Biathlon-Star Björndalen König Klumpi hat noch lange nicht genug

Er ist der erfolgreichste Biathlet der Geschichte, doch das reicht Ole Einar Björndalen nicht. Einen legendären Landsmann muss der norwegische Perfektionist noch übertreffen. Deshalb will er bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi starten - dann wäre er 40 Jahre alt.

Aus Whistler berichtet


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Ole Einar Björndalen: Ein Biathlet, wie er im Buche steht
Es schneit im Whistler Olympic Park, dabei hieß es, das Wetter würde besser werden. Der Schnee ist pappig, er knirscht bei jedem Skatingschritt der Biathleten. Das Laufen wird bei diesen Bedingungen zur Tortur und die Sicht am Schießstand ist eine Katastrophe. Das Wetter hält einfach nicht, was es versprochen hatte.

Im Schneetreiben steht Ole Einar Björndalen, das Gewehr im Anschlag. Er atmet ein paar Mal kurz, dann hält er die Luft an. Links nähert sich langsam der Russe Jewgeni Ustjugow. Norwegen führt in diesem Staffelrennen, Björndalen ist der Schlussläufer und Gold so nah. Er muss nur treffen. Das Problem ist, dass es mit seinen Schüssen hier bisher so war wie mit dem Wetter im Olympic Park. Und mit diesen Olympischen Spielen eigentlich auch.

"Das sind grausame Spiele für mich", hatte Björndalen fünf Tage zuvor gesagt. Er stand übellaunig in der Mixed Zone, der größte Biathlet der Geschichte war gerade 27. von 30 im Massenstart geworden. Eine Demütigung. Sieben Schüsse hatten ihr Ziel verfehlt, sieben von zwanzig. In Sprint und Verfolgung das gleiche Bild. Vier Fehler hier, zwei dort. Im Einzelrennen gewann Björndalen Silber, 9,5 Sekunden trennten ihn von seinem Landsmann Emil Hegle Svendsen. Oder ein Treffer.

Der Schneefall ist dicht im Olympic Park, Wasser läuft in den Diopter des Gewehrs, Björndalen trifft den ersten Schuss. Er trifft wieder und wieder und wieder. Vier Scheiben sind jetzt weiß, links nähert sich der Österreicher Christoph Sumann. Ustjugow trifft nicht.

Streben nach Perfektion

Wer Ole Einar Björndalen, 36, bei diesen Olympischen Spielen begleitet hat, bekam eins immer wieder zu hören: Es gehe ihm nicht um Medaillen. "Zuerst das Rennen, dann die Medaille", beteuerte der Norweger nach dem Einzelsilber. Sein Mund sagte, Silber sei okay, seine Körpersprache sagte das Gegenteil. Andere träumen ihr Leben von einer Silbermedaille bei Olympia, aber Björndalen denkt in anderen Kategorien. Er strebt nach Perfektion.

Mit acht Jahren kam Björndalen zum Langlauf, er wurde der Beste in seiner Altersklasse, aber weil sie ihn mit 16 Jahren nicht zu einer Junioren-WM einluden, griff er sich das Gewehr seines älteren Bruders Dag und wurde Biathlet. Die Geschichte ist mittlerweile so legendär wie die Folgen: Die Enttäuschung wurde zum Antrieb und machte Björndalen, Spitzname Klumpi, zum besten Biathleten der Geschichte.

91 Weltcups, sechs Gesamtweltcups, 13 Weltmeisterschaften und fünf olympische Goldmedaillen hatte er vor den Spielen von Vancouver gewonnen. Die Liste der Erfolge ist so lang, dass die Statistikabteilung der Olympia-Veranstalter kurzerhand auf die Auflistung der Weltcupsiege verzichtete. Das spart Papier.

Björndalen wurde Olympiafünfter - im Langlauf

Es sind unfassbare Zahlen und doch beschreiben sie Björndalens Dominanz nicht so gut wie ein fünfter Platz. Den belegte er 2002 bei den Olympischen Spielen von Salt Lake City - über 30 Kilometer Langlauf. Danach gewann er noch vier Goldmedaillen im Biathlon, drei davon in Einzelkonkurrenzen. Nie zuvor hatte ein Biathlet bei einzelnen Olympischen Winterspielen mehr als zweimal Gold geholt.

Im Whistler Olympic Park hat Björndalen auch den fünften Schuss getroffen, hinter einer Absperrung ballt Joar Himmle die Fäuste. Er ist der Nationalcoach Norwegens. Früher war er Björndalens Schießtrainer. Jewgeni Ustjugow ist immer noch nicht fertig, die Sekunden verrinnen, der Österreicher Sumann wird sich gleich mit dem Russen zusammen auf den Weg Richtung Ziel machen. Sie kämpfen um Silber.

Björndalen ist seit fast einer Minute weg.

In Norwegen kennt den Namen Björndalen jedes Kind. Der König verlieh ihm den Titel "großer Norweger", er gibt seinen Namen für eine norwegische Modemarke her. Es gibt eigentlich nur einen Norweger, der größer ist als Björndalen - Langlauf-Legende Bjoern Daehlie. "Er ist unser erfolgreichster Sportler", sagt der zweiterfolgreichste über sein Idol. Und doch wird man den Eindruck nicht los, dass Björndalen das gern ändern würde. Daehlie hat achtmal Gold bei Olympia gewonnen.

Start bei den Spielen in Sotschi 2014

Es gab eine Zeit, da sagte Björndalen über seine Zukunft: "2006 in Turin werden wohl meine letzten Spiele sein." Dann holte er keine einzige Goldmedaille, weil ein gewisser Michael Greis besser war. Also machte Björndalen eben weiter bis 2010. Jetzt sitzt er da vorn auf dem Podium nach dem Staffelgold in Whistler, die Teamkollegen haben eine norwegische Fahne dabei und schwenken sie über Björndalens Kopf. Er sagt: "Ich werde mich jetzt die nächsten vier Jahre vorbereiten und in Sotschi in Form sein." Björndalen hat jetzt sechsmal Gold und macht eben weiter bis 2014.

Er wird dann 40 sein, aber was heißt das schon? Neben ihm sitzt Halvard Hanevold, der ebenfalls in der Staffel Gold gewonnen hat. Hanevold ist 40. Und Hanevold ist nicht Björndalen, der in den nächsten Wochen seinen Fahrplan für Sotschi festlegen wird, jeden einzelnen Tag. So hat er es auch schon vor Vancouver gemacht und vor Turin und vor Salt Lake City. In Norwegen wohnt er schon lange nicht mehr. Sein offizieller Wohnsitz ist Obertilliach in Österreich. Der Ort liegt viel näher an den Weltcupstrecken als Norwegen und außerdem in 1600 Metern Höhe. So wird selbst das Privatleben zum Höhentrainingslager.

Als im Whistler Olympic Park Halvard Hanevold, Emil Hegle Svendsen und Tarjei Boe im Zielraum ausgelassen ihr Gold feiern, eilt Ole Einar Björndalen Richtung Umkleide. Ein Offizieller versucht, ihm zu folgen. Aber Björndalen ist einfach zu schnell.

insgesamt 2 Beiträge
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Der Terrier 28.02.2010
1. Phänomenal
Albtertville, Lillehammer, Nagano - Triumphstätten für Björn Daehlie! In Lillehammer habe ich dass unendlich spannende 30km Freistil-Rennen zwischen Alsgaard und Daehli gesehen, was ersterer knapp für sich entschied. Drei Tage später wurde er in der "Verfolgung" Erster und weitere drei Tage später mit der Staffel Zweiter. Nach Nagano hat es wohl niemand für möglich gehalten, dass Dehlie`s 8 Goldmedaillen bei Olympischen Spielen zu toppen sind. Aber wer OE Björndalens Karriere verfolgt, weiß, daß er dazu durchaus in der Lage ist. Er wird seine Schießtechnik weiter verfeinern und in seinem österreichischem Domizil weiter Kraft und Kondition tanken, wenn letzteres überhaupt noch zu steigern ist. Er wird, sofern die Gesundheit mitspielt, in Sotschi als 40jähriger antreten; den unbedingten Ehrgeiz dazu hat er! Viel Glück!
saul7 28.02.2010
2. ++
Zitat von sysopEr ist der erfolgreichste Biathlet der Geschichte, doch das reicht Ole Einar Björndalen nicht. Einen legendären Landsmann muss der norwegische Perfektionist noch übertreffen. Deshalb will er bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi starten - dann wäre er 40 Jahre alt. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,680694,00.html
In der Tat: An Ehrgeiz fehlt es Björndalen nun wirklich nicht, und er wird wahrscheinlich die Leistungen auch noch in vier Jahren bringen können. Im Schießen war er allerdings auch schon mal besser gewesen, da muß er noch kräftig an sich arbeiten!!!
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