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21. Februar 2018, 18:44 Uhr

DEB-Team im Halbfinale

Könige der Verlängerung

Aus Pyeongchang berichten , Thilo Neumann und

Deutschland sammelt Medaille um Medaille. Die deutschen Eishockey-Herren haben jedoch das Potenzial, die Gesichter dieser Spiele zu werden. Der packende Sieg gegen Schweden soll noch nicht das Ende sein.

Es waren bange Sekunden, die das deutsche Eishockey-Team zu überstehen hatte. Patrick Reimer war in der Verlängerung das vermeintliche Siegtor zum 4:3 (2:0, 0:0, 1:3) gegen Schweden gelungen, doch die Schiedsrichter wollten sich den Treffer noch mal im Video anschauen. "Ich wusste genau, dass der drin war", sagte Reimer, der nach zwei Spielen Pause wegen einer Verletzung gerade erst in den Kader zurückgekehrt war. "Es gab keinen Grund, das Tor nicht zu geben."

Ein Rest Unsicherheit blieb aber trotzdem im deutschen Team: Die Spieler standen allesamt vor oder hinter der Bande, schauten sich immer wieder gegenseitig an, um dann zu den Unparteiischen zu blicken. "Das war pure Anspannung", sagte Yannic Seidenberg. "Wir haben kurz gesprochen, dass wir cool bleiben, falls es nicht zählt."

Doch dann kam die erlösende Durchsage, Reimers Tor war regulär und gestandene DEL-Profis, zum Teil jahrelang in der NHL aktiv, sprangen wie Kinder in die Luft und trafen sich beim erneut starken Torhüter Danny aus den Birken zur Jubeltraube. "Wir haben keinen Hero im Team", sagte der Keeper vom EHC München: "Wir sind alle Heroes."

Deutschland steht im Halbfinale des olympischen Eishockey-Turniers. "Halbfinale", sagte dann auch Bundestrainer Marco Sturm. "Allein das Wort schon. Das ist unglaublich." Für Schweden, aktueller Weltmeister und nicht nur wegen der starken Vorrunde deutlich favorisiert, ist Olympia dagegen vorbei. In der Gruppenphase hatten die Skandinavier noch 1:0 gegen Deutschland gewonnen.

Aber jetzt ist es das DEB-Team, das am Freitag (13.10 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf Titelverteidiger Kanada trifft - nach dessen 1:0-Erfolg im Viertelfinale gegen Finnland. Und Deutschland fühlt sich bereit für die Kanadier: "Wir glauben an mehr", sagte Reimer. "Deswegen wollen wir jetzt nicht aufhören und uns zu sehr freuen. Wir haben Großes erreicht, aber es ist noch viel mehr drin."

Plötzlich fallen die Tore

Gegen Schweden brauchte die deutsche Mannschaft zu Beginn etwas Glück. Die Tre Kronors begannen, als wollten sie den Außenseiter erdrücken. Nach fünf Minuten lag das Torschussverhältnis bei 9:0 für Schweden, aus den Birken war aber wachsam und parierte alle Schüsse. Mit der ersten Strafzeit für den Weltmeister kippte das Drittel, Sturm hatte sein Team besser auf die Überzahlsituationen eingestellt.

So fiel schon bei der zweiten Strafe für Schweden der Führungstreffer durch einen verdeckten Schuss von Christian Ehrhoff (13:48 Minuten). Und nur 29 Sekunden später staubte Marcel Noebels zum völlig überraschenden 2:0 ab (14:14) - eine weitere Steigerung zum bisherigen Turnierverlauf: Deutschland nutzte seine Torchancen. Und setzte den Favoriten damit unter Druck.

"Wir wussten, dass sich Schweden nach dem 2:0 noch mehr öffnen muss", sagte Torschütze Noebels. "Wir waren immer positiv, egal was passiert ist. Nach Strafzeiten, nach Gegentoren, und das war der Schlüssel heute." Das Team warf sich tatsächlich wie schon in den Spielen zuvor in jeden Schussversuch und entlastete damit Torwart aus den Birken enorm - auch unter Schmerzen: "Viele Jungs haben heute einen hohen Preis bezahlt", sagte Reimer. "Es kam immer mal wieder einer humpelnd vom Eis oder hat sich die Hand gehalten, aber das zeichnet unsere Truppe aus."

"Uns kann nichts mehr schocken"

Was folgte, war ein torloses Mitteldrittel und viel Dramatik im dritten Abschnitt. Deutschland konnte sich nicht mehr so gut befreien, Anton Lander gelang der Anschlusstreffer (46:25). Und auch nach dem dritten Tor, einem sehenswerten Flachschuss von Dominik Kahun, war Schweden schnell zurück im Spiel: Nach den Toren von Patrik Hersley (49:35) und Mikael Wikstrand (51:37) schien das Momentum sogar gänzlich auf die Seite des Favoriten zu wechseln.

"Als der Ausgleich kam und ich gesehen habe, dass es noch neuneinhalb Minuten waren, ging es mir nicht so gut", sagte Kahun. "Aber wir haben es dann super runtergespielt." Deutschland rettete sich in die Verlängerung - wo Reimer der historische Siegtreffer aus kurzer Distanz gelang.

Mit Kanada wartet nun also der nächste klare Favorit. Aber der Sieg gegen die Schweden bringt dem deutschen Team viel Selbstvertrauen, wie auch Bundestrainer Sturm sagte: "Uns kann nichts mehr schocken."

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