Deutsche Skispringerinnen Gleichberechtigung im Flug

Bei Olympia sind sie zum Zuschauen verdammt. Die deutschen Skispringerinnen sind erfolgreich, aber noch lange nicht glücklich. Sie haben zwei Wünsche: mehr Interesse für ihren Sport und die Aufnahme ihrer Disziplin in das Olympia-Programm.

Von Maria Saegebarth


Der Blick in die Tiefe ist gespenstisch. Ebenso die Ruhe. Nichts dringt mehr zu Juliane Seyfarth durch. Keine Bewegung, kein Laut. Nichts kann die junge Dame mehr ablenken. Lediglich die Fahnen behält sie im Blick, um auf den Wind reagieren zu können, der leise heult. Die 15 Jahre alte Schülerin hat den Blick starr ins Tal gerichtet, als die Ampel auf Grün springt. Seyfarth holt Schwung, stößt sich ab und beschleunigt auf mehr als 85 Kilometer pro Stunde, bevor sie kraftvoll vom Schanzentisch abspringt und dem Tal entgegensegelt. Die Thüringerin ist Skispringerin - in dieser Saison sogar Deutschlands erfolgreichste Athletin in der noch jungen und nahezu unbekannten Frauen-Variante der Disziplin.

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Skispringerinnen: Emanzipation am Schanzentisch

Noch vor sechs Jahren ist die Schülerin durch die Loipen in ihrer Heimat gejagt. "Als ich die Jungs beim Training sah, wollte ich nur mal ausprobieren, wie sich das Springen anfühlt", sagte sie und erinnerte sich an den Tag zurück, als sie erstmals von einer Übungsschanze sprang. Dieses eine Mal hat gereicht - die Langlaufski kamen in den Keller und Seyfarth wollte hoch hinaus. "Das Gefühl beim Fliegen ist einmalig. Jedes Mal wieder". Dass sie es allerdings so schnell in die Weltspitze schaffen würde, "hatte ich nicht erwartet".

Ihr Vorteil - die Sportart ist neu und die Konkurrenz rar. So sicherte sich Seyfarth in diesem Jahr den Sieg bei der erstmals ausgetragenen Junioren-Weltmeisterschaft. Im Teamwettbewerb erkämpften sich die "weiblichen Adler" zusammen gar Platz zwei hinter den Damen aus den USA. Diese "Ladies Tour" ist das Pendant zur Vierschanzentournee der Männerkonkurrenz: vier Wettbewerbe auf vier Schanzen in knapp zwei Wochen.

Doch damit hören die Gemeinsamkeiten bereits auf. Anders als in Zeiten, in denen deutsche Skispringer wie Schmitt oder Hannawald in ausverkaufte Ausläufe hinab flogen, landen Juliane Seyfarth und ihre Kolleginnen oft genug vor leeren Rängen. Dann applaudieren sich die Konkurrentinnen aus den verschiedenen Nationen gegenseitig, schließlich sei man "eine kleine Familie, die zusammenhalten muss, um gemeinsam das Frauen-Skispringen nach vorn zu bringen", wie die 18-jährige Ulrike Gräßler aus dem sächsischen Klingenthal sagt.

Respekt ja, Angst nein

Nach vorn bringen, das bedeutet vor allem die Sportart in das Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. "Wir sind bislang zu wenig präsent", weiß auch Co-Trainer Stefan Pieper, der Bundestrainer Daniel Vogler an manchen Wettkampftagen vertritt, wenn der seinem Hauptberuf nachgehen muss. Doch beide sind sich einig: An der Qualität der Wettkämpfe liege das geringe Interesse nicht. "Unsere Mädels stehen den Männern weder in Sachen Spannung noch Wettkampfattraktivität nach. Aber noch wissen einfach zu wenige, dass es das Frauen-Skispringen überhaupt gibt."

Diese Problematik ist auch IOC-Vizepräsident Thomas Bach bekannt, der im Programm der Olympischen Winterspiele durchaus noch "ein bisschen Luft" sieht. Seine Idee deshalb: "Eine Variante wäre Skispringen für Frauen, das hätte gleich mehrere Vorteile: die Verbesserung der Frauenquote, eine stärkere Nutzung der Schanzenanlagen und die Möglichkeit, die Nordische Kombination für Frauen einzuführen." Allerdings müsste das Frauen-Skispringen selbst erst noch die olympische Reife erlangen. Das heißt also, eine breitere Öffentlichkeit erreichen, das Wettkampfsystem ausbauen und mehr Nationen mobilisieren.

Bislang sind Auswahlkader aus sieben Ländern bei der "Ladies Tour" und dem offiziellen Fis-Continental-Cup am Start. Gesprungen wird im Laufe der Saison in Europa ebenso wie in den USA, Japan oder Kanada. Zwar stellen die Deutschen eine der jüngsten Mannschaften im internationalen Vergleich, doch das hindert sie nicht daran, in der Spitze mitzumischen. Angst kennen die Mädchen, von denen viele erst am Anfang ihrer Karriere stehen, nicht. Dürfen sie auch nicht, erklärt die 18 Jahre alte Jenna Mohr. "Sicher muss man Respekt vor den Schanzen haben, aber gleichzeitig muss man respektlos springen."

"Aber", warnt Kollegin Gräßler, "man darf die Schanzen auch nicht unter- und sich selbst überschätzen". Auch nach über zehn Jahren als aktive Skispringerin hat sie diesen Grundsatz verinnerlicht. Schon seit ihrer Kindheit springt die 18-Jährige von der Schanze. "Lasst sie doch mitmachen so lange sie Lust hat", habe es viele Jahre geheißen, sagt die Abiturientin, die in den ersten Jahren ausschließlich gegen männliche Konkurrenten gesprungen ist. Offizielle Frauenwettbewerbe gab es bis 1998 ebenso wenig wie ein weibliches Auswahlteam in Deutschland.

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Skispringerinnen zu Olympia 2010

Skispringen ist die letzte Männerbastion bei den Olympischen Spielen. Das könnte sich schon bei Olympia 2010 ändern. Sollte man Ihrer Meinung nach das Skispringen der Frauen in das Olympia-Programm integrieren?

Die deutschen Springerinnen mussten lange kämpfen, bis sie im Deutschen Ski-Verband (DSV) Anerkennung und Förderung fanden. Erst vor zwei Jahren hat der DSV ein Frauenteam gegründet und damit den Springerinnen eine Perspektive geboten. Bis dato war es so, dass, wer der Schule entwachsen war und eine Ausbildung aufnahm, sich von seinem Sport verabschieden musste. Aus diesem Grund gehört Gräßler mit ihren 18 Jahren auch zu den Ältesten der acht Teammitglieder - und gleichzeitig zur ersten Generation, die in Deutschland gefördert wird.

Von dem Potenzial ihrer Sportart sind die Mädchen, die neben ihrer schulischen und beruflichen Ausbildung für Deutschland von den 90-Meter-Schanzen springen, überzeugt. "Es ist wie eine Sucht", fügt Seyfarth hinzu. Für diese wollen sie in den nächsten Jahren ein breites Publikum gewinnen - und damit das IOC von der Sportart überzeugen. Denn während bei den Olympischen Spielen in Turin nur die Männer von den Schanzen fliegen durften und die DSV-Adler leer ausgegangen sind, träumen Deutschlands Skispringerinnen davon, vielleicht schon bei den Winterspielen 2010 in Vancouver dabei zu sein.



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