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24. Februar 2006, 18:53 Uhr

Doping-Skandal

"Wir sind im ersten Punkt saubergewaschen"

Das große Aufatmen in der österreichischen Olympiamannschaft ist vernehmlich. Alle Dopingproben der zehn getesteten Sportler sind laut IOC negativ. Schon meldet sich der Sportdirektor des Österreichischen Skiverbandes mit einer erstaunlichen Forderung.

Turin - Markus Gandler, Sportdirektor des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV), will, dass die olympischen Staffelwettbewerbe der Männer im Skilanglauf und im Biathlon abermals ausgetragen werden. "Ich fordere Rehabilitierung. Man hat uns zwei faire Chancen genommen", sagte Gandler. Seine Athleten seien nach den Razzien am vergangenen Samstag zu stark gehandicapt gewesen, um am Sonntag in Bestform an den Start zu gehen.

Dass sämtliche Tests der sechs Biathleten und vier Langläufer seien negativ ausgefallen waren, bestätigte Giselle Davies, Sprecherin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) heute Abend auf einer Pressekonferenz.

IOC-Sprecherin Davies: Keine verbotenen Stoffe
DPA

IOC-Sprecherin Davies: Keine verbotenen Stoffe

Nach einer Doping-Razzia der italienischen Polizei am vergangenen Samstag in den Quartieren der österreichischen Biathleten und Skilangläufer in San Sicario und Pragelato hatten die Olympiastarter Urinproben abgeben müssen. Dabei wurden die Athleten auf das Blutdopingmittel Epo, Stimulanzien sowie das Muskelaufbaupräparat Anabolika getestet.

Der Österreichische Ski-Verband (ÖSV) hatte vor einigen Tagen zugegeben, dass die Biathleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann "möglicherweise verbotene Methoden angewendet" hätten.

"Ich bin froh, dass wir im ersten Punkt saubergewaschen sind. Und ich bin davon überzeugt, dass wir auch im zweiten Punkt reingewaschen werden. Ich freue mich, dass unser Mannschaft nicht gedopt war", sagte ÖOC-Präsident Wallner im österreichischen Fernsehen ORF. Er verwies darauf, dass Österreich eine eigene Untersuchungskommission eingesetzt habe. Diese werde Kontakt zum IOC-Disziplinargremium aufnehmen und dabei auch der Ergebnisse der italienischen Behörden berücksichtigen.

Alfred Eder, Cheftrainer der österreichischen Biathleten, sagte im ZDF, dass er erleichtert sei. "Jetzt müssen alle Fakten auf den Tisch, damit Ruhe einkehrt."

Trotzdem droht Strafe

Trotz der negativen Resultate müssen die Athleten aber befürchten, vom IOC bestraft zu werden. Denn laut IOC-Anti-Doping-Reglement ist auch der Versuch des Einsatzes von unerlaubten Substanzen und Methoden untersagt. Gleiches gelte für dessen Besitz. Die Disziplinarkommission des IOC wird sich mit dem Fall befassen.

Auch die italienischen Behörden glauben, dass bei den österreichischen Sportlern nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. "Teile der Zeugenaussagen, die uns vorliegen, haben bestätigt, dass das IOC Sanktionen gegen die Athleten ergreifen kann. Aber solange die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, können wir diese Beweise nicht dem IOC übergeben", sagte Staatsanwalt Ciro Santoriello.

Laut Santoriello sei das Verhalten der österreichischen Athleten während der Razzia sehr verdächtig gewesen, nachdem die rund 100 Carabinieri am vergangenen Samstag die Durchsuchungen in den Quartieren in San Sicario und Pragelato begonnen hatten. "Als die Polizei eintraf, haben die Athleten schon geschlafen. Stellen sie sich vor: Die Polizei kam rein, machte das Licht an, die Athleten haben ins Licht geblinzelt. Und als erstes haben sie zu Flaschen gegriffen und angefangen, Wasser zu trinken. Die Flaschen waren am Ende des Betts deponiert. Sie haben nonstop getrunken, einen Liter, anderthalb Liter. Glauben sie mir, sie haben nicht getrunken wie sie und ich. Es schien für sie dringend, ja lebenswichtig zu sein", so Santoriello.

sge/reuters/sid

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