Eisschnelllauf-Star Pechstein Schampus, Blut und Currywurst

Der Start von Claudia Pechstein beim Weltcup-Finale im niederländischen Heerenveen wird zum Härtetest. Nicht nur die sportliche Form der 39-Jährigen steht auf dem Prüfstand. Ihr Auftritt wird auch zeigen, ob die Deutsche in der Szene noch akzeptiert wird.

Eisschnelllauf-Rückkehrerin Pechstein: Nächster Auftritt Heerenveen
DPA

Eisschnelllauf-Rückkehrerin Pechstein: Nächster Auftritt Heerenveen

Von


In der vergangenen Woche hat Claudia Pechstein ihren 39. Geburtstag gefeiert. Für eine Eisschnellläuferin ist das normalerweise ein Alter, in dem die Karriere lange beendet ist. Es gab zum Ehrentag Champagner und Currywurst, wie die Glamour-Zeitschrift "Bunte" verraten hat. Vom Ernährungsplan her ist das normalerweise nicht die optimale Vorbereitung auf ein Weltcup-Finale. Aber was ist schon normal im Fall Pechstein? Am Freitag startet sie zum Weltcup-Abschluss im niederländischen Heerenveen - in dem Land, in dem ihre Rückkehr nach der Dopingsperre besonders misstrauisch beobachtet wird.

"Muss Pechstein durch die Hölle?", hat die "Bild"-Zeitung bereits bang gefragt. Diese Sorge dürfte allerdings reichlich übertrieben sein. Das Thialf-Stadion in Heerenveen ist für den Eisschnelllauf so etwas wie der Holmenkollen für die Skispringer oder Wembley im Fußball. Größere Begeisterung für diese Sportart gibt es nirgends auf der Welt. Die friesischen Eisschnelllauf-Fans kreieren gemeinhin eine Atmosphäre, die frei von Gift und Ressentiments ist. "Ich glaube nicht, dass es Pfiffe für mich geben wird", gibt sich die Deutsche nach außen hin gelassen.

Dass Pechsteins Auftritt am Freitag über 1500 Meter und am Samstag über 3000 Meter dennoch ein Härtetest für die ausgelassene Thialf-Stimmung werden könnte, liegt an der medialen Begleitmusik aus den Niederlanden. Die meisten kritischen Stimmen zu Pechsteins Rückkehr kamen schließlich aus dem Nachbarland. Der frühere Weltklasseläufer und heutige Trainer Bart Veldkamp hat mit Blick auf die Deutsche gar von einem "Geschwür" im Eisschnelllauflager gesprochen. Veldkamp war früher mal der Freund des langjährigen deutschen Eisschnelllauf-Darlings Anni Friesinger - bekanntermaßen Pechstein keineswegs innig verbunden.

Misstrauen herrscht auch im deutschen Lager

Auch im deutschen Lager ist die Freude darüber, dass die 39-Jährige wieder dabei ist, geteilt. Stephanie Beckert, derzeit auf den längeren Strecken unbestritten die beste deutsche Kufenläuferin, hat bisher jeden Kommentar zum Pechstein-Comeback abgelehnt. Beckert kommt aus dem Erfurter Eisschnelllauflager, in dem auch die mehrfache Olympiasiegerin Gunda Niemann-Stirnemann groß wurde. Auch Niemann-Stirnemann ist wie Friesinger eine alte Rivalin Pechsteins gewesen. Die gegenseitigen Abneigungen sind bis heute gepflegt worden. Auch Pechstein hat nichts dafür getan, das Klima zwischen den ehemals großen Drei zu verbessern. In ihrer Autobiografie, die im Vorjahr erschien, widmet sie ein großes Kapitel den alten Widersacherinnen. Überschrift des Kapitels: Von Hennen und Zicken.

In zwei Wochen wird Pechstein bei der Weltmeisterschaft in Inzell laufen. Die Veranstaltung sollte eigentlich der letzte große Auftritt für Anni Friesinger werden, die aus Inzell stammt. Alles war bereitet für Friesinger-Festspiele. Dann jedoch musste die dreifache Olympiasiegerin ihre Karriere doch schon im Sommer beenden. Jetzt wird Inzell zur Bühne für Pechstein.

Ob die Berlinerin Pechstein tatsächlich in der Lage ist, noch einmal die Besten der Welt herauszufordern - eine Beckert, die Niederländerinnen Marrit Leenstra und Ireen Wüst oder die Tschechin Martina Sábliková - das wird Heerenveen zeigen. Erstmals seit Ablauf ihrer Sperre ist Pechstein in der A-Gruppe startberechtigt. Die Punkte, die sie bei ihrem bisher einzigen Weltcup-Start der Saison in Salt Lake City gesammelt hat, reichten dafür aus. Die 1500-Meter-Strecke am Freitag wird sie allerdings ohne direkte Gegnerin laufen müssen. Das Starterfeld weist eine ungerade Zahl aus, da muss die Läuferin, die bisher die wenigsten Punkte erreicht hat, allein auf die Bahn.

Schon wieder 20 Sponsoren

Das Augenmerk Pechsteins liegt in Heerenveen ohnehin auf den 3000 Metern, die am Samstag anstehen. Über diese Distanz fehlt ihr noch die Qualifikation für die WM. Angesichts der Zeiten, die Pechstein in Salt Lake City über die 5000 und die 1500 Meter absolvierte, dürfte das allerdings nicht so schwer zu bewältigen sein.

Es läuft gut derzeit für Pechstein. Die meisten Medien in Deutschland berichten gewogen über das Comeback. 20 Sponsoren hat Pechstein wieder um sich scharen können, mehr hatte sie auch in der Zeit vor ihrer Sperre nicht. Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), die während der Sperrezeit einen Schlingerkurs in Sachen Pechstein-Unterstützung fuhr, hat sich gänzlich auf die Seite der Läuferin geschlagen. Die DESG hat an den Weltverband Isu den Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung für Pechstein gestellt. Die Sportlerin solle selbst dann nicht gesperrt werden, wenn ihre Blutwerte auch künftig Auffälligkeiten aufweisen.

Flankierend hatte Pechstein in dieser Woche Testergebnisse aus den vergangenen Jahren auf ihrer Website veröffentlicht, die belegen sollen, dass ihre Blutwerte auch in der Zeit schwankten, als sie wegen ihrer Sperre überhaupt keine Wettkämpfe bestritten hatte. Pechstein interpretiert das als deutliches Indiz für ihre Unschuld. Sie beruft sich auf die Diagnose mehrerer Hämatologen, die ihr eine vererbte Blutanomalie bescheinigt hatten.

Das Ausstellen einer solchen Ausnahmegenehmigung, wie sie Pechstein will, würde bei der Konkurrenz möglicherweise als Freibrief für die Deutsche verstanden. Für die Isu wäre das Neuland. Aber was ist schon normal im Fall Pechstein?

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.