Sachenbacher-Stehles vierter Platz Bronze verloren, Rosa gewonnen

Sie glänzte am Schießstand, ausgerechnet: Evi Sachenbacher-Stehle gewann als Langläuferin schon Olympia-Gold, nun hat sie im Biathlon-Massenstart ganz knapp die Bronzemedaille verpasst - weil sie nicht schnell genug lief. Immerhin darf sie auf einen Trostpreis hoffen.

DPA

Aus Krasnaja Poljana berichtet


Die ersten Schneeflocken segelten schon sanft vom Himmel, als Evi Sachenbacher-Stehle mit ihrer schwarz-rot-gelben Mütze auf dem Kopf um die Ecke kam.

Nach praller Sonne und dickem Nebel sind für die Kaukasushöhen oberhalb von Sotschi für die nächsten Tage starke Schneefälle angekündigt. Ein rasanter Wechsel der Wetterlage - passend zu dem Tempo, mit dem Sachenbacher-Stehle in den vergangenen zwei Jahren ihre Umschulung zur Biathletin vollzogen hat.

Im Massenstart der 30 besten Skijägerinnen griff die Doppel-Olympiasiegerin im Langlauf nun bereits nach einer Medaille. Doch dann entriss ihr diese die Norwegerin Tiril Eckhoff im letzten Moment.

Fünf Sekunden lag die 23-jährige Skandinavierin nach der letzten Schießeinlage hinter der drittplatzierten Sachenbacher-Stehle. Eine besondere Geschichte bahnte sich an - schließlich sollte die frühere Langläuferin gerade in der Loipe Vorteile gegenüber der gelernten Biathletin Eckhoff haben. Aber Eckhoff ist Norwegerin, und die sind - auch wenn ihre Spezialisten zuletzt über schlechte Skier klagten - auf den schmalen Brettern traditionell sehr zügig unterwegs.

Die ehemalige Langlauf-Spezialistin glänzte am Schießstand

Sachenbacher-Stehle bekam das zu spüren. Gut einen Kilometer vor dem Ziel hatte Eckhoff den Rückstand auf sie wettgemacht, nun liefen die beiden Frauen Ski an Ski dem Stadion entgegen. Sachenbacher-Stehle immer ein kleines Stück zurück - und das sollte ihr auch am Ende noch fehlen.

Eine Sekunde zu langsam war sie für Bronze. Es wäre ihr sechstes olympisches Edelmetall gewesen, ihr erstes als Biathletin. Selbst der sonst meist so gutgelaunten 33-Jährigen entfuhr da ein leiser Fluch: "Scheiße!"

Darja Domratschewa, die mit 20 Sekunden Vorsprung auf die Tschechin Gabriela Soukalova souverän ihr drittes Gold bei diesen Spielen gewann und in den Rekordlisten mit Kati Wilhelm gleichzog, war da schon lange über die Ziellinie gelaufen. Die Weißrussin sammelt in Krasnaja Poljana die großen Siege ein, Evi Sachenbacher-Stehle aber blieb ihr persönlicher Triumph verwehrt.

Eine besondere Leistung hatte sie dennoch gezeigt. Denn obwohl sie erst im Frühjahr 2012 mit Biathlon angefangen hat, war sie unter den Top vier im Massenstart die Einzige, die alle 20 Scheiben abräumte. Domratschewa, Soukalova und Eckhoff dagegen mussten jeweils eine Strafrunde drehen. Das sind rund 25 Extra-Sekunden, aber die und ein paar mehr holten die drei auf der Strecke wieder auf.

"Im Sprint war's schon knapp. Und jetzt war's noch knapper"

"Läuferisch geht's eigentlich gut. Aber es ist immer eine da, die sich vorbeischiebt. Mir fehlt einfach der letzte Punch auf der Strecke", sagte Sachenbacher-Stehle und haderte mit ihrem olympischen Schicksal als Biathletin: "Im Sprint war's schon knapp. Und jetzt war's noch knapper."

Ihre Teamkollegin Andrea Henkel wurde 18., Franziska Hildebrand 29. - aber Ricco Groß hatte vor allem mit dem Resultat von Sachenbacher-Stehle zu kämpfen. Wie Hildebrand trainiert die Ex-Spezialistin bei ihm in Ruhpolding. Dass sie es in so kurzer Zeit bis ran an die Weltspitze geschafft hat, sei, so Groß, "natürlich ein Stück weit eine Bestätigung" seiner Arbeit. Zunächst aber galt: "Es ist immer ärgerlich, wenn man eine Medaille verliert."

Zumal es die erste für die DSV-Biathletinnen in Sotschi gewesen wäre. Zwei Chancen bleiben ihnen jetzt noch: Eine bei der Olympiapremiere der Mixed-Staffel am Mittwoch, die letzte bei der normalen Staffel am Freitag. Und möglicherweise wird man Gerald Hönig dann in sehr spezieller Aufmachung in sein Zielfernrohr gucken sehen: Vor Saisonbeginn versprach der Frauen-Bundestrainer Sachenbacher-Stehle, er werde, wenn sie in einem Wettkampf alle 20 Schuss ins Schwarze setzt, beim nächsten Mal mit einer rosa Mütze auf dem Kopf zum Dienst erscheinen.

"Ich weiß nicht, ob wir das hier dürfen", äußerte Sachenbacher-Stehle leise Zweifel wegen des strengen olympischen Protokolls. "Aber wenn nicht, muss er die Mütze eben beim nächsten Weltcup aufziehen."

Doch bei aller Vorfreude auf Hönigs Wetteinsatz: Einen Fehler mehr am Schießstand hätte Evi Sachenbacher-Stehle garantiert gerne in Kauf genommen - und dafür den Blick auf Hönigs rosa Mütze gegen den auf eine bronzene Medaille eingetauscht.

insgesamt 2 Beiträge
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fatal.justice 18.02.2014
1. Sympathie...
... siegt immer - und sie hat eindeutig gewonnen.
blattschuss 18.02.2014
2. hilflose ARD-Reporter
Bei der Übertragung wurde gefühlte 100mal ihre großartige Schießleistung betont (was ja auch stimmt), aber auf das Laufen mit keinem Wort eingegangen. Es hat sich wahrscheinlich noch nicht bis zu den Reportern rumgesprochen, dass Biathlon aus zwei Disziplinen besteht. Und Sachenbacher-Stehle endete trotz 20 Treffern weit hinter zwei und knapp hinter einer Konkurrentin, obwohl diese alle einen Fehler hatten. Da braucht man also nicht rumzureden - sie war, und das als ehemalige Langlauf-Spezialistin, einfach zu langsam.
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