Biathlon im Dopingsumpf Auf der Spur

Das Thema Doping ist vom Biathlon-Weltverband jahrelang unter den Teppich gekehrt worden - bis jetzt: Den Funktionären des Weltverbands droht sogar Gefängnis. Das Image des Sports nimmt schweren Schaden.
Biathlonstart bei den Winterspielen in Pyeongchang

Biathlonstart bei den Winterspielen in Pyeongchang

Foto: Toby Melville/ REUTERS

Der Norweger Anders Besseberg kommt noch aus einer anderen Biathlonzeit. In den Siebzigerjahren war er mal Nationaltrainer seines Landes. Als er 1992 Chef des Weltverbandes IBU wurde, war die Sportart Biathlon eine olympische Randnotiz, eine Disziplin im Schatten der Alpinen. Selbst die Langläufer und Kombinierer waren populärer.

Bei den Olympischen Winterspielen 2018 ist Besseberg immer noch Chef der IBU gewesen, aber Biathlon ist mittlerweile eine Star-Sportart des Winters. Vor allem der deutsche Markt verlangt nach Biathlon in der Dauerschleife, die TV-Quoten sind garantiert, die Sponsoren stehen Schlange, "im Umfeld von Biathlon funktioniert alles", hat ein deutscher Fernsehkommentator in Pyeongchang gesagt. Biathlon sells, und dieser Versuchung hat Besseberg vermutlich nicht widerstehen können.

Die Vorwürfe schwelten schon länger, jetzt sind sie auf dem Tisch und durch die Ermittlungen der österreichischen und norwegischen Behörden offiziell: Korruption, Vertuschung, Doping - all die bösen Wörter, mit denen die Sportpolitik seit geraumer Zeit verbunden wird, stehen im Raum.

"Ich meine, wir haben die Regeln eingehalten"

Besseberg, mittlerweile 72 Jahre alt, weist alle Verdachtsmomente zurück, aber so richtig überzeugend klingt das nicht: "Ich meine, wir haben die Regeln eingehalten. Aber ich kann nicht sagen, ob die Ermittler das auch so sehen." Sein Amt hat Besseberg schon zur Verfügung gestellt, seine Generalsekretärin, die Deutsche Nicole Resch, war ihm bereits am Mittwoch zuvorgekommen. Auch sie bestreitet die Vorwürfe. Wenn sich die Vorwürfe jedoch bewahrheiten, droht den Top-Funktionären sogar Gefängnis.

Konkret geht es um den Verdacht der Vertuschung von 65 Dopingtests, die Fälle reichen bis ins Jahr 2011 zurück und kulminieren rund um die WM 2017 in Hochfilzen. Der IBU sollen positive Dopingbefunde vorgelegen haben, unternommen wurde nichts. Im Zentrum der Vorwürfe steht dabei das russische Team - wieder einmal, muss man sagen.

IBU-Präsident Anders Besseberg

IBU-Präsident Anders Besseberg

Foto: DPA

IBU-Funktionäre sollen Bestechungsgeld angenommen haben, um das Dopingthema unterm Teppich zu halten, so heißt es. Von einer Gesamtsumme von 240.000 Euro hört man aus Ermittlerkreisen, die den Besitzer gewechselt haben. Die Vorwürfe kommen auch vom Doping-Kronzeugen Grigorij Rodtschenkow, dem früheren Chef des russischen Antidopinglabors, der mit den Behörden zusammenarbeitet. "Hinter den Praktiken stand die Absicht, die Russen zu schützen", behauptet er.

"Ich war ziemlich schockiert, als ich davon gehört habe. Das ist ein starkes Stück. Wenn sich die schweren Vorwürfe bewahrheiten sollten, wäre das eine Katastrophe für den Biathlon-Sport", kommentierte Deutschlands Biathlet Arnd Peiffer: "Das hat den Radsport kaputt gemacht, aber ich hatte gedacht, dass unser Verband schlauer wäre."

Weltcupfinale in Tjumen wurde durchgezogen

Der Weltverband hat bereits in den vergangenen Jahren in der Dopingfrage eine zumindest unglückliche Figur abgegeben. Während Athleten wie Frankreichs Superstar Martin Fourcade längst öffentlich Konsequenzen für die Dopingsünder forderten, scheute die IBU Eingriffe. Die Weltcupsaison wurde auch in diesem Winter im russischen Tjumen beendet. Zahlreiche Sportler wie Schwedens Shootingstar Sebastian Samuelsson boykottierten die Veranstaltung, die IBU sah dazu keinen Anlass - auch der Deutsche Skiverband ließ seine Athleten in Russland antreten.

Im Weltcup dieses Winters durften Biathleten dabei sein, die vom Internationalen Olympischen Komitee IOC bereits lebenslang für Winterspiele gesperrt worden waren. Das Chaos von Teilnahme und Nichtteilnahme verärgerte Athleten, Trainer, Betreuer. Die IBU ließ es laufen.

Biathlon ist ein Sport, der für Doping anfällig ist, wie alle Langlaufdisziplinen, bei denen Ausdauer von großer Bedeutung ist. Im Biathlon kommt noch der extreme Wechsel von Konzentration am Schießstand und Kondition in der Loipe hinzu. Dass Teams versuchen, auch medizinisch nachzuhelfen, ist längst keine Überraschung mehr. Umso fahrlässiger handelte der Verband, wenn er den Antidopingkampf nicht konsequent vorantreibt.

Besseberg hatte schon vor längerer Zeit seinen Rückzug von der Spitze des Weltverbandes angekündigt. 25 Jahre stand er ihm vor, auch Resch war bereits zehn Jahre im Amt. 2009, als das russische Biathlon schon einmal am Pranger stand, hatte sie sich verantwortlich erklärt, für Aufklärung und Besserung zu sorgen. Daraus ist nicht viel geworden.

Bisher haben die Sponsoren dem Biathlon noch die Treue gehalten, zu beliebt ist der Sport bei den Fernsehzuschauern. Was auch daran liegt, dass deutsche Athleten bisher nie auffällig geworden sind. Deutschland ist, mit seinen Hochburgen Oberhof und Ruhpolding, mit dem Biathlon-Wettbewerb im Schalker Fußballstadion, mit ARD und ZDF im Rücken, immer noch ein zuverlässiger Markt. Aber das Image des vom Fernsehen als Strahlemannsport inszenierten Biathlon, es ist dabei zu kippen.

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