Deutschlands Eishockey-Torwart Greiss King Cool

Mit 42 Paraden machte er den Sieg gegen die USA möglich: Deutschlands Eishockey-Team hat dank Torwart Greiss einen glänzenden Start ins WM-Turnier gefeiert. Ein Grund abzuheben? Nein, denn jetzt wartet der Top-Favorit.

Aus Köln berichtet


Der Gang von der Eisfläche der Kölnarena in die Kabine ist dieser Tage etwas länger als sonst. Normalweise nehmen die Eishockey-Profis den direkten Weg, während der Weltmeisterschaft müssen sie einen anderen Ausgang nehmen, damit die vielen Reporter aus aller Welt genügend Möglichkeiten haben sie anzusprechen.

Für Thomas Greiss hätte der lange Gang durch die Katakomben ein wahrer Triumphzug werden können. Er hätte alle paar Meter stehenbleiben, in Kameras lächeln und über seine Heldentaten sprechen können. Aber das tat er nicht. Ein, zwei Sportlerphrasen presste er sich heraus, dann lächelte er höflich und stapfte in seiner mächtigen Schutzausrüstung an allen vorbei in die Kabine.

Ähnlich unaufgeregt hatte der Eishockey-Torhüter zuvor den 2:1-Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft gegen die haushoch überlegenen USA festgehalten. Als wäre es das Normalste der Welt, eine nicht mal acht Zentimeter große Hartgummischeibe, die gern mal mit 150 Stundenkilometern angeflogen kommt, aufzuhalten.

Selbst als es die fast 19.000 Fans in der ausverkauften Halle längst nicht mehr auf ihren Sitzen hielt, blieb der NHL-Profi der New York Islanders seinem Standard des Abends treu: Glanzparade, auf den Pfiff des Schiedsrichter warten, Maske hoch, ein Schluck aus der Trinkflasche und die Szene dabei noch mal auf dem Videowürfel beobachten. Die Miene verzog er dabei kaum. Da konnten während der Zeitlupe noch so viele "Ohhs" und "Ahhs" von den Tribünen kommen.

Fotostrecke

7  Bilder
Fotostrecke: Greiss, Greiss, Baby

42 Paraden hatte Greiss am Ende auf dem Statistikzettel stehen. Sämtliche Mitspieler überhäuften ihren Torwart hinterher mit Lob. Besonders für die Abwehraktion nach gerade mal 18 Sekunden, als der überragende Johnny Gaudreau allein auf ihn zulief. Ganz so spektakulär sah aber längst nicht alles aus, was Greiss zeigte, weil er durch seine Aggressivität und seine Geschwindigkeit meist so gut positioniert ist, dass er den Stürmern kaum Lücken anbietet.

Das hatte er seinen Vorderleuten voraus, die den jungen und flinken NHL-Stars teilweise minutenlang nur hinterherliefen. "Und wenn man dann mehr als 50 Sekunden draußen ist, ist man stark übersäuert, dann geht es nur noch darum, die Innenseite zu halten und Schüsse zu blocken", sagte Verteidiger Moritz Müller, der das vorbildlich tat. Auch Denis Reul sowie die Seidenberg-Brüder Dennis und Yannic schmissen ihre Körper rücksichtslos in die Schüsse der US-Amerikaner. Ganz zur Freude von Trainer Marco Sturm: "Es wird sich auch in nächster Zeit nicht ändern, dass andere Nationen einfach besser sind als wir." Nur auf spielerische Qualitäten zu setzen, sei da zu wenig.

Rundum glücklich wirkte der Bundestrainer hinterher dennoch nicht. Vor allem nicht mit den Phasen, in denen sein Team mit fünf Leuten vor dem eigenen Tor stand. Zu eng, zu passiv hätten sie verteidigt. Was natürlich auch am Gegner gelegen habe: "Die haben enorm gepusht, wie das im modernen Eishockey eben so ist: Deren Verteidiger und Stürmer haben sich viel bewegt, dann zieht man sich mehr zurück als gewünscht."

Start geglückt - jetzt wartet Top-Favorit Schweden

Irgendwann wurde das zu viel, neun Minuten vor dem Ende glichen die USA den Führungstreffer von NHL-Profi Tobias Rieder (10. Minute) durch Kapitän Connor Murphy aus. Das Spiel schien sich nun zu drehen, ehe Rieder ein Foul provozierte und Patrick Hager die Überzahl zum 2:1 nutzte. Wahnsinn sei das gewesen, sagte der Kölner, der zuletzt keine guten Erinnerungen an die Arena hatte. Während der Playoffs war er von den Kölner Haien wegen angeblich "teamschädigenden Verhaltens" suspendiert worden. Nun kehrte er erstmals zurück aufs heimische Eis - und traf zum Sieg. "Die Halle ist explodiert", sagte er hinterher lachend. Erst recht nach der Schlusssirene.

Trainer Sturm war hingegen weit davon entfernt zu explodieren. Ein kurzer Handschlag mit den Assistenten, und schon war das Auftaktspiel für ihn abgehakt. Den denkbar schlechtesten Fall, nach den drei ersten Partien gegen die Favoriten USA, Schweden und Russland ohne Punkt dazustehen und die Euphorie verloren zu haben, hat sein Team verhindert.

Im Gegenteil: Die Euphorie ist jetzt erst richtig entfacht. So wird Sturm vor dem heutigen Spiel gegen die noch stärkeren Schweden (20.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wohl eine ähnliche Ansprache halten wie gestern: "Mein Job war eher, die Sache runterzubringen anstatt sie hochzupushen." Bei Thomas Greiss hat das schon mal blendend geklappt.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
niroclean 06.05.2017
1. Tolles Match
Na klar, die USA waren haushoher Favorit und preschten von der ersten Sekunde an richtig los, die Deutsche Nationalmannschaft geriet enorm unter Druck aber Dank "Jesus Greiss" wurde diese Phase ohne Gegentreffer überstanden. Das Spiel war von enormen Tempo und fast sichtbarer Spannung getragen und es gab genügend Szenen bei denen einem der Atem stockte. Die Deutsche Nationalmannschaft hatte Greiss und natürlich auch das Glück auf ihrer Seite, aber das Glück ist mit den Tüchtigen und tüchtig gekämpft haben alle in der Deutschen Mannschaft! Es ist unverständlich das man sich in Deutschland immer so sehr auf den Fussball konzentriert - wenn man das Eishockeyspiel gestern Abend gesehen hat kommen einem selbst die Spiele des FC Bayern München recht lahm und langweilig vor. Mehr Eishockey im frei empfangbaren TV bitte !
andromeda793624 06.05.2017
2.
Zitat von nirocleanNa klar, die USA waren haushoher Favorit und preschten von der ersten Sekunde an richtig los, die Deutsche Nationalmannschaft geriet enorm unter Druck aber Dank "Jesus Greiss" wurde diese Phase ohne Gegentreffer überstanden. Das Spiel war von enormen Tempo und fast sichtbarer Spannung getragen und es gab genügend Szenen bei denen einem der Atem stockte. Die Deutsche Nationalmannschaft hatte Greiss und natürlich auch das Glück auf ihrer Seite, aber das Glück ist mit den Tüchtigen und tüchtig gekämpft haben alle in der Deutschen Mannschaft! Es ist unverständlich das man sich in Deutschland immer so sehr auf den Fussball konzentriert - wenn man das Eishockeyspiel gestern Abend gesehen hat kommen einem selbst die Spiele des FC Bayern München recht lahm und langweilig vor. Mehr Eishockey im frei empfangbaren TV bitte !
Deutschland ist Fußball-Weltmeister und in dieser Sportart eine Großmacht mit Historie. Deshalb konzentrieren sich die Deutschen auf Fußball. Ganz einfach zu verstehen oder?
frank_sitter2 06.05.2017
3. Kampf, Leidenschaft, Greiss und viel, viel Glück
haben uns ein tolles Eishockeyspiel erleben lassen. Es war für jeden Eishockeyfreund ein toller Abend, den man so schnell nicht vergessen wird. Drücken wir unserem Team für die weiteren Spiele die Daumen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.