jährige, der in der Staffel fehlerfrei schoss. Ansonsten aber läge einiges im Argen. Die deutschen Männer seien ja lange Zeit erfolgreich gewesen - laut Greis jedoch mit einer ungesunden Konsequenz: "Es gibt zu viele Leute, die sich in dem Erfolg gesonnt haben."

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Biathlon-Staffel: Schießfehler im Schnee
Das Sonnenbad hat nun, da Greis' fünfter Platz in der Verfolgung und der unbefriedigende Staffelausgang noch die besten Ergebnisse in der Gesamtbilanz waren, ein abruptes Ende gefunden. So schmerzhaft der Absturz sein mag, kommt er doch zur rechten Zeit. Durch den Abschied von Ullrich wird bei den Biathleten nach den vergangenen Weltcups im März einiges in Bewegung geraten. Der Noch-Bundestrainer selbst hat die angedachte Fortsetzungsstelle als Jugendkoordinator mit dem Hinweis auf die begrenzten Möglichkeiten in einer solchen Rolle bereits abgelehnt.

Muntere Rotation auf diversen Spitzenpositionen

Mit einem Job als "Cheftrainer Nachwuchs" könnte sich der 52-jährige Sprint-Olympiasieger von 1980 dagegen womöglich anfreunden. Aber natürlich geht es jetzt vor allem darum, die Spitzenpositionen im deutschen Biathlon frisch zu besetzen. Fest steht, dass der bisherige Frauen-Bundestrainer Uwe Müssiggang künftig den neu geschaffenen Posten als Cheftrainer für den Frauen- und Männerbereich einnehmen wird. In Müssiggangs Fußstapfen soll dann sein Assistent Gerald Hönig treten, als Ullrich-Erbe ist dessen einstiger Musterschüler Mark Kirchner ein heißer Kandidat.

Auch die Personalie Fritz Fischer ist im Gespräch. Greis verhehlt nicht, dass er den früheren Co-Trainer Ullrichs und Olympiasieger von Albertville 1992 gerne im Team gehabt hätte: "Ich habe schon vor den Spielen gemerkt, dass der Fritz mit seiner Ausstrahlung unheimlich positiv auf mich wirkt. Er hätte uns hier richtig pushen können", so Greis. Beim DSV scheint das Comeback Fischers, der 2007 aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden war, beschlossene Sache. "Fritz Fischer spielt in unseren Personalüberlegungen eine Rolle", bestätigte Pfüller.

Aber damit nicht genug. "Beim Schießen haben wir den Anschluss verloren. Da besteht dringender Korrekturbedarf", hat Thomas Pfüller erkannt. Als wollte er die These des Sportdirektors unterstreichen, machte Andreas Birnbacher die Pleite der deutschen Biathleten nach den vier Turiner Goldmedaillen von 2006 am Schießstand perfekt. Der Trainingspartner von Michael Greis ruinierte die gute Vorarbeit des 21-jährigen Startläufers Simon Schempp, indem er sich bei seinem katastrophalen Stehendschießen zwei Strafrunden leistete. "Da hat er einen Blackout gehabt. Schade für die anderen", lautete der Kommentar von Frank Ullrich. "Das waren also die Olympischen Spiele."

Viel Arbeit vor den Winterspielen in Sotschi

Das waren sie - und die nächsten, 2014 im russischen Sotschi, werden kommen. Um dann nicht erneut so hinterherzulaufen wie in den Wäldern nordwestlich von Vancouver, will Sportchef Pfüller auf dem Weg nach Sotschi nun einen separaten Trainer für den Schießbereich engagieren. Durchaus möglich, dass dieser Experte dann aus dem Ausland kommt. Aber wie die Führungskräfte im Biathlon künftig auch heißen mögen, auf sie wartet eine Menge Arbeit.

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Olympische Winterspiele: Alle Goldmedaillengewinner vom 26. Februar
Trotz der schlechten Bilanz von Vancouver glaubt Ullrich, dass er im Frühjahr eine Mannschaft "mit Perspektive" übergeben kann. Die frischen Schrammen, die sich Athleten wie Arnd Peiffer, 22, oder der am Staffeltag grippekranke Christoph Stephan, 24, bei ihrem olympischen Debüt einfingen, hakt der Bundestrainer als normal ab. "Olympia ist halt doch eine Nummer größer", argumentiert Ullrich - und verspricht: "Die jungen Burschen werden in Sotschi auf der Höhe ihres Leistungsvermögens sein."

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Grosskotz 27.02.2010
1. Es sind nicht nur die Biathlethen, die Defizite haben
aber um bei denen zu bleiben und noch die hinzuzunehmen, die ohne KK-Gewehr auf dem Schnee sich herumtoben: Das Skimaterial und/oder das Wachs (insbesondere bei nassem Schnee) sind nicht wettbewerbsfähig. Hier sind die Franzosen eindeutig diejenigen gewesen, die offensichtlich über das richtige know-how verfügt haben. Bei wässrigen Schneebedingungen sind die Franzosen allen davongeglitten, wohingegen unsere Athleten sich in allen Wettbewerben sich kräftemäßig verzehrt haben, zurückgefallen und weit abgeschlagen im Ziel eingelaufen sind. Männer wie Frauen, Langläufer, Biatlethen und Kombinierer. Besonders auffällig war es im Biathlon für die Frauenmannschaft zu beobachten. Trotz der 8 Fehlschüsse und der 2 Strafrunden haben die Französinnen die deutsche Damenstaffel mit ihren 5 Fehlschüssen eingeholt und überholt. Kommentar der deutschen Schlußläuferin Martina Henkel: Die Französinnen hatten einen "brutalen Ski".
Subtuppel 27.02.2010
2. re
Dass irgendwelche Athleten, obwohl sie aus Deutschland kommen, einfach mal schlechter sind als andere, könnte aber nicht sein, oder?
aridion 27.02.2010
3. Bequemlichkeit
doch sicher kann dies sein...allerdings hat der Weltcup diese Saison bereits gezeigt, dass auch gute Ergebnisse durchaus im Bereich des Machbaren liegen. Meiner Meinung nach liegt es zum großen Teil auch einfach an der Einstellung der Akteure, wenn ich nach einem Wettkampf einen Sportler sehe, der obwohl er eine katastrophale Leistung abgeliefer hat ein Interview ala "ja haha das war wohl heute nicht so mein Tag hihi...naja egal" gibt, dann könnte ich in den Fernseher schlagen... Den geht es viel zu gut, ich glaube kaum das ein Athlet aus Nationen wie z.B. Russland so eine Bemerkung machen würde, der würde sich ganz schnell verdrücken und mal genau darüber nachdenken, was er da grade produziert hat !
Bullviggson 27.02.2010
4.
Zitat von SubtuppelDass irgendwelche Athleten, obwohl sie aus Deutschland kommen, einfach mal schlechter sind als andere, könnte aber nicht sein, oder?
Doch, das könnte schon sein - ist hier aber am Thema vorbei, weil wie von Grosskotz geschrieben die Defizite im Material sehr offensichtlich waren. Jeder, der die Berichterstattung verfolgt hat, konnte das erkennen - und zwar gänzlich ohne schwarz-rot-goldene Sehhilfe. ;-) Möglicher Weise haben Sie ja nicht zugesehen . . .
derlabbecker 27.02.2010
5. das war schon komisch...
Lena Neuner gewinnt den Massenstart, Andrea Henkel kommt als 9. rein, mit nur einem Schiessfehler, aber unterirdischer Laufzeit für ihre Verhältnisse. Beim letzten Kombiniererwettbewerb brechen die deutschen völlig ein, läuferisch, und es hiess: wir hatte noch die Staffel in den Knochen. Komisch, das hatten doch Bill Demong etc, die da vorne gewonnen haben, auch. Oder es heisst: der Ski hat zugemacht. Komisch, da laufen da vorne Kasachen, Weisrussen etc. rum, haben die wirklich bessere Ski als deutsche Athleten??? Ich glaube mal eher dass die Defzite im konditionellen Bereich liegen, es wird einfach schlecht trainiert. Am Material kann es nicht liegen, sonst hätten die Biathlon Damen, oder auch die Langläufer auch nix geholt. Vielleicht sind die Sponsorentermine wichtiger als zu trainieren? Lena Neuner hat ja gesagt, dass Sie nach ihrem schlechten letzten Winter gelernt hat auch mal nein zu sagen zu Interviewwünschen etc, und statt dessen zu trainieren. Das Ergebnis konnte man sehen...Im Herrenbiathlon sollte nun ein Schnitt gemacht werden, da kommen einige Junge nach die bei der JugendWM schon aufgetrumpft haben. Sorry, aber was ein Alexander Wolf, ein Andi Birnbacher oder auch ein Michael Rösch in diesem Winter auch im Weltcup gezeigt haben war unterirdisch! Bei den Kombinierern war irgendwie ein bisserl die Luft raus, im Weltcup top, mit 3 verschiedenen Siegern, in den Einzelwettbewerben war auch ein bisschen Pech mit den Gegenheiten beim Springen dabei, in der Staffel dagegen war ja bis zum Sturz vom Tino Edelmann alles ok, und der 3. war ja so schlecht nicht.
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