Doping-Skandal Verwirrung um Testergebnisse

Ein italienischer Staatsanwalt fordert Sanktionen gegen die österreichischen Skisportler - und rundet das Chaos in dieser Sache ab. Denn das ZDF berichtet von negativen Proben der getesteten Athleten, das IOC hält sich aber bedeckt.


Turin - Das ZDF meldete, dass die Analysen allesamt negativ ausgefallen seien. Dies will der TV-Sender aus gut unterrichteten Quellen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) erfahren haben. Das IOC dementierte diese Meldung allerdings umgehend. Es lägen noch keinerlei Ergebnisse vor, sagte Sprecherin Emmanuelle Moreau dem sid.

Für den italienischen Staatsanwalt Ciro Santoriello gäbe es allerdings jetzt schon genügende Hinweise, aufgrund derer das IOC Disziplinarmaßnahmen gegen die zehn getesteten österreichischen Biathleten und Langläufer ergreifen könnte, sagte der Jurist der französischen Sportzeitung "L'Equipe". "Teile der Zeugenaussagen, die uns vorliegen, haben bestätigt, dass das IOC Sanktionen gegen die Athleten ergreifen kann. Aber solange die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, können wir diese Beweise nicht dem IOC übergeben", sagte Santoriello.

Der österreichische Skiverband (ÖSV) hatte unter der Woche erklärt, dass die Biathleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann möglicherweise verbotene Methoden angewendet hätten. Das Duo und Cheftrainer Emil Hoch waren nach der Razzia geflüchtet und hatten sich in ihre Heimat abgesetzt.

Trinkgelage bei der Razzia

Laut Staatsanwalt Santoriello sei auch das Verhalten der österreichischen Athleten sehr verdächtig gewesen, nachdem die rund 100 Carabinieri am vergangenen Samstag die Durchsuchungen in den Quartieren in San Sicario und Pragelato begonnen hatten. "Als die Polizei eintraf, haben die Athleten schon geschlafen. Stellen sie sich vor: Die Polizei kam rein, machte das Licht an, die Athleten haben ins Licht geblinzelt. Und als erstes haben sie zu Flaschen gegriffen und angefangen, Wasser zu trinken. Die Flaschen waren am Ende des Betts deponiert. Sie haben nonstop getrunken, einen Liter, anderthalb Liter. Glauben sie mir, sie haben nicht getrunken wie sie und ich. Es schien für sie dringend, ja lebenswichtig zu sein", so Santoriello. Durch Aufnahme von viel Flüssigkeit kann der Nachweis von Dopingmitteln im Blut erschwert werden. Außerdem habe ein Österreicher versucht, von der Polizei beschlagnahmte Produkte wieder an sich zu nehmen.

Santoriello erklärte weiter: "Die österreichischen Athleten haben sich nicht korrekt verhalten. Einer griff nach den Materialien, die wir beschlagnahmt haben, ein anderer hat einen Beutel mit Gegenständen aus dem Fenster geworfen. Dieses Verhalten hat keinen guten Eindruck hinterlassen." Laut Angaben des Ermittlers sind 95 Prozent der kontrollierten österreichischen Athleten aus dem nordischen Bereich Asthmatiker, dies ist sonderbar bei Hochleistungssportlern: "Das Dossier beinhaltet viele sonderbare Verhaltensmuster."

Bei der Razzia sei Salbutamol, ein Mittel für Asthmatiker, in großen Mengen gefunden worden, berichtete der Staatsanwalt. Alle Athleten hätten auf ihre medizinischen Indikationen verwiesen. Santoriello: "Wir werden das überprüfen." Santoriello erklärte, dass es noch fünf bis sechs Monate dauern werde, bis die Ermittlungen in Italien abgeschlossen seien. Erst dann könnten die Resultate dem IOC zur Verfügung gestellt werden. Auch das Nationale Olympische Komitee von Österreich (ÖOC) hat einen Untersuchungsausschuss eingesetzt.

Mayer will Rogge verklagen

ÖOC-Generalsekretär Jungwirth sieht immer noch die Gefahr einer Suspendierung Österreichs von den Spielen, wofür es aber keine Anzeichen beim IOC gibt. "Alles ist möglich, auch der Olympia-Ausschluss Österreichs. Es hat im Exekutiv-Komitee des IOC bereits eine Abstimmung gegeben, ob wir rausgeworfen werden sollen. Aber es gibt Gott sei Dank noch Leute, die nicht sofort 'Hurra!' schreien, wenn Österreich auf einmal fehlt", sagte er dem österreichischen Blatt "Kurier".

Der ins Zwielicht geratene ehemalige Biathlon-Trainer Walter Mayer will dagegen IOC-Präsident Jacques Rogge verklagen, weil dieser behauptet hatte, Mayer würde Doping organisieren. Mayers Anwalt Herwig Hasslacher will eine Rücknahme dieser Behauptung erzwingen. Sein Mandant befindet sich nach seiner Amokfahrt in Kärnten in psychiatrischer Behandlung im Krankenhaus von Klagenfurt.

sge/sid

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.