Biathlon-WM Warten auf die Razzia

Die Biathlon-WM in Östersund beginnt, und das Dopingthema wirft nach der Razzia bei der Ski-WM von Seefeld seinen großen Schatten auf die Veranstaltung. Auch in Schweden könnten die Ermittler zuschlagen.

Russlands Biathlonstar Alexander Loginow
Getty Images

Russlands Biathlonstar Alexander Loginow

Von


Biathlon könnte eine so schöne Sportart sein. Die Ästhetik des Laufens, gepaart mit der Konzentration am Schießstand, diese so unterschiedlichen Anforderungen, es ist kein Zufall, dass Biathlon ein Quotenbringer des Wintersports ist.

Nun gibt es allerdings noch eine andere Seite des Sports, eine Seite, die sich so gar nicht nach Ästhetik anhört. Das Dopingthema nehmen alle mit ins Gepäck zur Biathlon-WM ins schwedische Östersund. Athleten, Trainer, Betreuer - selbst wenn sie dem Thema entgehen wollten, spätestens seit der Razzia bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld geht das nicht mehr.

Es ist der ganz große Schatten, der über dieser Weltmeisterschaft liegt. Es gibt Andeutungen, dass die Ermittler ebenso wie in der Vorwoche in Seefeld auch in Schweden zuschlagen wollen. DOSB-Präsident Alfons Hörmann hatte in den vergangenen Tagen entsprechende Spekulationen genährt, "dass in Östersund eine weitere Aktion geplant sein soll". Genaueres weiß man nicht, aber schon so ein Satz reicht, um die Nervosität anzuheizen. Magdalena Neuner, Deutschlands Biathlon-Star im Ruhestand und mittlerweile für die ARD als Expertin tätig, ist sich sogar "fast schon sicher, dass in Östersund auch was kommen wird".

So können es auch die Aktiven kaum vermeiden, sich vor den am Donnerstag beginnenden Wettkämpfen zum Dopingthema zu äußern. Arnd Peiffer sagt, er sei "erschüttert" von den Nachrichten und Bildern aus Seefeld gewesen, die überführten Langläufer seien "Idioten, die unseren ganzen Sport in Verruf bringen". Schwedens Nationalcoach Wolfgang Pichler nannte Seefeld den "Gipfel der Dummheit".

Eder berichtet über unsittliches Angebot

Dummheit, Idioten - damit könnte man die Sache abtun. Allerdings spielen im vom McLaren-Report dokumentierten russischen Staatsdoping auch Biathleten eine gewichtige Rolle. In Östersund gehört mit Alexander Loginow ein Starter zum Favoritenkreis, der bereits eine zweijährige Sperre abgesessen hat. Am Mittwoch bekannte der Österreicher Simon Eder, dass ihm Dopingmittel angeboten worden seien. Er habe daraufhin sofort den Verband und die Polizei informiert. Die Spur führt nach Erfurt, zu jenem Arzt Mark S., der in der Vorwoche in Haft genommen wurde und mittlerweile vollumfängliche Kooperation mit den Ermittlern angekündigt hat.

Lebenslange Sperren für Doper - das hat der einstige Top-Biathlet Fritz Fischer ins Gespräch gebracht: "Die musst du komplett wegsperren", sagte er der "Abendzeitung". Auch die dreifache Olympiasiegerin Kati Wilhelm hat sich in diese Richtung geäußert: "Vielleicht kannst du diese Leute wirklich nur noch mit Haftstrafen abschrecken und bestrafst sie wie Schwerverbrecher", sagte sie. Sperren, "die reichen ja scheinbar nicht mehr".

Nun liegt es in der Natur solcher Großveranstaltungen, dass das Thema in den Tagen vor den Wettkämpfen intensiv diskutiert wird. Wenn es dann aber um die Medaillen geht und kein aktueller Fall hinzukommt, sickert es in Medien und Öffentlichkeit langsam in den Hintergrund. Laura Dahlmeier, die aktuelle Vorzeige-Biathletin des DSV, hat jetzt schon gesagt, sie wolle "nicht tagtäglich mit dem Thema Doping konfrontiert werden". Auch Peiffer äußerte sich in die Richtung: "Für mich zählen jetzt nur die Wettkämpfe bei der WM." Aus Sicht des einzelnen Athleten ist das nachvollziehbar, falls es zu einer Razzia kommen sollte, allerdings kaum durchzuhalten. Noch ist Seefeld in Mittelschweden allgegenwärtig.

"Dann versteht man die Welt nicht mehr"

So beginnen die Wettkämpfe mit einer gewissen Anspannung, das Warten auf eine Aktion der Dopingfahnder liegt in Östersund in der Luft. Der Weltcup-Führende Johannes Thingnes Bö aus Norwegen hätte sogar nichts dagegen, wenn es zu Durchsuchungen käme, sagt er. "Das ist der neue Weg, um die Betrüger zu erwischen. Es ist eine gute Prozedur, weil sich nun niemand mehr sicher sein und die Polizei jeden Moment an die Tür klopfen kann", sagte er im ARD-Hörfunk.

Pichler, der Trainer der Schweden, kann sich das aber für Östersund nicht vorstellen: "Wenn es jetzt noch irgendeinen gibt, der meint, er kann irgendwas drehen, dann versteht man die Welt nicht mehr." Nach Seefeld. So wie es sicher Leute gab, die sich nach Salt Lake City 2002, nach Turin 2006, nach Ramsau 2009 und nach Sotschi 2014 nicht vorstellen konnten, dass weitergedopt wird.

Es könnte passieren, dass Wolfgang Pichler am Ende dieser WM die Welt nicht mehr versteht.



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hans-rai 07.03.2019
1. Überprüfen ja, aber...
...nicht schon im Vorfeld alle Athleten unter Generalverdacht stellen und uns den großen Spaß an einer interessanten Sportart verderben.
jallajalla 07.03.2019
2. Wenn die Razzien nachdrücklich angekündigt werden
dann werden die Doper ihre EPO-Pumpen doch sicherlich zu hause lassen. Das wird ja richtig spannend, wer von den Spitzenathleten an den Steigungen noch genug Sauerstoff bekommt.
pamhalpert 07.03.2019
3. Eigentlich schade
... dass da jetzt quasi schon "vorgewarnt" wird. Aber wenn dann keiner mehr dopt, wird man ja vielleicht beobachten können, welche der Spitzenläufer, die vor der WM noch allen davon liefen, plötzlich vielleicht nicht mehr ganz so dominant daherkommen.
jujo 07.03.2019
4. ....
Zitat von jallajalladann werden die Doper ihre EPO-Pumpen doch sicherlich zu hause lassen. Das wird ja richtig spannend, wer von den Spitzenathleten an den Steigungen noch genug Sauerstoff bekommt.
Die Norweger werden keine Probleme mit der Luft bekommen. Die haben sicherlich wieder Asthmaspray in vierstelliger Zahl im Gepäck. Seit Sotchi ist es ja Aktenkundig das nur Asthmatiker in das norwegische Kader kommen.
berlinparis 07.03.2019
5. Würde mir von ARD und ZDF ...
... die gleiche Konsequenz wie seinerzeit bei der Tour de France wünschen: Ausstieg aus der Berichterstattung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.