Disqualifikation für Gold-Favorit Trainer schickt Hollands Super-Eisschnellläufer in die falsche Spur

Er jubelte noch über die Goldmedaille, als seine Fans schon verstört verstummt waren - dann traf auch ihn der Schock der Disqualifikation: Ein Anfängerfehler seines Trainers hat den niederländischen Eis-Star Sven Kramer den Olympiasieg über 10.000 Meter gekostet.

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Kramers 10.000-Meter-Debakel: Spur gewechselt, Gold verloren
"Verdammt noch mal, was für ein Arschloch. Ich bin stinksauer auf meinen Coach", zischte Sven Kramer den Reportern im Richmond Oval in die Mikrofone. Noch immer war ihm der Schock über das soeben Erlebte deutlich anzumerken. Der sichere, überlegene Olympiasieg über 10.000 Meter war dem Niederländer entrissen, ein Fehler seines Trainers brachte ihm die automatische Disqualifikation ein.

Nur Minuten zuvor war Kramer mit hochgestreckten Armen über die Ziellinie geglitten, hatte hinauf zu den niederländischen Fans gewinkt. Statt Jubel sah er jedoch nur betretene Mienen auf den Rängen. Der 23-Jährige war wohl der Einzige im weiten Rund, der noch nicht begriffen hatte, was gerade geschehen war. Wenige Meter entfernt setzte sein Konkurrent Lee Seung-Hoon mit südkoreanischer Flagge bereits zur Ehrenrunde an.

Erst als ihn Trainer Gerard Kemkers einholte, in knappen Worten die bittere Nachricht überbrachte, wurde auch Kramer das Ausmaß der Katastrophe bewusst. Wütend schleuderte er seine Brille auf die Bahn, rammte den Schlittschuh ins Eis. Und schrie seinen Trainer an, immer wieder.

Was war geschehen? Nach neun Runden dominierte Kramer das Duell mit dem Russen Ivan Skobrew, lag klar auf Goldmedaillen-Kurs. Viel mehr, als den Lauf sicher ins Ziel zu bringen, musste er eigentlich nicht mehr tun. Dann der Eingang zur Kurve: An der Außenlinie weist ihn sein Trainer auf die innere Bahn. Kramer stutzt, stolpert beinahe - und folgt den Anweisungen seines Coaches. "Er weist mich in die falsche Kurve, das hat er vorher noch nie gemacht. Deshalb dachte ich, er lag richtig", sagte Kramer nach dem Rennen.

Der Wechsel in die falsche Fahrspur bedeutet die automatische Disqualifikation. Nach wenigen Sekunden registriert Kemkers neben der Strecke seinen Fauxpas, sein Schützling zieht derweil weiter seine Bahnen. "Ich übernehme die Verantwortung. Für mich stürzt eine Welt zusammen", sagte Kemkers sichtlich erschüttert unmittelbar nach dem Lauf.

"Eines der besten Rennen meines Lebens"

Als der Niederländer das Ziel erreicht, liegt er vier Sekunden vor Lee Seung-Hoon, eine Ewigkeit im Eisschnelllauf. "Das Rennen lief eigentlich optimal, es war eines der besten meines Lebens", so Kramer.

Ausgerechnet im olympischen Finale musste Kramer über die Langdistanz seine erste Pleite seit dem 24. Dezember 2006 in Kauf nehmen. "Ich war auf der richtigen Bahn, doch eine Sekunde bevor ich einschwenken wollte, schrie Kemkers 'geh nach innen' und ich habe reagiert. Da hab ich das erste Mal in meinem Leben auf den Trainer gehört", stöhnte der zwölffache Weltmeister.

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Vancouver 2010: Alle deutschen Medaillengewinner
"Sowas habe ich bei Olympischen Spielen noch nicht erlebt", sagte der deutsche Eislauf-Bundestrainer der Frauen Markus Eicher. "Das ist natürlich bitter. Das wünscht man keinem Kollegen", sagte Deutschlands Eisschnelllauf-Teamchef Helge Jasch. Kramer verpasste durch den Fehler die Chance, es Norwegens Legende Johann Olav Koss nachzutun, der 1994 als letzter Eisschnellläufer dreimal Gold bei Olympia gewann.

Revanche für das Debakel von Turin geplant

Unter den Augen des niederländische Kronprinzen Willem Alexander und des Regierungschefs Jan-Peter Balkenende sowie Tausender Fans in Orange hatte Kramer zum Auftakt der Eisschnelllauf-Wettkämpfe bereits überlegen die Goldmedaille über 5000 Meter eingefahren. Der 10.000-Meter-Sieg war nun fest eingeplant, dazu winkt noch Edelmetall im Teamrennen am Samstag (22.55 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

In Turin gewann Kramer 2006 als 19-Jähriger bereits Silber über 5000 Meter und Bronze im Team. Beim Mannschaftsrennen war er damals über ein Begrenzungsklötzchen gestolpert, den dritten Platz beschrieb er als Niederlage für die niederländische Eislaufnation: "Das war so, als wenn ich im WM-Finale einen Elfmeter verschossen hätte", sagte Kramer später. Für Vancouver versprach er eine "Zeit der Wiedergutmachung". Gold über 5000 Meter und möglicherweise auch mit dem Team wären eine gute Ausbeute. Mit dem Debakel über 10.000 Meter hat Kramer aber schon jetzt für eine der skurrilsten Szenen der Spiele in Kanada gesorgt.

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