Biathlon Papa Glagow beschleunigt die Briten

Er könnte die Ski der besten Biathleten präparieren - aber dann würde Martin Glagow seiner Tochter, der deutschen Medaillengewinnerin Martina, Konkurrenz machen. Deshalb wachst er die Ski der zwei britischen Biathleten bei Olympia. Die laufen jetzt viel schneller hinterher.

Von , Bardonecchia


Er hätte gern noch diesen einen Satz gesagt. Er hätte etwas klarstellen können, direkt vor der Kamera, doch im ARD-Studio von "Waldi und Harry" drehte man ihm den Ton ab, nachdem Harald Schmidt seinen Witz gemacht hatte. Den, dass alle anderen Biathlon-Teams wüssten, wie schlecht die Engländer seien, nur weil der deutsche Techniker für sie arbeitet. Alle hatten gelacht im Deutschen Haus in Sestriere. "Aber wenigstens haben meine Athleten schnelle Ski." Das wäre der Satz gewesen, den Martin Glagow gern noch gesagt hätte.

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Glagow sitzt im Olympischen Dorf von Bardonecchia vor seinem Capuccino und muss selbst lächeln. Er hat eine rote Vliesjacke und eine blaue Trainingshose an, auf denen "Great Britain" steht. "Schmidt hat ja Recht, die Engländer gehören nicht zu den starken Nationen, aber es ist mein Prinzip." Glagow, der Vater der deutschen Biathletin Martina, kann nicht für starke Mannschaften wie Frankreich oder Russland die Ski präparieren, er will nicht die direkte Konkurrenz seiner Tochter stärken. Deshalb ist er zu den Briten gegangen. Dort gibt es nur Emma Fowler.

Fowler, eine Frau mit dunklen Haaren und dunklen Augen, hat sich als erste Engländerin überhaupt für die Olympischen Winterspiele qualifiziert. Im Weltcup ist die 26-Jährige nie aufgefallen, in der Höhe von San Sicario wird sie am ersten Montag über 15 Kilometer 79. "Ich bin sehr stolz, als erste Britin bei Olympia dabei zu sein", sagt sie nach dem Rennen, "ich habe mich richtig darauf gefreut." Fowler verschießt von 20 Schüssen 7, "ich war nervös". Vorn wird eine Deutsche Dritte und bekommt nach der Dopingsperre der Russin Olga Pylewa sogar die Silbermedaille. Die Deutsche heißt Martina Glagow.

Drei Jahre Tingeltour

"Emma Fowler ist ein Sonderfall", sagt Martin Glagow, "die Briten sind da knallhart." Fowler sei nicht zuerst Sportlerin, sondern Soldatin. Sie arbeitet als Feldwebel im 1. Logistik-Regiment der Royal Marines und muss für Wettkämpfe auf eine Freistellung hoffen. Es ist nicht wie in Deutschland, wo für Leistungssportler extra Stellen bei der Bundeswehr geschaffen werden. Während der Saison 2002/2003 wird Feldwebel Fowler aus dem laufenden Weltcup abberufen - direkt zum Irakkrieg. "Da brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn die Sportler nicht besser werden", sagt Glagow.

Fünf Jahre arbeitet der 57-Jährige jetzt schon für die Engländer, als er anfängt, gibt es noch keine Frau im Team. "Am Nebentisch in einem Restaurant haben die sich über ihre schlechten Ski unterhalten, und ich habe gesagt, dass ich vielleicht helfen kann", erklärt er. Seine Tochter hatte in Antholz gerade ihren ersten Weltcupsieg gefeiert, Vater Glagow arbeitet damals eng mit der Skifirma seiner Tochter zusammen. Das Arbeitsgerät von Martina bereitet er in dem Firmen-Container vor - und am nächsten Tag auch drei Paar Ski der Engländer. Wenig später kommt der Trainer der Briten und fragt den Deutschen, ob er für sie arbeiten wolle. "Sie waren auf Anhieb plötzlich zwei Minuten schneller", sagt Glagow.

Drei Jahre tingelt er mit dem neuen Arbeitgeber durch den Weltcup, Geld bekommt er für seinen Job nicht, nur die Auslagen ersetzt. Auch einen Vertrag unterschreibt der pensionierte Bataillonskommandeur der Bundeswehr nicht, alles wird per Handschlag besiegelt. Nur eine Bedingung hat Martin Glagow. "Die mussten darauf Rücksicht nehmen, dass ich bei Weltcups länger da bin, ich habe ja weiter die Ski für Martina gemacht." Nach drei Jahren ist kein Geld mehr da. 2002/2003 ist das, die Engländer sind am Ende. Martina Glagow gewinnt in Chanty Mansisk den Gesamtweltcup.

Das Angebot des Superstars

Vater Glagow muss umdisponieren. Frankreichs Superstar Raphael Poiree kommt in Russland auf Glagow zu und fragt zweimal, ob er nicht für ihn die Ski wachsen könnte. Doch da ist es wieder, das Problem. Poiree ist mit Liv-Grete Skjelbreid liiert - einer norwegischen Konkurrentin seiner Tochter. "Das hätte nur Probleme gegeben", vermutet Glagow. Er macht stattdessen den Österreichern Beine. Nach einem Jahr wird dem Deutschen aber mitgeteilt, er habe super Arbeit gemacht, nun wolle man das Team verkleinern. "Ich war nur für Ludwig Gredler tätig, der hatte die beste Saison seit zehn Jahren", sagt Glagow. Der Vorwurf, man habe nur sein Know-how gewollt, steht unausgesprochen im Raum.

Sein Know-how. Was macht der Mann, der die Laufleistung von Briten und Österreichern um Minuten steigert und dessen Tochter als eine der fünf schnellsten Biathletinnen der Welt gilt, anders als seine Kollegen? "Ich arbeite nicht mit maschinellen Schleifstrukturen, sondern präge immer nur per Hand. Das hat Vorteile", sagt Glagow. Der Rest bleibt sein Geheimnis, ins Detail gehen will er nicht. Er verweist stattdessen auf Tom Clemens.

Clemens, 30, ist der zweite Biathlet im englischen Olympia-Team, und er hat am meisten von der Arbeit des Deutschen profitiert. Im Einzel am ersten Sonntag über 20 Kilometer liefert Clemens sein bestes Rennen der Saison ab. Der Mann, der in der Regel im Laufen sieben Minuten langsamer ist als Norwegens Überläufer Björndalen, liegt bei Olympia in der reinen Laufzeit nur viereinhalb dahinter. Der Ski läuft, leider schießt der Soldat viermal vorbei. Am Ende ist er 57. "Es lief eigentlich ganz gut, auch das Schießen war okay. Aber ab der dritten Runde bin ich zusammengebrochen", sagt Clemens.

Von Deutschen unter den Tisch getrunken

Martin Glagow schüttelt den Kopf. "Wie soll er auch wissen, dass er überpowert. Es gibt keinen Arzt und keinen Physiotherapeuten im Team", sagt er. Die Deutschen könnten nach jedem Training Laktattests durchführen und so genau diagnostizieren, wann welcher Athlet zu welcher Leistung fähig ist. Die Engländer haben bei Olympia nur einen Physiotherapeuten dabei - und auch der kommt aus dem deutschen Ruhpolding. "Aber Toms Problem ist nicht nur die fehlende medizinische Betreuung", sagt Glagow. "Er schießt meistens ein oder zweimal zu viel daneben."

Auch im Sprintrennen verschießt er dreimal, da helfen auch perfekt präparierte Ski nicht. Die Qualifikation für die Verfolgung verpasst der Engländer um eineinhalb Minuten. "Er kam aber beide Male zurück und sagte, die Ski seien phantastisch gewesen", sagt Glagow. Enttäuscht ist Clemens nicht, auch nicht die Mutter und der Großvater, die für dieses zweite Rennen nach San Sicario gekommen. "Ich bin stolz, dabei zu sein, und er hat sein Bestes gegeben", sagt Opa Clemens, 88.

Die Mutter, eine sonnengebräunte Frau in den Fünfzigern, hadert jedoch mit dem Schießen. "Das kann er nicht wirklich", sagt sie, dabei sei er doch Soldat. "Aber er trinkt ja auch nicht, und damit widerspricht er ja irgendwie genauso dem Klischee." Ihr Sohn habe auch Freunde im deutschen Biathlon-Team, doch Zechtouren mit Ricco Groß oder Sven Fischer sind nicht drin. "Die würden ihn unter den Tisch trinken", behauptet die Mutter. Ihr Sohn hat erst mit 20 bei der Armee mit dem Biathlon angefangen, eigentlich wollte er Eishockeyspieler werden. Jetzt ist er 30, Feldwebel und wird seine sportliche Karriere schon wieder beenden.

Und Martin Glagow? Seit einem Jahr präparieren Techniker des deutschen Teams die Ski seiner Tochter. Beide seien ganz zufrieden mit der Situation, sagt er. Vielleicht wird er auch in der kommenden Saison für die Engländer arbeiten, wahrscheinlicher ist aber ein Wechsel zu einem erfolgreichen Team. "Mal sehen, was sich ergibt", sagt Glagow nur. Er ist jetzt frei, und er wird wohl mit seinem Prinzip brechen. Seine Tochter ist mittlerweile stark genug, dass der Vater keine Rücksicht mehr nehmen muss. Die Konkurrenz wird es freuen.

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