Eishockey-Nationalspielerin Harrer Frau unter Männern

Bei der Heim-WM der Eishockey-Frauen hütet Viona Harrer das Tor des Nationalteams. Sonst spielt sie für die Erding Gladiators - bei den Männern. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht sie übers Duschen, die Probleme ihrer Sportart und ihre Auszeichnung zum besten Torwart der Liga.

Nationaltorhüterin Harrer: Mit 16 Jahren zum ersten Mal in der Nationalmannschaft
Deutscher Eishockey-Bund

Nationaltorhüterin Harrer: Mit 16 Jahren zum ersten Mal in der Nationalmannschaft


SPIEGEL ONLINE: Frau Harrer, derzeit läuft in Ravensburg die B-WM der Eishockey-Frauen in Deutschland. Nur bekommt davon kaum jemand etwas mit. Sind Sie neidisch auf die deutschen Fußball-Frauen, die viel stärker in den Medien vertreten sind?

Harrer: Neidisch nicht. Denn das ist kein spezielles Problem des Frauen-Eishockeys, sondern ein generelles der Sportart. Fußball ist in Deutschland die Nummer eins und nimmt wahnsinnig viel Platz in den Medien ein. Wahrscheinlich wird sich das nie ändern.

SPIEGEL ONLINE: In Kanada gibt bis zu 60.000 aktive Eishockey-Spielerinnen. Wie sieht es in Deutschland aus?

Harrer: So wie das hier mit dem Fußball ist, so ist das in Kanada mit dem Eishockey. Jeder Zweite spielt Eishockey. In Deutschland gibt es, ich schätze jetzt einfach mal, vielleicht 2000 gemeldete Eishockey-Spielerinnen. In der Bundesliga spielen gerade einmal sieben Teams. Und die trainieren noch nicht einmal unter professionellen Bedingungen.

SPIEGEL ONLINE: Was läuft falsch?

Harrer: Alle Probleme fangen damit an, dass zu wenig Mädchen den Sport ausüben. Das ist dann ein Teufelskreis: Weil es nur wenige machen, interessiert es auch nur wenige. Und so zieht sich das fort. Auch die Rahmenbedingungen, um gut zu trainieren und besser zu werden, sind nicht gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen bei den Männern, den Erding Gladiators. Werden Sie da als Frau akzeptiert?

Harrer: Ich würde schon sagen, dass ich akzeptiert bin. Alle Mädchen fangen im männlichen Nachwuchsbereich an, weil es keine weiblichen Nachwuchsmannschaften gibt. Die Wege trennen sich, wenn die Männer in der Pubertät einen Sprung machen. Dann gibt es physisch zu große Unterschiede. Im Tor spielt die Kraft nicht die entscheidende Rolle, deswegen ist es möglich, da bei den Männern relativ lange mitzuspielen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie nie Probleme aufgrund Ihres Geschlechts?

Harrer: Es kann schwierig sein, im Seniorenbereich als Frau akzeptiert zu werden, unabhängig von der Leistung. Da gibt es schon Vorurteile: 'Eine Frau in der Männermannschaft? Das kann ja nicht gutgehen'. Ich habe Glück gehabt, dass Erding es mit einer Frau probiert hat. Die Leistung stimmt, und jetzt bin ich auch voll akzeptiert. Aber die Bayernliga ist ja auch keine Profiliga.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden vergangene Saison sogar zur besten Torhüterin der Bayernliga gewählt. Gibt das Ihnen Bestätigung?

Harrer: Dafür brauche ich keine Auszeichnung. Es freut einen natürlich, aber ich habe jetzt die letzten drei Saisons gespielt, und man merkt ja, ob man mithalten kann oder nicht. Und ich habe bewiesen, dass ich unabhängig von irgendwelchen Auszeichnungen auf dem Niveau gut mithalten kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagiert die männliche Konkurrenz im Tor, wenn sie von einer Frau abgehängt wird?

Harrer: Meine Kollegen im Tor haben sich bislang immer fair verhalten. Da gab es in den vergangenen drei Jahren keine Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie bei den Spielen gemeinsam mit Ihren männlichen Kollegen in der Kabine?

Harrer: Ich sitze ganz normal mit in der Kabine. Meine Unterwäsche ziehe ich in einem anderen Raum an. Aber die Schoner und sonstige Ausrüstung dann mit den anderen. Das Duschen läuft dann natürlich schon getrennt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Ihre Männermannschaft in Erding mit der Frauen-Nationalmannschaft vergleichen, welche Unterschiede gibt es da?

Harrer: Ich spiele genauso gerne für die Nationalmannschaft. Qualitätsunterschiede sind da, das hat aber etwas mit der Physis zu tun. Alles läuft nicht ganz so schnell, und die Schüsse sind nicht so hart wie bei den Männern. Technisch und taktisch können die Frauen auf dem Niveau der Bayernliga mithalten.

SPIEGEL ONLINE: Sportlich läuft es ja bislang bei der WM.

Harrer: Mit dem 4:0 über Österreich sind wir gut in die WM gestartet, da hat die gesamte Mannschaft überzeugt. Beim 2:1 gegen Lettland hat es nicht so gut funktioniert. Positiv war, dass wir gewonnen und die drei Punkte geholt haben. Damit sind wir voll im Soll.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Ziel?

Harrer: Das kann nur der Aufstieg in die A-Gruppe sein. Deswegen spielen wir hier.

Die Fragen stellte Jan Reschke



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