Curling in Deutschland Neue Besen braucht das Land

Curling lockt bei Olympia Millionen vor die TV-Geräte. Ehemalige Top-Spieler sorgen sich aber um die Zukunft. Im Zentrum der Kritik: der DOSB, der Profibedingungen über einen Amateursport stülpt.

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Es ist wieder soweit: Wochenende für Wochenende übertragen die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF Wintersport. Stundenlang. Wenn Laura Dahlmeier im Biathlon gewinnt, Rodler Felix Loch seine goldene Bilanz ausbaut oder Maria Riesch alpine Skirennen als Expertin begleitet, sehen Millionen TV-Zuschauer zu. Deutschland, ein Wintermärchen.

Das gilt auch für Curling - wenn auch nur alle vier Jahre. Seit das präzise Strategiespiel mit den gleitenden Granitsteinen und den hektisch eingesetzten Besen 1998 ins olympische Programm aufgenommen wurde, konnten sich die deutschen Männerteams stets qualifizieren, die Frauen verpassten nur die Spiele 2006 und 2014. Vor vier Jahren in Sotschi freute sich die Mannschaft um Skip John Jahr über TV-Zuschauerzahlen in Millionenhöhe, um danach wieder in der Versenkung zu verschwinden.

Am heutigen Dienstag beginnt im tschechischen Pilsen das Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele 2018 in Pyeongchang. Die beiden deutschen Teams um die Skips Daniela Jentsch und Alexander Baumann müssen jeweils einen der ersten beiden Plätze belegen, um nach Südkorea reisen zu dürfen. Doch für Curling, das in Deutschland in 17 Vereinen von gerade einmal 700 Mitgliedern gespielt wird, steht viel mehr auf dem Spiel. Zum Vergleich: Der Deutsche Eishockey-Bund hat fast 25.000, der Deutsche Skiverband sogar über 550.000 Mitglieder.

Professionelle Strukturen für Amateure

Felix Schulze gehörte 2014 in Sotschi zu Jahrs Mannschaft. Er schwärmt noch heute vom Erlebnis Olympische Spiele. Doch der amtierende Deutsche Meister und Co-Kommentator bei Eurosport sorgt sich um die Zukunft des Curlings in Deutschland. "Ich will unserem Sport nicht schaden", schickt Schulze dem Gespräch mit dem SPIEGEL vorweg - um dann massive Kritik am Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), dem wichtigsten Geldgeber des Deutschen Curling-Verbands (DCV), zu üben.

"Die DOSB-Taktik ist für Curling schädlich", sagt Schulze, "weil Welt- und Europameisterschaften immer nebensächlicher werden, auch in der öffentlichen Wahrnehmung." Wobei es dem 37-Jährigen gar nicht darum geht, die seit der DOSB-Gründung 2006 schrittweise eingeführten Neuerungen anzuprangern. Es geht um deren schablonenhafte Anwendung auf seinen Sport.

Der DOSB will eine Spitzensportförderung, fordert von allen Verbänden professionelle Strukturen, legt größten Wert auf olympische Medaillen und hat mit der Athletenvereinbarung ein zentrales Abkommen aufgesetzt, das alle Sportler mit olympischen Ambitionen auf eine Stufe stellt. Auch Schulze hält die Athletenvereinbarung "grundsätzlich für richtig".

Curling war in Deutschland ein Sport von Amateuren. "Die besten Teams", sagt Schulze, "waren bereit, sich aus eigenem Antrieb, Ehrgeiz und mit eigenem Geld voranzubringen." Das Ziel waren Welt- und Europameisterschaften, dafür musste man Deutscher Meister werden. Und wenn es in dem einen Jahr nicht geklappt hat, versuchten es die Teams im Jahr darauf erneut. So trieben sich die Amateure zu Bestleistungen an - ein Konzept mit Erfolg, wie die regelmäßigen Olympia-Teilnahmen, diverse EM-Titel und WM-Medaillen gezeigt haben.

Curling-Förderung steht auf dem Spiel

Mittlerweile dürfen deutsche Curler nur noch zu internationalen Turnieren fahren, wenn sie die Athletenvereinbarung unterschrieben haben. Amateure könnten die dazugehörigen Pflichten aber nicht erfüllen, sagt Schulze, der hauptberuflich als Anwalt arbeitet. So breche "der gesamte Leistungssport- und auf lange Sicht auch der Breitensport-Bereich zusammen".

Wie geht es weiter im Curling? Der DOSB, der dem Curling 2014 schon einmal die komplette Sportförderung entziehen wollte und erst nach Protesten einlenkte, verweist in einer Stellungnahme auf die bis Ende 2018 festgeschriebene Förderung und auf das neu eingeführte Potenzial-Analysesystem (PotAS), bei dem ab 2019 laut DOSB in allen Wintersportarten "konkrete Förderprojekte" besprochen werden und der "gesamte Zielvereinbarungsprozess" gesteuert wird. Wenn Baumann, Deutschlands einziger Profi-Curler, in Pilsen die Olympia-Qualifikation verpassen sollte, droht der Curling-Förderung eine weitere Kürzung.

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Curling in Deutschland: Neue Besen gibt es nicht

Andreas Kapp, als dreifacher Olympia-Teilnehmer Deutschlands größter Curling-Star, sieht es nicht so negativ wie Schulze. "Curling ist nicht tot, wir arbeiten gut mit dem DOSB zusammen", sagt der 49-Jährige. "Aber wir dürfen nicht plattgemacht werden." Wobei auch Kapp die Fokussierung auf Medaillen als problematisch ansieht. "Wir halten keinem Kind mehr die Möhre Olympische Spiele vor die Nase. Denn wir wissen auch alle, was man dafür aufgeben muss."

"Pistole auf der Brust ist das falsche Mittel"

Kapp, der in Füssen ehrenamtlich Jugendliche trainiert, sieht im Curling "ideale Voraussetzungen für das PotAS. Wir haben genügend Erfahrungsschatz, es fehlt einfach an guten Bedingungen." Gemeint sind ganzjährig nutzbare Eisflächen und bezahlte Jugendtrainer. "Gezielte Jugendförderung" fordert auch Schulze: "Pistole auf der Brust ist im Curling mit der fehlenden Breite das falsche Mittel."

Eine Sonderrolle will der DOSB den Curlern aber auch in Zukunft nicht zugestehen: "Mit Beginn des neuen Förderzyklus ab 2019 werden für alle Disziplinen gleichermaßen geltende Attribute des Potenzials, des Erfolgs und der Strukturen bewertet." Curling droht komplett von der Bildfläche zu verschwinden.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Angabe zur TV-Zuschauerzahl bei den Olympischen Spielen in Sotschi korrigiert.



insgesamt 4 Beiträge
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ChristianWeber 05.12.2017
1. " TV-Zuschauerzahlen in fünfstelliger Millionenhöhe"
Die fünfstellige Millionenhöhe wage ich angesichts einer nur vierstelligen Millionenhöhe der Erdbevölkerung zu bezweifeln :-)
sven2016 05.12.2017
2.
Das 5stellige war mir auch als Erstes aufgefallen ... muss immer mega, tera, penta sein, sonst gilt es als unwichtig. Lasst doch den Anateursport machen. Oder geht das nicht mehr ohne Gewinnprognose und freiwilliger Selbstverpflichtung? IOC meets GDR? Ähhmm, war da nicht auch nebenher was mit Sport?
Berlin142 05.12.2017
3. Mit dem Phänomen hat sich einst schon Mark Twain beschäftigt...
Zitat von ChristianWeberDie fünfstellige Millionenhöhe wage ich angesichts einer nur vierstelligen Millionenhöhe der Erdbevölkerung zu bezweifeln :-)
Lesen Sie mal die Kurzgeschichte "Gefahren im Bett" aus dem Buch "Der berühmte Springfrosch...". Da taucht das Problem auch auf (in Bezug auf die Bahn). :-)
hansdererste 05.12.2017
4. Randsportart bleibt Randsportart
da ist es nur normal, dass die Fördermittel gekürzt werden. Curling ist in anderen Ländern ne große Nummer und dagegen kann Deutschland auch mit noch so viel Förderung nicht ankämpfen. Aber müssen wir auf jeder Hochzeit tanzen?
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