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Frauen-Eishockey in Mexiko: Camin a Olympia

Foto: Bénédicte Desrus

Mexikos Eishockey-Spielerinnen Jetzt pass mal auf, Macho

Eishockey in Mexiko? Gibt es. Vor allem die Frauen machen auf sich aufmerksam. Das Nationalteam hat allerdings nicht nur auf dem Eis harte Kämpfe auszufechten.
Von Bérengère Sim und Bénédicte Desrus

Auf einer Eisbahn in Toluca, einer Industriestadt in Zentralmexiko, werden die Trompeten und Violinen mit Mariachimusik durch das laute Kratzen des Klettverschlusses unterbrochen, mit dem die Schulterpolster an den Oberkörpern befestigt werden.

Hier trainiert die mexikanische Frauen-Eishockey-Nationalmannschaft, 19 Frauen und Mädchen. Eishockey? In Mexiko?

Die Spielerinnen sind selbst die Ersten, die es zugeben: Mexiko und das Eishockey der Frauen sind eine merkwürdige Kombination. "Wenn wir im Ausland sind und den Leuten sagen, dass wir Eishockey spielen, fragen sie: 'Gibt es in Mexiko überhaupt Eisbahnen?'", sagt Frida Cárdenas Castro, eine 21 Jahre alte Stürmerin, die seit Beginn Teil des Teams ist.

Das Ziel des Teams: die Olympischen Winterspiele

2012 wurde die "Selección Femenil de México de Hockey" gegründet. Seitdem überrascht sie Beobachter im In- und Ausland immer wieder aufs Neue und hat mittlerweile eine Reihe von Premieren für das mexikanische Eishockey gefeiert.

2016 schafften sie als erstes mexikanisches Eishockey-Team den Sprung in die zweite Runde der Qualifikation für die Olympischen Winterspiele. Das haben die Männer nie geschafft. Im folgenden Jahr stieg das Team aus der Gruppe B der Division II in die Gruppe A der Division II auf. Dort wurden sie in diesem Jahr Tabellenvierte.

"Es war definitiv historisch für ein Land, in dem Eishockey keine wichtige Sportart ist", sagt Diego de la Garma, 37 Jahre alt, Cheftrainer des Teams. Der vierte Platz in der Gruppe A der Division II ist die beste Positionierung, die eine mexikanische Eishockeymannschaft jemals erreicht hat. Und die Mannschaft will mehr: Ziel ist es, die erste lateinamerikanische Mannschaft zu sein, die bei Olympischen Winterspielen im Eishockey antritt - wenn es geht, schon in Peking 2022.

Aber das ist keine leichte Aufgabe.

In Toluca gähnt Frida, als sie mit ihren Teamkollegen, die in den Landesfarben grün, weiß und rot gekleidet sind, aus der Umkleidekabine kommt. Sie hat gerade eine Woche lang Prüfungen abgelegt. An der Mexico Anáhuac University, wo sie ein Hochleistungssportler-Stipendium hat, studiert sie Marketing.

Nur acht Eisbahnen in der Hauptstadt

Wie viele ihrer Teamkollegen versucht sie ihr Leben, das aus Studium, Athletendasein und Familie, Freunden und festem Freund besteht, zu koordinieren. "Für mich ist es sehr schwierig, zur Universität zu gehen, da es in Mexiko im Vergleich zu anderen Ländern wenige Eisbahnen gibt und wir uns fragen, wo wir trainieren sollen", sagt sie.

Eisbahnen sind in Mexiko selten, weit voneinander entfernt und teuer. Es gibt acht in der Hauptstadt Mexiko-Stadt, von denen nur vier den Regeln der International Ice Hockey Federation (IIHF) entsprechen. Zum Vergleich: Im kanadischen Ontario gibt es Hunderte.

Eine weitere Hürde ist die finanzielle Unterstützung. Nach einem Regierungswechsel in Mexiko 2018 und einer Umstrukturierung des Budgets der Nationalen Kommission für Körperkultur und Sport muss sich das Team nun selbst finanzieren. Einen Großteil der Belastung tragen nun die Eltern der Spielerinnen.

Um an der WM in Schottland im April dieses Jahres teilnehmen zu können, mussten die Eltern 20.000 Pesos (etwa 930 Euro) zahlen. Ein hoher Preis, wenn man bedenkt, dass das durchschnittliche Jahreseinkommen in Mexiko bei etwa 130.000 Pesos (ungefähr 6000 Euro) liegt.

Eine 14-Jährige sorgt für Gründung der Frauenliga

"Wir träumen davon, Frida eines Tages im Ausland spielen zu sehen", sagt Iván Cárdenas Martínez, Fridas Vater, der eine Metzgerei betreibt. Er lebt mit seiner Frau Nancy Castro Guevara in einem Haus im Arbeiterviertel von La Doctores. "Wir haben einfach nicht die Mittel, um diesen Schritt jetzt zu finanzieren."

"Ehrlich gesagt denke ich, dass unsere Eltern das Rückgrat des Teams waren", sagt Macarena Cruz Ceballos. Die 23 Jahre alte Verteidigerin und stellvertretende Kapitänin ist eine der treibenden Kräfte bei der Schaffung einer Eishockey-Liga für Frauen und Mädchen in Mexiko gewesen.

Im Alter von 14 Jahren wurde ihr mitgeteilt, dass sie nicht mehr mit den Jungen mithalten könne. Nachdem sie einige Jahre andere Sportarten ausprobiert hatte, vermisste sie das Eishockey und entschied sich, Joaquín de la Garma, den Präsidenten der Mexico Ice Hockey Federation, für ihre Pläne zu gewinnen.

"30 Mädchen sagten, sie wollten zur ersten organisierten Draft kommen, und 60 sind erschienen. Es gab so viele Mädchen, die spielen wollten ", sagt sie. Sie konnte Joaquin de la Garmas überzeugen - und als die Mannschaft von der Division II B in die Division II A aufstieg, weinte dieser vor Freude.

Kampf gegen Vorurteile

"Die Leute fragten mich: warum weinst du, Juaco? ", sagt der Präsident, umgeben von Pucks und unterschriebenen Hockeytrikots in seinem Büro in Mexiko-Stadt. "Ich sagte ihnen: 'Ihr könnt nicht verstehen, wie viel ich dafür gekämpft habe.' Und endlich sind wir erfolgreich."

Obwohl viele Mexikaner von den Leistungen der Spielerinnen beeindruckt sind: Die Reaktionen sind gemischt. "Manchmal sagen die Leute: 'Eishockey ist nichts für Mädchen, es ist zu hart für sie", sagt die 25-jährige Thelma Escobedo Tapia, eine Verteidigerin.

Das überrascht Marion Reimers nicht. Die mexikanische Sportjournalistin und Kommentatorin für Fox Sports Latin America hatte den grassierenden Sexismus in der Sportwelt satt und beschloss, eine Nichtregierungsorganisation, genannt "Versus", zu gründen. Mit dieser möchte sie die Vorstellung bekämpfen, dass Sport nur etwas für Männer sei.

"In Mexiko ist das Machotum und die Diskriminierung von Frauen sehr verbreitet, offensichtlich ist Sport ein Mikrokosmos der Gesellschaft", sagt Reimers. Die mexikanische Bevölkerung sei im Allgemeinen recht konservativ und in einigen Kreisen halten es die Menschen immer noch für "nicht weiblich, Sport zu treiben oder zu schwitzen", sagt sie.

Doch trotz aller Hindernisse gibt es Hoffnung.

Die Kanadierin Hayley Wickenheiser, die zu ihrer aktiven Zeit als eine der besten Spielerinnen der Welt galt, hat das Team wachsen sehen. "Ich finde sie sehr mutig, etwas dort zu tun, wo es nicht sehr beliebt ist und die Leute es sogar kritisieren", sagt Wickenheiser.

"Anführer der nächsten Generation"

An ihrem alle zwei Jahre stattfindendes Turnier, dem "Wickenheiser World Female Hockey Festival", nehmen die mexikanischen Eishockeyspielerinnen seit 2011 teil. WickFest, wie es in der Eishockey-Community genannt wird, ist für das Team von unschätzbarem Wert, sagt Cheftrainer Diego de la Garma.

Die Organisatoren von WickFest unterstützen das Team, indem sie für Unterkunft und Transport bezahlen, Treffen mit Verantwortlichen aus der Eishockeywelt organisieren - oder Einkaufstouren, auf denen sie ihr Equipment aufbessern können.

"Ich habe sie (Wickenheiser, d. Red.) damals gefragt: 'Wie realistisch ist es für uns, zu den Olympischen Spielen zu gehen?'", sagt Diego de la Garma. "Sie sagte, wir hätten wirklich gute Spieler und es wäre eine Herausforderung, zu den Spielen zu gehen, aber wir hätten das Potenzial, weit zu kommen."

Wickenheiser glaubt das immer noch. Sie lobt den Fortschritt des Teams. "Sie sind die Anführerinnen der nächsten Generation junger Mädchen, die in Mexiko Hockey spielen möchte, und es wird einige geben, vielleicht mehr als zu Beginn ihres Spiels."

Zu den Autoren: Bérengère Sim ist Reporterin für Finanznachrichten in London. Bénédicte Desrus ist eine französische preisgekrönte Dokumentarfotografin, die in Mexiko lebt.