Eiskunstläufer Pluschenko "Ich bin jetzt schon der Größte"

Seit 58 Jahren hat kein Eiskunstläufer mehr zweimal in Folge Einzelgold bei Olympischen Spielen gewonnen. Dem Russen Jewgeni Pluschenko könnte das jetzt gelingen. Denn er springt so spektakulär wie kein anderer. Genau das aber werfen ihm seine Kritiker vor.

Sprungwunder Pluschenko: Auf dem Weg zu Gold
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Sprungwunder Pluschenko: Auf dem Weg zu Gold

Von Marco Plein


Jewgeni Pluschenko spricht nicht viel. Er ist ein Mann der knappen Sätze. Und wenn er mal etwas sagt, geht es oft darum, was er alles kann. Oder darum, was andere nicht können. Der russische Eiskunstläufer klingt dabei arrogant. Er provoziert. "Ich bin jetzt schon der Größte", ist so ein Satz von ihm, er stammt aus dem Januar, da war er gerade Europameister geworden. Die Noten der Preisrichter "sind mir ganz egal", sagte er am Dienstag unmittelbar nach dem Kurzprogramm des olympischen Eiskunstlauf-Wettbewerbs, das er gewonnen hatte.

Und weil er dort als einziger einen Vierfachsprung gezeigt hatte, ergänzte er schließlich: "Männer sollten vierfach springen können. Denn das ist die Zukunft unseres Sports."

Pluschenko galt schon vor Olympia als Goldfavorit, nun aber, kurz vor der Kür (Freitag, 2 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), gibt es daran kaum mehr Zweifel. Denn beim ersten der zwei Auftritte gelang dem 27-Jährigen mit den markanten glatt-blonden Haaren und dem unterkühlten Blick eine glanzvolle Vorstellung. Trotzdem prasselte im Anschluss Kritik auf ihn ein - von allen Seiten. Der Sport heiße "Eiskunstlauf und nicht Eisspringen", meckerte etwa der deutsche Preisrichter Ulf Denzer nach dem Kurzprogramm im Pacific Coliseum, "Pluschenko begeistert zwar die jungen Mädchen mit seinem Hüftschwung, aber seine Schritte sind nicht besser als vor Jahren."

Weltmeister ohne Vierfachsprung: "Eine Schande"

Es gebe auch andere Wege als Vierfachsprünge, um zum Erfolg zu kommen, versicherte der US-Amerikaner Evan Lysacek. Eine saubere Ausführung des Programms zum Beispiel. Der 24-Jährige aus Chicago wurde vergangenes Jahr Weltmeister, ohne Vierfachsprung wohlgemerkt, für ihn ein toller Erfolg - für Pluschenko hingegen "eine Schande", denn für ihn zählen nur mutige Sprünge. Nach dem Olympia-Kurzprogramm liegt Lysacek auf Platz zwei, und er ist einer derjenigen, die vom Auftritt des Russen ziemlich genervt sind.

Dass sie gegen die Klasse des dreimaligen Weltmeisters und Olympiasiegers von 2006 nicht ankommen, ist für dessen Konkurrenten ja noch zu verkraften. Was ihnen aber zu schaffen macht, ist die Art und Weise, mit der ihnen Pluschenko die Schau stiehlt. Denn der Mann aus St. Petersburg zeigt noch nicht einmal das ganze Repertoire des Eiskunstlaufens, vielmehr basiert sein Erfolg fast einzig auf den fabelhaften und unvergleichbaren Sprüngen. So begeisterte er die Preisrichter in Vancouver mit absoluten Höchstschwierigkeiten, zum Beispiel eine makellose Kombination aus vierfachem und dreifachem Toe-Loop. Aber: Was er zwischen seinen Sprüngen zeigt, gefällt Kritikern wie Gegnern ganz und gar nicht. Sie werfen ihm vor, bei den Übergängen abgehackt und unsauber zu laufen, seine Musik nicht aufs Eis zu bringen und - vor allem - mit einer herrischen Selbstverliebtheit aufzutreten.

Lysacek und der auf Platz drei liegende Japaner Daisuke Takahashi stehen dagegen für einen flüssigen Laufstil, für grazile Schritte und Pirouetten und die Interpretation ihrer musikalischen Begleitung. Ihnen passt es nicht, von einem Mann vorgeführt zu werden, der sich nur auf seine Stärke konzentriert. Vor allem, weil der lange weg war und erst seit ein paar Monaten wieder dabei ist. Und das wirft kein gutes Licht auf sie.

Nach dem Olympiasieg: Leben in Saus und Braus

Im Februar 2006, nach seinem Triumph von Turin, war Pluschenko auf dem Gipfel angelangt. "Ich hatte alles, Geld, Ruhm, Siege." Aber keinen Antrieb mehr. Fortan lebte er nur noch in Saus und Braus und vergnügte sich mit flotten Autos und hübschen Frauen, er heiratete und ließ sich scheiden, er versuchte sich als Kommunalpolitiker und trat beim Eurovision Song Contest auf. "Das hat mich irgendwann nur noch gelangweilt", sagt er heute. "Jetzt habe ich wieder etwas zu tun."

Als erster Eiskunstläufer nach dem US-Amerikaner Richard Button, der bei den Winterspielen 1948 und 1952 gewann, will Pluschenko zweimal nacheinander Gold holen. Seine zweite Ehefrau habe ihn auf diese Idee gebracht - ein echter Held sei er nur, wenn er seinen Triumph wiederhole, soll sie zu ihm gesagt haben. Kurz vor seiner Pause wurde im Eiskunstlauf ein neues Wertungssystem eingeführt, es soll die einstige Bevorzugung der reinen Springer abschaffen und der Kunst wieder mehr Bedeutung verschaffen.

Das war Ansporn genug.

Pluschenko trainierte wie ein Besessener und perfektionierte seine Sprünge. Dabei nahm er zwar zehn Kilo ab, trotzdem litt er unter höllischen Knieschmerzen. Aber die waren ihm kein Hindernis. Denn er wollte der Welt noch mal zeigen, worum es in diesem Sport seiner Meinung nach geht: "Risiko muss belohnt werden", sagt er, "um das zu zeigen, bin ich zurückgekehrt."

Gleich bei seinem ersten großen Wettkampf, der Europameisterschaft in Estland, gelang ihm das. Pluschenko gewann seinen sechsten EM-Titel. Es war ein Vorgeschmack auf Olympia. Dort steht er nun vor dem großen Triumph. Und selbst wenn er in die Kür nur einen minimalen Vorsprung auf Lysacek und Co. mitnimmt, die Preisrichter werden nicht an ihm vorbeikommen, sollte er fehlerfrei bleiben. Auf der anderen Seite kann ihm jeder noch so kleine Wackler zum Verhängnis werden. Die Anhänger des kunstvollen Eislaufens würden sich freuen.

mit Material von dpa und sid



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