Eishockey-Legende Michailow "Dann bleibt uns wieder nur Bitternis"

Boris Michailow hat zweimal als Stürmer mit der sowjetischen Eishockey-Mannschaft Olympia-Gold gewonnen, er war 15-mal Welt- und Europameister. Im Interview spricht der 69-Jährige über die großen Hoffnungen, die Russland bei Olympia in die Sbornaja setzt, und über Stärken und Schwächen des Teams.

Olympiasieger Michailow: "Alles vermischt sich"
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Olympiasieger Michailow: "Alles vermischt sich"

Ein Interview von , Moskau


SPIEGEL ONLINE: Russland hat im Turnier bislang nicht so recht überzeugen können. Das Team steht zwar heute im Viertelfinale gegen Finnland, musste aber in ein Entscheidungsspiel gegen die Norweger (4:0 am Dienstag). Der Euphorie der Fans scheint das aber nicht zu schaden. Warum lieben die Russen Eishockey so sehr?

Michailow: Eishockey ist eigentlich Sport Nummer 2 hinter Fußball. Aber im Fußball haben wir nie etwas gewinnen können. Im Eishockey sind wir Sieger, wir haben Titel gewonnen, deshalb liebt das Volk Eishockey.

SPIEGEL ONLINE: Hoffen Sie auf einen Finalsieg in Sotschi?

Michailow: Wir hoffen nicht. Wir glauben fest daran. Wir müssen einfach gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie standen 1972 in der legendären Mannschaft der Sowjetunion. Sie haben damals den hohen Favoriten Kanada überraschend geschlagen, mit 7:3. Wäre ein Triumph in Sotschi mit dem Sieg damals zu vergleichen?

Michailow: Ja und nein. Ja, weil die Euphorie ähnlich groß wäre. Nein, weil sich seitdem alles verändert hat. Wir haben in einem geschlossenen Land gespielt. Wir kannten die Namen der Kanadier aus der Zeitung. Für uns war das ein positiver Schock: 18.000 fanatische Zuschauer, während wir zu Hause meist vor maximal 5000 Zuschauern gespielt haben. Jetzt ist alles offen. Unsere besten Spieler sind in der NHL. In unserer Eishockey-Liga KHL spielen auch Schweden, Finnen, Deutsche. Alles vermischt sich.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, die Sowjetischen Mannschaften haben sich deshalb blind verstanden, weil alle Spieler in einer Liga zusammengespielt haben, oft sogar in einem Verein?

Michailow: Ja. Die sowjetische Schule war stärker technisch orientiert, am Spiel im Kollektiv. Heute spielen die Kanadier auch flexibler. Wenn man so will, war 1972 der Weckruf für Nordamerika, erst damals haben sie registriert, dass auch in Europa gutes Eishockey gespielt wird. Sie haben dann viel vom russischen und europäischen Eishockey übernommen.

SPIEGEL ONLINE: Das Problem sind die Legionäre, die Profis, die im Ausland spielen?

Michailow: Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Austausch ist gut und wichtig. Aber man darf keinem Kult der Legionäre erliegen. Wenn in einem russischen Team heute 70 Prozent Russen spielen, aber der Trainer kein Russisch spricht, dann frage ich mich: Wer soll da die Sprache lernen? Kein Dolmetscher der Welt kann die Worte übersetzen, die ein Trainer seinen Männern in der schwärzesten Stunde sagen muss.

SPIEGEL ONLINE: Dann hatte die Abschottung also sportlich eine gute Seite. Gibt es einen Weg zurück?

Michailow: Nein. So ist die Welt nun einmal. Die Internationalisierung des Eishockeys ist unumkehrbar. Wahrscheinlich ist das auch gut so. Spieler haben ja nur eine sehr kurze aktive Sportlerkarriere, ihre Lage hat sich jetzt deutlich verbessert, sie werden ordentlich bezahlt. Wir haben damals 300, 400 Rubel bekommen, davon konnte man sich ein Auto leisten, eine Wohnung haben wir umsonst bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist Favorit in Sotschi?

Michailow (im November 2013): "Wieder nur Bitterness"
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Michailow (im November 2013): "Wieder nur Bitterness"

Michailow: Kanada, die USA, wir natürlich, aber auch die Finnen, Tschechen. Fast jede Mannschaft, die in Sotschi angetreten ist, hat prinzipiell Ambitionen, ins Finale zu kommen. Das wird wahnsinnig eng.

SPIEGEL ONLINE: Die russische Mannschaft hat nie zusammen trainieren können, das halbe Team ist kurz vor der ersten Partie erst im Flieger aus Nordamerika gekommen, weil die NHL noch gespielt hat.

Michailow: Alle Top-Teams haben das Problem. Es kommt auf den Trainer an. Er muss möglichst schnell eine Einheit formen. Die Mannschaft mit dem größten Teamgeist gewinnt.

SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet einer der Superstars des Teams ist außer Form. Ilja Kowaltschuk hat im vergangenen Jahr der NHL demonstrativ den Rücken gekehrt. Er spielt jetzt bei SKA Sankt Petersburg, aber er trifft nicht mehr. Was ist los mit der Nummer 71?

Michailow: Es gibt berechtigte Kritik und ungerechte. Jeder will, dass der Star jedes Mal zehn Dinge macht. Aber das passiert eben nicht. Ilja arbeitet gut ihm Team, das ist entscheidend.

SPIEGEL ONLINE: Was, wenn es wieder nicht für Gold für Russland reicht, wenn die Mannschaft vielleicht sogar im Viertelfinale gegen Finnland heute ausscheidet?

Michailow: Das Eishockey-Endspiel ist Höhe- und Schlusspunkt der Olympischen Winterspiele. Wenn wir das Finale nicht gewinnen, bleibt uns wieder nur Bitternis.

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Fangio 19.02.2014
1. Sieht nicht gut aus
zu Beginn des letzten Drittels führt Finnland 3:1.
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