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27. April 2018, 12:12 Uhr

Eishockeymeister EHC

Ein Sport, der München kaltlässt

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Der EHC München ist dank der Red-Bull-Millionen die dominierende Kraft im deutschen Eishockey. Begeisterung oder gar einen Boom kann der Verein aber nicht auslösen. Dafür wirkt er zu künstlich.

Es ist immer besser, wenn eine Finalserie um die Deutsche Eishockey-Meisterschaft an einem Freitag endet, dann ist ein ganzes Wochenende da, um sie zu feiern. Ein Sonntagnachmittagsspiel als letzter Akt geht auch, es bleibt noch der Abend. So war es in den Neunzigerjahren, als Endspiele noch zwischen Düsseldorf und Köln stattfanden und es vom Eisstadion gleich weiterging in die längsten Theken der Altstadt, wo die Schmähgesänge auf gegnerische Spieler noch Esprit hatten. "Brandl, wir wissen, dass du Strapse trägst", sangen die Düsseldorfer damals in Richtung des begabtesten Kölners, Thomas Brandl. Strapse trug er tatsächlich, das tut jeder Eishockeyspieler, weil sonst die Stutzen nicht halten. Später wechselte Brandl dann nach Düsseldorf.

Die aktuelle Eishockey-Meisterstadt brummt nicht so wie einst Köln, Düsseldorf oder Mannheim. In München findet Eishockey auch ziemlich weit entfernt vom Stadtkern statt, im Olympiapark, in der Eishalle, die noch ein paar Jahre älter ist als das restliche Ensemble. Verließ man am Donnerstagabend die Halle am Oberwiesenfeld, das früher der Standort des Münchner Flughafens war, dann merkte man schon hundert Meter weiter nichts mehr davon, dass sich gerade einer der aufregendsten Abende der jüngeren deutschen Eishockey-Geschichte zugetragen hatte.

Über sieben Spiele, die Maximaldistanz, hatte sich die Serie zwischen dem EHC München und den Eisbären Berlin hingezogen, in keiner Partie hielt man sich lange mit Defensivtaktiken auf, das 6:3 für die Münchner, das den 4:3-Finalsieg besiegelte, war ein typisches Ergebnis. "Wir hatten zwei große Highlights", sagte Franz Reindl, der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), "die Silbermedaille bei Olympia und diese Finalserie".

Im Fernsehen war nichts zu sehen

Nur: Sie endete eben an einem Donnerstag. Um 22 Uhr war das Spiel aus, um 22.20 Uhr der 13 Liter fassende Pokal ausgehändigt, um 23 Uhr stand die Blaskapelle auf dem Eis, und die Fans, die noch da waren, ließ man schließlich auch auf die Spielfläche - in einem kleinen Stadion, das nur 6142 Zuschauer fasst, war das kein Sicherheitsproblem. Hätte Berlin in seiner schmucken Arena (Kapazität 14.200) gewonnen, wäre ein Platzsturm nicht genehmigt worden.

"Ist ein siebtes Spiel wirklich am Donnerstag?", hatte der ein Eishockeyleben an den Freitags-Sonntags-Rhythmus gewohnte Alt-Meistertrainer Hans Zach, nun Ruheständler, am Montag noch nachgefragt. Er kam dann auch am ungewohnten Tag, der zum Eishockey so wenig passt wie der Montag zum Fußball, ins Stadion. Sonst hätte er das Spiel gar nicht gesehen. Mit Internet hat er es nicht so, und nur dort lief eine Übertragung, auf dem kostenpflichtigen Portal des Anbieters Telekomsport. Nicht einmal Pay-TV, sondern Pay-Computer. Der Free-TV-Sender Sport1, der sich "Home of Hockey" nennt, hatte nach dem vierten Finalspiel keine Übertragungsrechte mehr.

Demnach ging Eishockey, als durch Olympia großes Interesse herrschte und das Finale wirklich wieder ein Hingucker gewesen wäre, an der breiten Öffentlichkeit vorbei. Es war wieder wie in den bleiernen Jahren bei DF1, Premiere und Sky, als die Sportart hinter der Bezahlschranke versteckt agierte.

Also wird es an der Nationalmannschaft liegen, bei der Weltmeisterschaft ab dem 4. Mai in Dänemark die Eishockey-Begeisterung in den Sommer zu transportieren. Das Team von Marco Sturm ist das wichtigste, es stiftet Identifikation. Zehn Spieler des EHC München sind Kandidaten für die Nationalmannschaft, sieben von ihnen sind Silberhelden. Ihr Verein ist aber selbst durch angesehene Spieler wie Yannic Seidenberg, Danny Aus den Birken, Dominik Kahun oder Patrick Hager nicht beliebter geworden. Ein Indikator: Die Deutsche Eishockey-Liga lässt Fans über ihre App für jedes Spiel voten, wem sie zujubeln möchten. München gewinnt höchstens mal gegen Wolfsburg oder Ingolstadt, im letzten Finalspiel unterlag es Berlin mit 1149 zu 3507 Stimmen.

Wer bezahlt, ist willkommen

Der EHC München ist ein Red-Bull-Verein. Im Eishockey sind Konstrukte mit 100-Prozent-Eignern gang und gäbe, eine Regelung wie 50+1 kennt man nicht. Wer die Chose bezahlt, ist willkommen. Auch die Eisbären Berlin sind trotz ihrer Dynamo-gebrandeten Fans und deren Markierung des Gründungsjahrs 1954 Bestandteil eines US-Konzerns, der Anschutz Entertainment Group. Die hatte auch noch in Hamburg mit den Freezers eine Dependance betrieben, die sie vor zwei Jahren aber unvermittelt schloss.

Obwohl Red Bull von einer solchen Sünde noch frei ist und in seinem Sportsponsoring bisher nachhaltig operierte, wird den Österreichern mit Skepsis begegnet. Im Eishockey hat München nach seinen Pleiten (FC Bayern, EHC 70, EC Hedos, Maddogs, Barons) und trotz der Deutschen Meisterschaften 2016, 17 und 18 den Ruf, eine Nicht-Eishockey-Stadt zu sein.

Obwohl sich Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz für sein Eishockey-Projekt in München nur am Rande interessiert, fühlt sich der Anhang mit ihm auf der sicheren Seite. Man glaubt, dass er eine neue Halle hinstellen wird, auch wenn noch immer keine Baugrube ausgehoben ist. Die kommenden drei Jahre wird der EHC in seiner alten Heimat spielen müssen.

Wahrscheinlich ist der EHC Red Bull München sogar die Zukunft des deutschen Eishockeys. Nicht nur von den bayerischen Traditionsclubs wie dem EC Bad Tölz oder EV Landshut, sondern bundesweit wirbt der Getränkekonzern die Talente für die Weiterbildung an seiner Akademie in Liefering bei Salzburg ab, die Nachwuchs-Nationalmannschaften des Deutschen Eishockey-Bundes werden zunehmend von Red-Bull-Spielern getragen. Experten glauben sogar, dass das Leistungslabor an der österreichisch-deutschen Grenze ein wesentlicher Lieferant für die nordamerikanische Profiliga NHL werden könnte.

Der Chefausbilder in der Eishockey-Sparte von Red Bull ist Helmut de Raaf. Er war mal Nationaltorwart, er spielte für Köln, Düsseldorf und Mannheim, Eishockeystädte. München muss das erst noch werden.

Günter Klein ist Chefreporter Sport des "Münchner Merkur". Der gebürtige Augsburger gilt als einer der besten Eishockey-Experten in Deutschland. Seit mehr als 30 Jahren verfolgt er die Entwicklung der Sportart, war bei zahlreichen WM-Turnieren und Olympischen Spielen dabei.

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