Deutsches Skispringen nach der Vierschanzentournee Bereit für die Zukunft

Zwei deutsche Springer haben es aufs Podium der Vierschanzentournee geschafft, das gab es zuletzt 1990/1991. Der Erfolg ist vor allem Bundestrainer Werner Schuster zu verdanken - und er ist nachhaltig.

Markus Eisenbichler
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Markus Eisenbichler

Von Eike Hagen Hoppmann


Kurz vor dem Ende des vierten Springens der 67. Vierschanzentournee in Bischofshofen schauten die meisten Zuschauer auf zwei Protagonisten: Markus Eisenbichler hatte die Chance auf den ersten Weltcup-Sieg seiner Karriere; Ryoyu Kobayashi konnte als erst dritter Skispringer in der Geschichte alle vier Springen der Tournee gewinnen. Eisenbichler verpasste den großen Sprung, dafür gehört Kobayashi nun zum exklusiven Kreis der Grand-Slam-Gewinner.

Fast ein wenig unter dem Radar blieb deshalb, dass sich Stephan Leyhe mit einem fabelhaften Sprung im zweiten Durchgang auf 137 Meter noch auf den dritten Platz der Gesamtwertung schob. Auch vor dem achten und letzten Sprung der Tournee hatte Leyhe noch außerhalb der Top sechs gelegen. Doch dann zog er an der Konkurrenz vorbei. "Ich freue mich einfach riesig", sagte Leyhe im ZDF. "Ich war immer ein Spätstarter, kleine Schritte. Ich glaube, dieses Jahr habe ich mal einen großen Schritt gemacht."

Leyhes Leistung ging nicht nur am Sonntag, sondern in der gesamten Vorwoche unter. Auch da ging es um Eisenbichler, der Kobayashi während der ersten beiden Tournee-Stationen als Einziger folgen konnte. Zudem wurden die schwachen Auftritte von Olympiasieger Andreas Wellinger und Severin Freund diskutiert.

Über Leyhe las man wenig. Beim Auftaktspringen in Oberstdorf landete er als 13. noch außerhalb der Top Ten. Das änderte sich in Garmisch-Partenkirchen mit Platz sieben und anschließend zwei vierten Plätzen in Innsbruck und Bischofshofen. Das bedeutet nun: Zweiter Eisenbichler, Dritter Leyhe. Ein Erfolg für das deutsche Team. Zwei deutsche Springer auf dem Tournee-Podium gab es zuletzt 1990/1991 nach der Wiedervereinigung mit Sieger Jens Weißflog und Dieter Thoma auf Platz drei.

Einen großen Anteil am diesjährigen guten Abschneiden hat Bundestrainer Werner Schuster, der das deutsche Skispringen in seinen elf Jahren im Amt aus dem Mittelmaß in die Weltspitze geführt hat. Unter seiner Führung haben die deutschen Skispringer fast alles gewonnen, was es in dem Sport zu gewinnen gibt: Olympia, Gesamtweltcup, Weltmeisterschaft. Mit einer Ausnahme: Bei der Vierschanzentournee war es dreimal "nur" ein zweiter Platz, weil jedes Jahr stets ein anderer Springer außergewöhnlich gut war, Peter Prevc, Kamil Stoch, nun Kobayashi.

"Es war eine gute Tournee für uns"

In diesem Jahr wurde das deutsche Team nach einem durchschnittlichen Auftakt in Oberstdorf, als nur Eisenbichler in die Top Ten sprang, mit jedem Springen etwas besser. Schuster hatte schon während der Tournee immer darauf verwiesen, dass das deutsche Skispringen gut aufgestellt sei. Und das Ergebnis bestätigt ihn nun. "Es war eine gute Tournee für uns", sagte er. Selbst wenn Schuster das Team nach der Saison verlassen sollte, sein Vertrag läuft aus, muss man sich für die Zukunft wohl keine Sorgen machen.

Die Mannschaft ist so breit aufgestellt, dass mit Eisenbichler und Leyhe zwei auf dem Podium landeten, auf die man in dieser Kombination vor der Tournee kaum gewettet hätte. Diese Ausgeglichenheit und die große Anzahl an potenziellen Siegspringern macht es nun aber für Schuster schwer, das beste Team für die anstehende WM im österreichischen Seefeld zu nominieren (19.2. bis 3.3.). Pro Wettbewerb dürfen dort vier deutsche Springer starten. Der Bundestrainer hat wahrscheinlich so viele aussichtsreiche oder erfahrene und hochdekorierte Springer in den eigenen Reihen, wie schon lange nicht mehr. Da wären:

  • Eisenbichler, der aktuell am besten in Form zu sein scheint, in der Vergangenheit aber immer mal wieder patzte.
  • Leyhe, der über die ganze Saison gesehen der konstanteste deutsche Springer ist.
  • Der einzige deutsche Weltcup-Gewinner in dieser Saison, Karl Geiger, der bei der Tournee aber etwas hinter den hohen Erwartungen zurückblieb.
  • Richard Freitag, Zweiter im Gesamtweltcup der vergangenen Saison, der nach Verletzungsproblemen teilweise wieder bessere Sprünge zeigte, aber noch etwas inkonstant ist.
  • Wellinger, Einzel-Olympiasieger von Pyeongchang, der bei der Tournee aber im Formtief steckte und zweimal den zweiten Durchgang verpasste.
  • David Siegel, immerhin amtierender Deutscher Meister.
  • Severin Freund, Gesamtweltcup-Sieger und Weltmeister vor drei Jahren, Zweiter bei der Tournee vor zwei Jahren, nach zwei Kreuzbandrissen aber nicht in Form und von Schuster deshalb aus dem deutschen Aufgebot für Innsbruck und Bischofshofen gestrichen.
  • Constantin Schmid, der anstelle von Freund mit nach Österreich durfte und es bei der Tournee dreimal in den zweiten Durchgang schaffte.

Bei den Olympischen Winterspielen im Februar des vergangenen Jahres traf der Schnitt für den Mannschaftswettbewerb noch Eisenbichler, der bei der anstehenden WM gute Chancen haben dürfte. Ähnliches gilt für Leyhe. Er ist nun auf Platz vier der bestplatzierte deutsche Skispringer in der Weltcup-Gesamtwertung. Auch diese Verbesserung geschah unauffällig.

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
hansa54 07.01.2019
1. Frage
an den "Erfolgstrainer": Warum kann dieser und jener sein Potential nicht abrufen? Waum sind Springer vorn, die keiner auf der Rechnung hatte? Warum gibt es keinerlei (positive) Konstanz bei dem Einzelnelnen? Warum....? Überragende Bilanz nach 11 Jahren! Wir haben ein echtes "Überraschungsteam"!
peter-11 07.01.2019
2. Sehr guter Trainer
Werner Schuster ist für mich einer der Besten überhaupt. Er hat diese Mischung von Autorität und Kumpel, die man nur bedingt lernen kann. Er fördert die etablierten Springer und auch deren Bodenhaftung. Dazu entwickelt er junge Athleten vorsichtig und gibt ihnen auch die entsprechenden Chancen. Herr Schuster ist sehr sympathisch und dabei sehr professionell und das auch im Umgang mit den Medien. Er hätte den Titel "Trainer des Jahres" durchaus verdient.
grandma_moses 07.01.2019
3. A oder B
Entweder ist er ein guter Trainer und man muss sich Sorgen ob seines Abgangs machen, oder er ist ein mittelmäßiger Trainer und wenn er geht, wird dies kein Problem für das deutsche Team darstellen. Beides gemeinsam in einem Bericht verwendet lässt einen doch wundern...hat er Strukturen geschaffen, die seine Zeit überdauern? Ist er ein Flüsterer? Oder ist er so gut, eben weil er so viele gute, junge Springer an das Springen heranführte? Oder kann er alles zusammen? Man weiss nach Lektüre dieses Berichts genau nichts mehr als vorher, eher wird man noch verwirrt zurückgelassen, was denn nun eigentlich gesagt werden soll. The author wants to have his cake and eat it too.
OhMyGosh 07.01.2019
4. Ein wunderbares Team!
Dieser Werner Schuster ist ein Juwel unter den Trainern - menschlich, fachkompetent, ruhig und erfolgreich. Die deutschen Springer haben ihm gewiss viel zu verdanken und auch der Staff rund ums Team scheint wunderbar zu arbeiten. Glückwunsch an "Eisei" und Leye und gute Wünsche für Wellinger, Geiger und die anderen, die auch noch auf sich aufmerksam machen werden.
selbständigdenkender 07.01.2019
5. Die Stützpunkttrainer
leisten die Basisarbeit. Das sollte man auch nicht immer unerwähnt lassen. Das mit der Breite der Leistungsdichte sehe ich etwas differenzierter. Dazu muss man sich nur einmal den CONTI Cup oder nationale Jugendwettkämpfe anschauen. Meiner Meinung nach agiert der Verband sehr kurzsichtig und nimmt den Verlust traditioneller Trainingszentren durch immer weniger finanzielle und materielle Unterstützung billigend in Kauf. Ohne die immense Unterstützung vieler Eltern sähe unsere Nachwuchssituation noch deutlich schlechter aus. Wir haben es schon zu den Boomzeiten von Schmidt und Hannawald nicht verstanden, dies entsprechend in langfristige Strukturen in der Nachwuchsförderung einfließen zu lassen.
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