Großbritanniens Eishockey-Nationalteam Diesmal wollen sie mehr als Autogramme

Über England kam Eishockey im 19. Jahrhundert nach Europa. Doch aktuell üben nur eine Handvoll Briten den Sport aus - das allerdings mit wachsendem Erfolg. Bei der WM trifft das Team auf Deutschland.

Die britischen Eishockey-Nationalspieler Evan Mosey und Ben O'Connor
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Die britischen Eishockey-Nationalspieler Evan Mosey und Ben O'Connor


Tony Hand kam im Kilt auf die Bühne des Kölner Olympiamuseums. Wie sich das gehört für einen, den sie "The Scottish Gretzky" nennen, in Anlehnung an den größten Eishockey-Spieler der Geschichte. Denn auch Hand wusste, wo das Tor steht, 4000 Scorerpunkte hat er in seiner Karriere gesammelt. Aber natürlich nicht in der NHL, sondern in der Heimat, weswegen er bei der Aufnahme in die Hall of Fame des Weltverbandes auch nur kurz im Scheinwerferlicht stand. Ein Brite und Eishockey? Ganz nett, aber nicht mehr.

Zwei Jahre ist das nun her. Damals musste Tony Hand ein paar Autogramme geben, aber niemand wollte wissen, wie es um seine Nachfolger in der Nationalmannschaft steht. Die hatten gerade die drittklassige C-WM gewonnen, gegen Länder wie Litauen oder die Niederlande. Ganz nett, aber nicht mehr.

Jetzt ist das anders, nun wollen alle wissen, was die aktuelle Generation macht - weil die bei der B-WM 2018 in Budapest gleich noch mal aufgestiegen ist. Also gehören die Briten nach 25 Jahren wieder zu den besten Eishockey-Nationen der Welt. Am Samstag (16.15 Uhr, TV: Sport 1 und DAZN, Liveticker SPIEGEL ONLINE) starten sie gegen die deutsche Auswahl in die WM in der Slowakei.

1936 gewannen die Briten die olympische Goldmedaille

Nach Auskunft des Weltverbandes gibt es unter den knapp 66 Millionen Briten exakt 3522 männliche Spieler. Im ganzen Land stehen gerade einmal 68 Eishallen. Die wenigen Aktiven im Vereinigten Königreich treten auch wirklich vereint auf - als Team Großbritannien. Anders als im Fußball, in dem England, Nordirland, Schottland und Wales voneinander getrennte Verbände und Nationalmannschaften haben.

Obwohl Eishockey auf der Insel eine Randsportart ist, bestehen die Briten auf ihre besondere Rolle in der Frühgeschichte des Sports. "Es ist allgemein anerkannt, dass der Sport seine moderne Ära aufgrund eines Spiels begann, das 1860 von Engländern im zugefrorenen Hafen von Kingston in Ontario gespielt wurde", heißt es auf der Verbandsseite. Über die genauen Umstände gibt es zwar unterschiedliche Versionen, und die heutigen Regeln galten damals noch nicht, aber das Spiel begründete eine Entwicklung, die Jahre später zum Eishockey führte.

Die Engländer waren es auch, die den neuen Sport im alten Europa ankommen ließen. Bereits um die Jahrhundertwende gab es diverse Teams in London, 1908 waren die Briten eins von vier Gründungsmitgliedern des Weltverbandes. Zwei Jahre später gewannen sie die erste EM, 1924 folgte Bronze bei Olympia, 1936 in Garmisch reichte es sogar für Gold, 1937 und 1938 für WM-Silber.

"Wer zum Teufel sind diese Typen?"

Doch während Eishockey auf dem Kontinent immer populärer wurde, fielen die Briten ab den Sechzigerjahren zurück. Teilweise stellten sie nicht mal mehr ein Team. Die A-WM erlebten sie nur noch einmal, 1994 - und holten nicht einen Punkt. "Als wir gegen Kanada gespielt haben, haben wir uns vor dem Aufwärmen in den Kabinengang gestellt, um uns Autogramme zu holen. Die müssen gedacht haben: 'Wer zum Teufel sind diese Typen?'", erinnerte sich Mike O'Connor für die "Daily Mail".

In der Slowakei soll es nun besser laufen, dafür könnte sein Sohn Ben sorgen, wie sein Vater Abwehrspieler und neben Torhüter Ben Bowns die Stütze des Teams. O'Connor stand sogar kurz vor einem Wechsel in die russische KHL, blieb aber doch in der Heimat. Die 2003 gegründete Elite Ice Hockey League habe ein Niveau wie keine der vielen Vorgängerligen, sagt er. Auch die Jugendarbeit wird besser. Der 19-jährige Liam Kirk wurde vom NHL-Team aus Arizona gedraftet und spielt nun in der kanadischen Juniorenliga OHL.

Der britische Nationalspieler Ben O'Connor im September 2018 bei einem Spiel seines schwedischen Vereins Leksands IF
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Der britische Nationalspieler Ben O'Connor im September 2018 bei einem Spiel seines schwedischen Vereins Leksands IF

In der EIHL kommen zu Spitzenspielen bis zu 9000 Fans. Doch so hart es auf dem Eis zugeht, so familiär ist das Publikum. Darauf achtet die Liga. Gerade die Teams aus Belfast und Glasgow grenzen sich bewusst vom politisierten Fußball ab. Bei den Belfast Giants kommt niemand mit Symbolen in die Halle, die nach pro-irisch oder pro-britisch aussehen. Auch "God save the Queen", sonst in jedem Stadion vor dem ersten Bully gespielt, ist bei ihnen nicht zu hören. Man will niemanden ausschließen.

Was die Liga sportlich kann, wird diese WM zeigen. 20 der 24 britischen Spieler kommen aus der EIHL, deren Teams in der Champions League durch Siege gegen Schweizer, Schweden und Finnen für Aufsehen sorgten. Trotzdem sind die Briten in der Slowakei natürlich krasse Außenseiter. Das wissen sie selbst - und genießen allein den Umstand, gegen NHL-Stars spielen zu dürfen.

"Davon haben wir immer geträumt", sagt Abwehrmann O'Connor, der dennoch nicht gekommen ist, um sich im Kabinengang Autogramme zu holen. "Wir sind zweimal in Folge aufgestiegen. Wir haben es verdient, hier zu sein."

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thormueller 11.05.2019
1. Toothless in Torquay
Immerhin läuft man beim Thema Eishockey kaum Gefahr, dass am Ende doch wieder Jacob Rees-Mogg oder Nigel Farage aus dem Hut springen und die Welt mit ihren Weltmacht-Utopien nerven oder gegen die bitterböse, vollends korrupte und selbstverständlich zum Scheitern verurteilte Europäische Union zu wettern. Gut, nun spielen die Briten also Eishockey und das offenbar zunehmend erfolgreicher. Vielleicht konnten die Tories ihren Landsleuten vermitteln, dass "Eis-ho-ckei", frei nach Xaver Unsinn, der perfekte Sport zum landesweiten Zahnstatus der Bevölkerung ist. "Warum hast du keine Schneidezähne? Keine Versicherung? Keine Kohle?" "Ne, ich spiel' doch jetzt Eishockey! Lohnt nicht." Ich denke, dass sobald die Brexiteers die EU-Beiträge direkt in ihr NHS pumpen, die Begeisterung für Eishockey nachlassen wird. Und das werden sie ja ganz sicher tun. Denn das stand ja in großen Lettern auf diversen Bussen im ganzen Königreich und diese Brexiteers sind halt nicht nur Eishockey-Fans, sondern auch Ehrenmänner und Ehrenfrauen. Also, sagt man.
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