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Ex-Skispringer Hannawald "Wenn es schlecht lief, war es der Horror"

Er war ein Skisprung-Weltstar, gewann die Vierschanzentournee und Weltmeistertitel. Doch irgendwann konnte Sven Hannawald nicht mehr, er fühlte sich ausgebrannt. Im Interview mit SPIEGEL TV spricht er über Leistungsdruck, seine Bournout-Diagnose und sein Leben nach dem Skispringen.

SPIEGEL TV: Herr Hannawald, Sie waren jahrelang Profisportler. Wie haben Sie Ihre Zeit als Skispringer erlebt?

Hannawald: Wenn es gut ging, war man in seinem Film. Schwierig war es immer, wenn es nicht so geklappt hat. Dann kam schon die Frage: Für was mache ich das eigentlich? Ich habe immer meine Höhen und Tiefen gehabt und versucht, mich auf die Höhen zu konzentrieren.

SPIEGEL TV: Was ist das Faszinierende am Skisprung?

Hannawald: Man wird sanft beschleunigt durch die Neigung vom Anlauf, konzentriert sich dann auf den Punkt, an dem man einfach abhebt und danach ist es wie ein Segeln. Man fühlt sich einfach befreit, wie ein Vogel. Das ist immer faszinierend gewesen. Und deswegen war Skifliegen das Beste, was es für mich gab - wenn es gut ging. Wenn es schlecht lief, war es Horror.

SPIEGEL TV: Brauchten Sie das Adrenalin?

Hannawald: Nicht wissentlich. Das habe ich erst gemerkt, als ich aufgehört habe und mir irgendwas fehlte und ich nicht wusste, was. War es der Wettkampf, das Springen, das Training, das gezielte Arbeiten? Jetzt weiß ich, dass Adrenalin eine Rolle spielte.

SPIEGEL TV: Hat sich im Laufe der Zeit der Leistungsdruck verschärft?

Hannawald: Auf jeden Fall. Wenn man Erfolg hat, dann will man mehr Erfolg haben und versucht, vielleicht noch mehr Kleinigkeiten zu finden, von denen man denkt, dann geht's noch besser. Man ist stetig am Suchen, um den Erfolg aufrecht zu erhalten. Man möchte dann ja nicht nur einen Tageserfolg haben, sondern man möchte versuchen, das schöne Gefühl so lange wie möglich zu erleben.

SPIEGEL TV: Was waren die Höhepunkte Ihrer Skisprungkarriere?

Hannawald: Ich denke mal, dass über allem der Tourneeerfolg steht, mit weitem Abstand. Ansonsten denke ich immer gerne an meinen ersten Weltcupsiegsieg. Oder natürlich die Skiflugweltmeistertitel. Das sind so Sachen, die sich immer noch abheben.

SPIEGEL TV: Was für einen Stellenwert hatte das Skispringen für Sie?

Hannawald: Es war mein Ein und Alles. Ich hab ja nie ans Aufhören gedacht. Niemals. Und dann ging das innerhalb von einem halben Jahr. Da hat sich alles komplett verändert.

SPIEGEL TV: Hat Ihnen das Angst gemacht?

Hannawald: Ich glaube, ich war da schon in einem Stadium, wo ich gar nicht mehr wusste, wo vorne und hinten ist, weil auf einmal alles einbröckelt ist. Das geht so schnell und du weißt eigentlich gar nicht, was passiert.

SPIEGEL TV: Wann haben Sie gemerkt, dass Ihre Leistungen nachließen?

Hannawald: Ich habe das erste Mal nach dem Vierschanzentourneesieg den Erwartungsdruck gespürt. Da ist ein Punkt erreicht, der geht aufs Hirn oder ans Herz. Und du merkst, obwohl du keinen Stress hast, werden auf einmal die Beine schwer. Du bist müde und willst nur deine Ruhe. Das sind Zeichen, wenn du dich komplett zurückziehst. Bis man irgendwann keinen Weg oder keine Lösung mehr hat, was man machen soll. Die Leute, die man kennt, können einem nicht helfen. Damals hatte ich meine erste richtige Freundin, auch die kam nicht an mich ran. Das war ganz komisch, ich kann es bis heute nicht beschreiben, da sind viele Sachen aufgebrochen. Jahrelang habe ich immer alles im Griff gehabt und irgendwann ist komplett Wirrwarr und ich wusste überhaupt nicht mehr, was los ist.

SPIEGEL TV: Wie haben Sie auf die Diagnose Burnout reagiert?

Hannawald: Ich wusste damals nicht, was das heißt. Bei Fieber weiß ich, dass ich ins Bett muss. Bei einer Muskelverletzung oder bei einem Knochenbruch weiß ich, dass ich vier Wochen eine Schiene tragen muss. Bei der Diagnose wusste ich ja nicht, was auf mich zukommt. Mir war das in dem Moment aber völlig egal. Mir war wichtig, dass das irgendwie einen Namen hat und das Leute wissen, wie sie mir helfen sollen.

SPIEGEL TV: Hatten Sie Sorge, dass Sie nicht zu Ihrer Skisprungkarriere zurückkehren würden?

Hannawald: Das war mir an dem Punkt nicht bewusst. Ich wollte einfach nur, dass es mir besser geht.

SPIEGEL TV: Sie haben 2004 eine längere Auszeit vom Sport genommen. Was hat Ihnen geholfen?

Hannawald: Das Wichtigste waren erstmal die Monate, die ich in der Klinik war. Letzten Endes muss ich sagen, dass alles seine Zeit braucht, dass es kein Rezept gibt. Man muss gucken, wie es sich verändert. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich etwas anderes finden muss und nicht zum Skispringen zurückkehren kann.

SPIEGEL TV: Sie haben jetzt eine neue Aufgabe als Rennfahrer gefunden. Was macht Sie glücklich am Autofahren?

Hannawald: Ich hätte früher nie gedacht, dass ich nach dem Springen noch mal so ein Gefühl erleben könnte, wie jetzt beim Motorsport. Beruflich tut man sich eben als ehemaliger Leistungssportler schwer, eine neue Berufung zu finden. Ins Management wechseln oder in ein Büro wollte ich nicht. Ich bin nach wie vor immer noch vom Körpergefühl her jemand, der Sport braucht. Und die Anspannung, die ich vom Skispringen her kenne, finde ich im Motorsport. Den Nervenkitzel, das Adrenalin, irgendwie so eine Mischung. Wenn alles gut geht in so einem Rennen, dann kommt Freude auf. Das ist ein schönes Gefühl.

Mehr zum Thema: "Wenn die Seele Trauer trägt" - Die große Samstags-Dokumentation von SPIEGEL TV, am 23. Oktober ab 20:15 Uhr bei Vox.

Das Interview führte Anja Gerloff
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