Eishockey-Star Kahun Der Schattenmann

Deutschland hofft dank Leon Draisaitl auf eine erfolgreiche Eishockey-WM. Mit Dominik Kahun gibt es aber einen zweiten NHL-Star, der eine starke Saison hinter sich hat.

Dominik Kahun (r.)
Armin Weigel DPA

Dominik Kahun (r.)


Er ist einer von Deutschlands besten Eishockeyspielern. Er hat eine starke erste Saison in Nordamerikas Profiliga NHL gespielt. Doch Dominik Kahun steht im Vorfeld der Eishockey-WM 2019 in der Slowakei im Schatten von Leon Draisaitl. Das liegt nicht nur daran, dass er körperlich mit 1,80 Meter und 79 Kilogramm eine eher kleine Erscheinung ist im Vergleich zu Teamkollege Draisaitl (1,88 Meter, 98 Kilogramm).

Vielmehr hat Draisaitl gerade in der NHL eine Saison hinter sich, wie sie noch kein Deutscher gespielt hat. 50 Tore und 105 Punkte - derartige Statistiken erzielen sonst nur Kanadier, Amerikaner, Russen. Und ab und an mal ein Finne, Schwede oder Tscheche.

Durch Draisaitls Darbietungen ist in Deutschland nahezu unbemerkt geblieben, was Kahun im Trikot der Blackhawks geleistet hat. Als er Ende April 2018 einen Vertrag in Chicago unterschrieb, hatte sich der Stürmer das Ziel gesetzt, "in meiner ersten NHL-Saison um die 20 Punkte zu schaffen", sagte er im Gespräch mit dem SPIEGEL. Knapp ein Jahr später wirkt dies fast arg untertrieben.

Denn Kahun hat seine selbst gesteckte Statistik um fast einhundert Prozent übertroffen. Er schoss 13 Tore, bereitete 24 Treffer vor. Von allen Liga-Neulingen gelangen dem in Tschechien geborenen Center die viertmeisten Torvorlagen. Und die wohl beeindruckendste Zahl: Der 23-Jährige verpasste keines der 82 Vorrundenspiele.

Dominik Kahun
Armin Weigel DPA

Dominik Kahun

Im Schatten von Draisaitl zu stehen, das kennt Kahun. Als beide 2012 in die kanadische Juniorenliga wechselten, fingen die dortigen Journalisten an, sich intensiver mit Draisaitls Jahren in Deutschland zu beschäftigen. Und da fiel ihnen vor allem eine Statistik aus der Saison 2010/2011 auf. Draisaitl hatte es in 29 Spielen für die U16 der Mannheimer Adler auf sagenhafte 192 Punkte gebracht. Derartige Zahlen hatte in seinen Jugendtagen einst auch Wayne Gretzky erzielt. Und da sie in Nordamerika knackige Spitznamen mögen, war "The German Gretzky" geboren.

Eine etwas genauere Recherche hätte jedoch ergeben, dass es da in jener Spielzeit jemanden gab, der sogar noch einige Punkte mehr hatte, als Draisaitl - Dominik Kahun. Hinter seinem Namen standen 206 Zähler. Kahun kann sich an Spiele erinnern, "da haben Leon und ich zusammen zwölf Punkte gemacht. Er hat mehrere Tore geschossen, ich habe sie ihm meistens aufgelegt."

Obwohl sie damals in der besten Schüler-Mannschaft Deutschlands spielten und ihren gleichaltrigen Gegenspielern in puncto Puckbehandlung und Schlittschuhtechnik überlegen waren, hätten beide nie Langeweile gehabt, sondern, so Kahun, sich vor jedem Spiel selbst unter Druck gesetzt. Und zwar so sehr, dass "wir sauer nach Hause gegangen sind, wenn wir mal nur vier Punkte erzielt hatten", sagt Kahun.

Kahun wurde als "zu klein" bewertet

2014 machte Draisaitl in seiner Karriere den nächsten Schritt. Bei der Verteilung der weltweit besten Nachwuchsspieler auf die NHL-Vereine wählte Edmonton den Kölner an dritter Stelle aus. Für Kahun hingegen hatte sich niemand interessiert. Egal, wo sein Agent auch nachfragte, überall bekam er die gleiche Antwort: "Zu klein für die NHL."

So ging es für Kahun zurück nach Deutschland. Vier Jahre in München, drei Deutsche Meisterschaften. Er spricht im Nachhinein nicht von einem Rückschritt, sondern von "einem Umweg". Einer, der sich gelohnt habe. In München reifte Kahun vom Nachwuchsspieler zum Leistungsträger. In der Nationalmannschaft ist er in dieser Zeit unverzichtbar geworden und gehörte zum Team, das im Vorjahr sensationell Olympiasilber gewann.

Kahun wäre auch ohne Olympia in die NHL gewechselt

Und da Olympia zur Sprache kommt, möchte Kahun gleich mal mit einem Gerücht aufräumen. Nein, er spielt jetzt nicht in der NHL, weil ihm da im Februar 2018 mit Deutschland dieser Coup in Südkorea gelungen war. Denn Kahun hatte schon vor dem Turnier fünf Angebote vorliegen. Die NHL-Scouts hatten sich seinen Namen bereits bei den vergangenen zwei Weltmeisterschaften notiert. Nach Olympia hätte sich lediglich die Anzahl der Interessenten erhöht.

In den vergangenen fünf Jahren ist Kahun keinen Millimeter gewachsen. Der damals für die NHL als zu klein befundene Angreifer spielt nun trotzdem in der besten Eishockeyliga der Welt. Er habe immer gewusst, sagt Kahun, dass er es "eines Tages schaffen" werde. Kahun ist wie Draisaitl 1995 geboren. In einem Jahrgang gleich zwei derartig talentierte Spieler zu haben, ist für die eher kleine Eishockeynation Deutschland ein Glücksfall. Draisaitl spricht von einer "engen Verbindung." Kahun hebt hervor, wie er sich für Draisaitl über dessen Entwicklung gefreut habe, nun aber auch froh sei, seinen eigenen Weg gegangen zu sein und es in die NHL geschafft zu haben.

Schattenmann hin oder her.

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rpr 11.05.2019
1. der unbemerkt gebliebene Kahun
"... ist in Deutschland nahezu unbemerkt geblieben, was Kahun im Trikot der Blackhawks geleistet hat" Das liegt wohl nicht zuletzt an der mangelhaften Berichterstattung in Deutschland. Da fehlt mir dann auch ein gesundes Maß an Selbstkritik vom Autor dieses Artikels und von SPON. Die Aussage ist darüber hinaus auch so nicht richtig, nur weil die Medien kein Interesse an dieser Sportart haben ist der Eishockey Interessierte durchaus über Kahun informiert. Basti Schwele und Rick Goldmann haben, wie auch in der Vergangenheit, immer wieder über seine Leistungen informiert.
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