Doping-Razzia bei Ski-WM Operation Aderlass

Der Skilanglauf ist wieder schwer in Verruf geraten. Bei einer Doping-Razzia während der Nordischen Ski-WM nahmen Ermittler fünf Athleten fest. Die Spur der Hintermänner führt nach Erfurt - und nicht nur zum Langlaufsport.
Polizei an der Langlaufstrecke von Seefeld

Polizei an der Langlaufstrecke von Seefeld

Foto: Matthias Schrader/ AP

Bei der Nordischen Ski-WM herrschte am Mittwoch in Tirol das, was man Kaiserwetter nennt. Fantastische Bedingungen, um Sport zu machen, vielleicht ein bisschen zu warm für die 15-Kilometer-Langläufer. Es gewann ein Norweger vor einem Russen und einem Finnen - aber wen interessierte das an diesem Tag?

Die Sonne mochte am Mittwoch noch so malerisch vom Himmel scheinen, es war wieder einmal ein dunkler Tag für den Langlaufsport.

Am Vormittag hatten die Behörden nach monatelanger Ermittlungsarbeit mit einer Razzia zugeschlagen, in Seefeld erwischten sie einen Athleten noch mit der Nadel im Arm, wie der Sprecher des österreichischen Bundeskriminalamts, Dieter Csefan, am Nachmittag mitteilte. Mehr inflagranti ist wohl kaum möglich. Der Sportler hatte sich die Nadel gerade zu einer Bluttransfusion angesetzt, als die Fahnder anklopften. "Operation Aderlass" hatten die Behörden ihre Aktion intern genannt, das war wohl recht treffend.

Neun Verdächtige sind nun in Haft, darunter fünf Sportler, je zwei aus Österreich und Estland und einer aus Kasachstan. Die Spur führt dabei von Seefeld nach Deutschland. Von einem "weltweit agierenden Netzwerk" spricht das Bundeskriminalamt, und die Fäden sollen in Erfurt zusammenlaufen. Auch hier griffen die Ermittler zu und nahmen einen Sportmediziner fest. Die Ermittler haben den Namen des Mannes nicht genannt, es soll jedoch kein Unbekannter sein, seit Jahren gebe es Dopingvorwürfe gegen ihn, allerdings nicht unbedingt aus dem Wintersport, sondern aus dem Radsport.

"Ich hätte gedacht, dass sie trainieren"

Österreichs sportlicher Leiter Markus Gandler gab sich empört, der Langlauf-Koordinator des ÖSV, Trond Nystad, ahnungslos: "Ich hätte gedacht, dass sie trainieren und nicht, dass sie so einen Scheiß machen." Dabei kam die Razzia alles andere als aus heiterem Himmel. Der österreichische Langläufer Johannes Dürr, 2014 nach den Olympischen Spiele von Sotschi aufgeflogen, hatte vor Wochen in der ARD und auch im Interview mit dem SPIEGEL systematisches Doping über Jahre zugegeben und dabei auch von Verbindungen nach Deutschland gesprochen. Dürrs Doping-Geständnis war ein maßgeblicher Auslöser dafür, dass die Staatsanwaltschaft München und das Bundeskriminalamt in Wien ihre Ermittlungen intensivierten.

Pressekonferenz des österreichischen Bundeskriminalamtes

Pressekonferenz des österreichischen Bundeskriminalamtes

Foto: CHRISTIAN BRUNA/EPA-EFE/REX

Für den Langlauf bedeutet dies alles einen erneuten massiven Imageschaden, die Sportart ist ein gebranntes Kind. Neben dem Radsport oder dem Gewichtheben gehört der Langlauf zu den Disziplinen, in denen immer wieder Doper auffallen. Aber die Razzia könnte auch weitere Kreise ziehen, die über den Langlauf hinausgehen: "Es werden sicherlich auch noch andere Sportarten betroffen sein", deutete Bundeskriminalamtssprecher Csefan an. Von Erfurt aus sollen nicht nur Wintersportler versorgt worden sein. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow sprach zumindest schon von einer "ziemlichen Katastrophe" für den Sportstandort Thüringen.

Auch wenn das Doping-Zentrum in Deutschland liegt, scheinen deutsche Langläufer zumindest nach jetzigem Stand nicht verstrickt zu sein. Es gebe "keine Untersuchungen, weder im Teamhotel noch in Deutschland bei Institutionen, die den DSV vertreten", sagte der Sprecher des Deutschen Skiverbands Stefan Schwarzbach. Die Nationale Anti-Dopingagentur Nada teilte per Pressemitteilung mit: "Es zeigt sich, dass das Anti-Doping-Gesetz wirkt." Man kann eben aus allem noch etwas Positives herausfinden.

Österreichs mächtiger Ski-Boss Peter Schröcksnadel war in seiner Reaktion vor allem bestrebt, darauf hinzuweisen, dass österreichische Betreuer und Trainer von alldem nichts gewusst hätten. Der österreichische Langlaufsport hat schließlich eine Doping-Vorgeschichte, die nicht nur bis zu Johannes Dürr reicht. 2006 bei den Winterspielen in Turin hatten italienische Ermittler eine Razzia bei den ÖSV-Läufern angesetzt und waren fündig geworden. Schröcksnadel sieht jetzt die Notwendigkeit, "nach dieser Saison den Langlaufsport im ÖSV völlig neu zu organisieren".

Deutschlands Bundestrainer Peter Schlickenrieder kommentierte die Ereignisse vom Mittwoch: "Wir müssen alles tun, dass so etwas nicht mehr geschehen kann." Der Satz dürfte beim Thema Doping schon häufiger gefallen sein.