25 Jahre DEL "Da kamen Leute, die kein Eishockey spielen konnten, aber gut waren im Boxen"

Vertragsgespräche im Bordell, schwarze Kassen, gefälschte Pässe: Früher lockte das deutsche Eishockey zwielichtige Typen an. Dann startete die DEL. Wie sieht es heute aus?
Die Deutsche Eishockey-Liga startet in die neue Saison

Die Deutsche Eishockey-Liga startet in die neue Saison

Foto: Uwe Anspach/ dpa

Dieser Tage haben sie alle noch mal zurückgeschaut. Die Trainer und die Spieler, die Manager und die Funktionäre aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Die meisten haben das mit einem wissenden Lächeln getan, so wie man nach Jahren mit alten Freunden auf die kleinen Sünden der Jugend blickt. Was waren wir damals naiv.

Der Grund ist ein Jubiläum: Am Abend startet die DEL in ihre 25. Saison. Das hatten der einstigen Chaosliga nicht viele zugetraut. Gernot Tripcke - damals Leiter der Liga, heute DEL-Geschäftsführer - habe in den wilden Anfangszeiten nicht mal so weit denken wollen: "Das war ein täglicher Zwei- oder Drei-Fronten-Krieg." Mit dem nationalen und dem Weltverband, mit Medien und Fans sowie mit all den zwielichtigen Gestalten in den Klubs.

Das deutsche Eishockey kennt mehr Leute mit Knastvergangenheit als jedes Gangsterrap-Video. "Tummelplatz für Typen", nannte es der Journalist Günter Klein bereits 1999 in seinem Buch "Die Droge Eishockey". Typen wie Heinz Weifenbach. Der Bauunternehmer aus Iserlohn soll Gehälter gern in bar aus der Innentasche seiner Lederjacke bezahlt haben, Vertragsverhandlungen führte "Big Heinz" im Bordell. Ende 1987 sorgte er mit der Trikotwerbung für das "Grüne Buch" des damaligen libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi für einen Skandal. Nach einem Spiel verschwanden die Trikots wieder, ebenso sein Verein in der Insolvenz.

Pässe gab es in der Bar "Schlüsselloch"

Jahre zuvor - die Ausländerregel war noch streng - spielten Dutzende Kanadier dank gefälschter Dokumente als Deutsche. Die Pässe gab es unter der Hand in der Essener Bar "Schlüsselloch", 8000 Mark pro Stück. Natürlich flog das auf, die erste Play-off-Runde wurde annulliert.

Hinzu kamen Pleiten und Zwangsabstiege. "Eine Minute nach zwölf" sei es Anfang der Neunzigerjahre gewesen, hat Franz Reindl, heute Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), mal gesagt. Es brauchte etwas Neues, eine Liga mit Profis auf und neben dem Eis. Dafür orientierte sich der DEB an der nordamerikanischen NHL, mit zentraler Vermarktung, von Vereinen ausgelagerten Gesellschaften und regelmäßigen Finanzkontrollen durch die Liga.

Doch gleich die erste Saison 1994/95 verlief chaotisch. Erst klagten sich mehrere Zweitligisten in die neue Liga, die völlig aufgebläht war, dann ging Meister Hedos München wegen 15 Millionen Mark Schulden in die Knie. Später revoltierten die Klubs unter der Führung des Kölner Rechtsanwalts Bernd Schäfer III. gegen die zentrale Vermarktung und spalteten sich vom DEB ab. Es war der Startschuss für den jahrelangen Streit zwischen Liga und Verband. Schäfer III. verweigerte gar die Abstellung von Nationalspielern, Länderspiele fielen aus.

Kein Jahr ohne Insolvenzen

Hinzu kam ein TV-Vertrag, der die Liga lange im Pay-TV versteckte. Sponsoren und Fans zeigten der DEL mit ihren englischen Tiernamen die kalte Schulter. Der Schuldenberg der Klubs wuchs auf 80 Millionen Mark. Also wurde getrickst und gelogen. Kein Jahr ohne Steuerskandale und Insolvenzen. In Oberhausen gingen so viele Spieler von Bord, dass der Klub mal ohne Torwart nach Hannover fuhr. Notgedrungen lieh er sich den Goalie des Zweitligisten EV Duisburg, der erst kurz vor dem Spiel in der Halle war.

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Weiteres Ungemach kam durch das Bosmann-Urteil. Nachdem sich der belgische Fußballer Jean-Marc Bosman die berufliche Freizügigkeit in der EU erstritt, investierten die Klubs in vermeintliche Stars aus dem Ausland. Frankfurt hatte 1997/98 nur drei gebürtige Deutsche im Kader. Drei von 27. "Da kamen Leute, die kein Eishockey spielen konnten, aber gut waren im Boxen", sagt Pavel Gross, damals als Spieler drei Mal Meister in Mannheim, wo er heute als Trainer arbeitet.

Selbst ein Spitzenteam wie die Adler stand vor dem Aus - und wurde nur dank des Einstiegs durch Mäzen Daniel Hopp gerettet. Ähnlich erging es dem ehemaligen Branchenprimus aus Düsseldorf, der musste für zwei Saisons in die zweite Liga. Später kam heraus, dass die DEG Eintrittskarten falsch abgerechnet hatte, um schwarze Kassen zu füllen. Damit gab sie den Spielern zwei Verträge: einen offiziellen für das Finanzamt, einen internen. Die Verantwortlichen mussten Millionen nachzahlen und landeten teilweise in Untersuchungshaft.

Die Wende kam mit dem Rauswurf der Huskies

Selbst 2008 sprach der Rechtsanwalt Norbert Hiedl gegenüber der "Sportbild" noch von "getarnten Überweisungen an Spieleragenten" und "Ablösesummen an fiktive Firmen". Die DEL sei ein "Kartell der Unehrenmänner". Die Vereinsbosse statteten zahlreiche Spieler stets nur mit Verträgen für neun Monate aus.

Es dauerte bis 2010, ehe sich grundsätzlich etwas wandelte. Im Sommer schmiss das Ligabüro die insolventen Kassel Huskies raus. Laut DEL-Boss Tripcke war das "der Wendepunkt". Seitdem gebe es einen "Ligagedanken", eine Idee davon, dass alle profitieren, wenn sich jeder an die Regeln hält. "Das war ein Prozess, das hat locker zehn Jahre gedauert."

Seitdem gibt sich die Liga seriös. Zwar gab es auch danach Pleiten, aber nicht mehr während einer Saison. Dank neuer deutscher Stars und moderner Hallen hat die DEL nun im Schnitt fast 2000 Zuschauer mehr als die Handball- oder die Basketball-Bundesliga - und überwiegend seriöse Mäzene und Gesellschafter.

Nach dem Machtwechsel im DEB zu Franz Reindl 2014 ist auch das Verhältnis zwischen Liga und Verband so gut wie lange nicht. Der Gewinn der olympischen Silbermedaille, ausschließlich mit DEL-Spielern, tat sein Übriges. Zudem gab es jüngst weitere positive Schlagzeilen: neue Sponsoren, neue Profischiedsrichter, die Wiedereinführung von Auf- und Abstieg zur Saison 2020/21. Es sieht so aus, als sei die DEL in ihrer 25. Saison dabei, eine seriöse Liga zu werden.

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