Neuer Eisschnelllauf-Präsident Große Der General

Matthias Große ist umstritten - und dennoch neuer Präsident der Eisschnellläufer. Kritiker haben nun Angst: Er könnte die Interessen von Lebensgefährtin Claudia Pechstein über die des Verbands stellen.
Matthias Große ist neuer DESG-Präsident: "Die Not hat alle Zweifel beiseite gedrängt."

Matthias Große ist neuer DESG-Präsident: "Die Not hat alle Zweifel beiseite gedrängt."

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Mathias Renner/ City-Press via Getty Images

Die Nachricht kam für Moritz Geisreiter "total überraschend". Wenige Stunden zuvor hatte der Athletensprecher der deutschen Eisläufer noch über die ungewisse Zukunft seines Sports referiert, was alles im Argen liegt, wie es weitergehen könnte. Am Donnerstagabend erfuhr Geisreiter dann aus den Medien: Eine Entscheidung darüber war schon in der Nacht davor gefallen - nur hatte es in der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) offenbar niemand für nötig befunden, die eigenen Leute darüber in Kenntnis zu setzen.

Matthias Große ist neuer Präsident der DESG. Der Vorstand, nach mehreren Rücktritten nur noch aus Vize-Präsident Uwe Rietzke und Schatzmeister Dieter Wallisch bestehend, hat das entschieden. Doch mit der Personalie, die zunächst bis zur Wahl im September kommissarisch ist, sind viele nicht einverstanden. Sie stellen Großes fachliche Eignung in Frage – und seine menschliche.

Große, das war in den vergangenen Jahren im Sport vor allem der Mann an Claudia Pechsteins Seite. Ihr "Bodyguard", wie sie selbst sagt, mit Glatze und breitem Kreuz. Aufgewachsen in der DDR, ein Kraftsportler, Student an der militärpolitischen Hochschule in Minsk, er wollte es bei der NVA bis zum General bringen. Die Wende ist ihm dazwischengekommen. Im wiedervereinten Deutschland jobbte er zunächst als Türsteher und Discobetreiber. Heute ist Große in Berlin Immobilienunternehmer.

Menschlich beschreiben den 52-Jährigen manche als cholerisch und einschüchternd. Vor allem Kritiker seiner Lebensgefährtin haben das immer wieder zu spüren bekommen - auch Journalisten und Politiker.

Athletensprecher Moritz Geisreiter war Langstreckenläufer. Heute ist er studierter Wirtschaftspsychologe und Karriereberater.

Athletensprecher Moritz Geisreiter war Langstreckenläufer. Heute ist er studierter Wirtschaftspsychologe und Karriereberater.

Foto: Chai v.d. Laage/ imago images

Sieben Monate lang kam die DESG ohne Präsident aus. Der Grund, warum es jetzt Große braucht, ist offenbar die Kassenlage. "Ich kann mir denken, dass der Druck der auf der DESG lastet, konstant größer geworden ist. Die Not hat die letzten Zweifler beiseite gedrängt", sagt Athletensprecher Geisreiter dem SPIEGEL.

Große berief sich zuletzt auf Sponsorenzusagen, die das Loch im Etat stopfen sollen. "Große war schlichtweg der Einzige, der die Linderung der Finanznot in Aussicht gestellt hat. Kurzfristig ist das das drängendste Problem", sagt Geisreiter.

Der Verband braucht Geld

Großes Konzept habe überzeugt, hieß es in einer Presseerklärung des Verbands . Er hätte sich die "finanzielle Konsolidierung des Verbandes, die Maximierung des sportlichen Erfolges sowie die Neuausrichtung der Nachwuchsförderung" vorgenommen. Er wolle die DESG "in eine sichere und erfolgreiche Zukunft führen". Im RBB kündigte er an , als erstes die Verträge von Bundestrainer und Sportlichem Leiter zu überprüfen. Danach wolle er sich im Verband einen Überblick verschaffen.

Den sollten sie bei der DESG schon seit einigen Monaten haben. Anfang des Jahres war die Situation diffus. Bis Anfang April hatte man den Finanzbedarf auf rund 400.000 Euro hochgerechnet. Im Februar rückten Wirtschaftsprüfer in der Geschäftsstelle an, um die Unterlagen zu sichten. Danach gab es keine neuen Zahlen.

Das Geld ist aber nur ein Problem des Verbands. Es geht auch um die sportliche Zukunft – und die interne Zerstrittenheit. Eine Gemeinschaft ist die DESG nur noch dem Namen nach. Pechstein organisiert ihr Training seit Jahren unabhängig vom Verband. Die 48-Jährige will noch bis 2022 laufen. Ob Große ohne sie noch Interesse am Verband hat?

Ich habe ihn als sehr polarisierend kennengelernt, als jemand, der Konflikte knallhart austrägt.

Athletensprecher Moritz Geisreiter über Matthias Große

Moritz Geisreiter, selbst ehemaliger Langstreckenläufer, kennt Große aus fast zehn Jahren Weltcup-Erfahrung. Er beschreibt das Anforderungsprofil so: "Ein Präsident sollte Integrität bieten und Identifikation ermöglichen. Er muss motivierend und einend wirken. Wirtschaftlicher Verstand gehört natürlich auch dazu." Diesen positiven Charakter könne er in Große nicht erkennen. "Im Gegenteil: Ich habe ihn als sehr polarisierend kennengelernt, als jemand, der Konflikte knallhart austrägt."

Drohanrufe gegen Politiker

Vor Jahren machte Große einmal damit Schlagzeilen, es mit Drohanrufen gegen Politiker  auf die Liste unerwünschter Personen im Bundestag geschafft zu haben. Die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) war eine davon. Großes Ernennung wolle sie öffentlich nicht bewerten. Zu seiner Doppelrolle als Präsident und Lebensgefährte sagte sie dem SPIEGEL: "Nach meiner Einschätzung ist es grundsätzlich erst mal eine herausfordernde Gemengelage, wenn Verbands- und persönliche Interessen nicht klar voneinander getrennt sind."

Es gebe im Spitzensport Beispiele, bei denen es funktioniert hat. "Somit dürfte es vor allem von den menschlichen und charakterlichen Eigenschaften der Beteiligten abhängen. Inwieweit die tiefgreifenden und auch der staunenden Öffentlichkeit vorgeführten Zerwürfnisse zwischen Herrn Große/Frau Pechstein auf der einen und Verbandsverantwortlichen auf der anderen Seite eine Basis für eine neue Qualität einer Zusammenarbeit sein können, darf wohl zumindest als Frage in den Raum gestellt werden."

Um Große hat es oft Streit gegeben. Etwa um beanspruchte Akkreditierungen bei Olympischen Spielen. Er gab sich als Betreuer Pechsteins. Das passte vielen ebenso wenig wie sein aggressives Auftreten. Zuletzt entzog ihm der eigene Verband im November die Arbeitserlaubnis. Einmal zu oft hatte Große in Interviews seine Meinung kundgetan – "verbandsschädigend", wie es hieß. Denselben Verband will Große nun führen.

Als langjähriger Begleiter der Szene verfügt er zweifelsohne über Kontakte. Freunde haben er und seine Lebensgefährtin sich selten gemacht. Mit dem internationalen Eisschnelllaufverband ISU und anderen Institutionen haben beide – der Dopingsperre wegen - oft über Anwälte kommuniziert.

Eisschnellläuferin Pechstein mit Lebensgefährten Große (2014 in Sotschi, Russland)

Eisschnellläuferin Pechstein mit Lebensgefährten Große (2014 in Sotschi, Russland)

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Christian Charisius/ picture alliance / dpa

Auch im eigenen Verband stand nach Monaten gegenseitiger Vorwürfe und Beschimpfungen zuletzt eine Verleumdungsklage im Raum - vonseiten Pechsteins gegen den Bundestrainer . Erik Bouwman nannte Großes Kandidatur auf das Präsidentenamt vor einigen Wochen den "größten Witz, den ich je im Spitzensport erlebt habe". Zu der Einsetzung Großes äußerten sich Bouwman und der sportliche Leiter Matthias Kulik am Donnerstagabend zunächst nicht.

Die Sportler würden gern mit Bouwman weiter arbeiten. "Er genießt bei den Sportlerinnen und Sportlern absoluten Rückhalt, von Claudia Pechstein abgesehen", sagt Geisreiter. Mancher fürchtet, dass Große die Interessen seiner Lebensgefährtin über das Wohl des Verbandes stellt. "Ich kann nur an Matthias Große appellieren, sich von allen Befindlichkeiten und Auseinandersetzungen frei zu machen und das Interesse des Verbands über die persönlichen zu stellen. Dazu gehört es auch, die Meinung der Sportler anzuhören und anzuerkennen."

Die Saisonvorbereitung hat längst begonnen. Große aber hat über Monate unmissverständlich gemacht, dass er Bouwman und Kulik vor die Tür setzen will. Die "erfolgreiche Zukunft" des Verbands könnte demnach auch mit deutscher Expertise erreicht werden. Doch die Niederländer und Norweger sind es, die den Sport dominieren. Der deutsche Eisschnelllauf hat schon vor Jahren den Anschluss verloren. Von den Shorttrackern, der zweiten olympischen Disziplin im Verband, sprach Große in der Verbandsmitteilung gar nicht.

Gleich mehrere Gründe, wegen der sich die Sportler mehr Mitspracherecht im Verband wünschen. "Es ist für die Mitgliederversammlung unser Ziel, dass auch wir Athleten unseren Platz im Präsidium bekommen", sagt Moritz Geisreiter. "Es ist nur modern und zeitgemäß, dass wir mitbestimmen. Wir möchten mitreden bei den Themen, die uns betreffen."

Die Sportler hoffen auf ein Ende der Streitigkeiten - und dass sie nicht weiter übergangen werden. Sonst könnte der Schaden am Ende noch größer sein als jetzt schon. Geisreiter bleibt skeptisch angesichts der Personalie Große, will ihm aber eine Chance geben. "Er ist jetzt bis September kommissarisch im Amt. Also soll er es versuchen."

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