Traditionsklub auf dem Vormarsch Ein Eishockey-Märchen aus Düsseldorf

Die Transfers sitzen, ein Brüder-Paar sorgt für Identifikation: Die Düsseldorfer EG erlebt eine unerwartete Renaissance. Plötzlich ist die Stadt wieder an ihrem Eishockeyklub interessiert. Daran ändert auch das wahrscheinliche Aus im Playoff-Halbfinale nichts.

DPA

So ganz wusste Walter Köberle nicht, wie er sich fühlen sollte. Das vierte von maximal sieben Halbfinalspielen in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) war gerade mit der dritten Niederlage (2:5) seiner Düsseldorfer EG gegen den ERC Ingolstadt zu Ende gegangen. Aber die gute Laune wollte sich der Team-Manager nicht verderben lassen.

Seit 1971 ist er bei der DEG in diversen Funktionen tätig. Doch obwohl ihm klar war, dass die Saison an diesem Samstag bei einer weiteren Niederlage zu Ende wäre, huschte immer wieder ein Lächeln über das Gesicht des 66-Jährigen: "Wenn man sieht, dass wir nach zwei Jahren an letzter Stelle im Halbfinale stehen, ist das gigantisch. Wir waren heute ausverkauft. Die DEG hat wieder einen Stellenwert", sagte Köberle.

Fast 13.000 Zuschauer hatten ihre DEG nach vorne gebrüllt. Denselben Verein, der vor einem Jahr am Boden lag. Der kurz vor dem Aus stand. Meist kamen nicht viel mehr als 4000 Fans und verfolgten schweigend ein bemitleidenswertes Team. Nur weil es in der DEL keinen Abstieg gibt, durfte der Tabellenletzte weiter mitspielen.

Das passte nicht zum Selbstverständnis dieses ehemals so großen Klubs, der von 1967 bis 1996 acht Titel gewann. Bei dem sich Stunden vor jedem Spiel tausende in ihren rot-gelben Strickpullis auf den Stehplätzen der dauerausverkauften Brehmstraße warm sangen, während die High Society auf der Tribüne ihre Abendgarderobe präsentierte. "Wir waren die Nummer eins, weit vor der Fortuna", sagt Köberle über den damaligen Stellenwert von der DEG und dem Fußballklub. Einst kamen Fans mit den Totenscheinen ihrer Verwandten zur Geschäftsstelle, um deren Dauerkarten zu übernehmen.

Altes Stadion, hohe Schulden, ungeliebte MetroStars

Doch das in die Jahre gekommene Stadion und hohe Schulden sorgten Ende der Neunziger für den Abstieg. Erst durch den Handelsriesen Metro fand die DEG zurück in die Spur und stand 2006 und 2009 im Finale. Doch die Fans fremdelten mit der neuen Arena am Stadtrand sowie den erfolgreichen, aber seelenlosen "DEG MetroStars". "Wir waren von der Stadt abgekapselt", sagt Christof Kreutzer heute, drei Jahre nach dem Ausstieg der Metro.

Auch Kreutzer ist aus der guten, alten Zeit. In den Neunzigern holte der heute 47-Jährige als Verteidiger fünf Titel. Nun gilt der alte Jugend- und heutige Cheftrainer als Hauptgrund für die Renaissance. "Er ist Düsseldorfer durch und durch und zieht die Mannschaft und die Fans mit seinen Emotionen mit", sagt sein Bruder Daniel, Kapitän und mit 35 Jahren die zweite Identifikationsfigur.

Dank des um 20 Prozent höheren Etats durch die beiden Investoren Peter Hoberg und Mikhail Ponomarev, die angeblich je 1,5 Millionen Euro geben sollen, hat Trainer Kreutzer in seiner Premierensaison den Umschwung geschafft. "Mit München, Köln, Mannheim, Berlin oder Hamburg können wir finanziell aber nicht mithalten", sagt der Mann, der die Spiele gern mit hochrotem Kopf verfolgt und die DEG als "mein Leben" bezeichnet.

"Jeden für blöd erklärt, der das vorausgesagt hätte"

Als Kinder der jahrzehntelangen Stadiongastronomen sind die Kreutzer-Brüder an der Brehmstraße aufgewachsen . "Wir waren jeden Tag auf dem Eis", sagt Daniel, der gerade sein persönliches Eishockey-Märchen erlebt. Als das Geld nach dem Metro-Ausstieg knapp wurde, verzichtete er auf Gehalt und verlor zwei Jahre lang zahlreiche Partien an der Seite von meist zweitklassigen Spielern. Nun steht der DEL-Rekordtorschütze im Halbfinale vor ausverkauftem Haus und spielt in der kommenden Saison in der Champions League: "Wir hätten jeden für blöd erklärt, der das vorausgesagt hätte."

Geschafft haben das sein Bruder Christof und Co-Trainer Tobias Abstreiter mit Transfer-Glücksgriffen wie dem überragenden Torwart Tyler Beskorowany, erfahrenen Rückkehrern wie Rob Collins (36) oder Jakub Ficenec (38) sowie acht Jungstars, denen in den Vorjahren jeder Fehler verziehen werden musste.

"Für uns junge Spieler hatte die Zeit nur Vorteile", sagt Manuel Strodel, mittlerweile 23, der zu denen gehört, die zwei Jahre lang auf 400-Euro-Basis spielten. 52 Spieltage lang warfen sie sich für 50 Euro pro Abend in die Schüsse der überlegenen Gegner. Ob es mal Zweifel gab? "Niemals. Auch wenn ich jung bin, weiß ich, was das hier für ein Verein ist", sagt Strodel, dem es irgendwann aber genug war: "Man muss auch mal gewinnen, damit das Selbstvertrauen kommt. Es tut uns gut, die Euphorie zu erleben."

Diese ist in der Tat enorm. Jüngst gab es ein Public Viewing in der Stadt, auch in der Altstadt trifft man sich wieder, um die DEG zu sehen und über sie zu reden. "Es ist immer gut, wenn die Stadt durchdreht", sagt Verteidiger Kurt Davis.

So hofft DEL-Chef Gernot Tripcke, "dass die aktuelle Euphorie die wirtschaftliche Basis verbreitert." Ob diese nachhaltig ist, muss sich noch zeigen. Playoff-Erfolge locken automatisch mehr Fans. Einen festen Trikotsponsor für alle Spiele gibt es immer noch nicht. "Daran müssen wir arbeiten", sagt Trainer Kreutzer, für den aber eins feststeht: "Düsseldorf lebt wieder Eishockey."



insgesamt 5 Beiträge
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kazong1974 04.04.2015
1. Augsburg, Schwenningen und die DEG!
Ja, merkwürdig! Kaum kommt der Erfolg zurück, schon steigt das Interesse der Zuschauer. Dieses Phänomen müsste man mal näher untersuchen. Ob das auch in anderen Städten oder Sportarten so wäre? ;-)
skombil 04.04.2015
2. Respekt
Da kann ich als eingefleischter KEC-Fan nur sagen: Respekt!!!!
rwkmc 04.04.2015
3. DEG = Kult
Als ehemaliger DEG Brehmstrassen Hardcore Fan gönne ich denen den Aufschwung aber die damalige Atmosphäre wird es nie wieder geben ! Heja DEG !
ddorfer_ 04.04.2015
4. Richtig informieren
Lieber Herr Kazong. Die DEG stand 06 und 09 im Finale und trotzdem kamen kaum mal mehr als 5.000 Zuschauer. Steht aber auch im Text.
kazong1974 04.04.2015
5. Hab mich informiert...
Lieber ddorfer_ in den Playoffs der Saison 08/09 kamen zu den 8 Heimspielen der DEG insgesamt 79550 Fans. Macht einen Schnitt von fast 10.000. "Kaum mal mehr als 5000" stimmt also nicht so ganz.... Und zum Zuschauerschnitt generell. In der letzen (Katastrophen!)Saison lag der bei 5683, die DEG wurde bekanntlich Tabellenletzer. In dieser Saison, in der die DEG stark spielte, kamen offiziell 7800 Fans in den ISS Dome. Nice! Zieht man jedoch das Wintergame mit seinen 51.125 Zuschauern ab, blieben im Schnitt noch 6100 Besucher. Wo da jetzt der gigantische Aufschwung, losgekoppelt vom sportlichen Erfolg, bleibt erschließt sich mir nicht so ganz. Viele Grüße, PS: Ich gönne der DEG jeden einzelnen Zuschauer! :)
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