Fall Sachenbacher-Stehle Kampf mit unblutigem Ende

Evi Sachenbacher-Stehle darf bei Olympia starten. Das Ergebnis eines zweiten Bluttests beendete die Dopingdiskussionen um die Langläuferin – vorläufig. Ein fader Beigeschmack bleibt, vor allem der Deutsche Skiverband muss sich Vorwürfe gefallen lassen.

Aus Pragelato berichtet


Pragelato - Am frühen Nachmittag brach auch bei Bengt Saltin ganz kurz Freude aus. Der medizinische Direktor des Internationalen Skiverbandes Fis hatte gerade erfahren, dass Evi Sachenbacher-Stehle ihren Bluttest bestanden hatte. "Ich freue mich, dass Evi morgen starten kann und hoffe sie zeigt allen, dass sie vielleicht die beste Langläuferin der Welt ist", sagte der 70-Jährige im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Sachenbacher-Stehle selbst war kurz nach 13 Uhr erleichtert aus dem Zelt der Dopingtester getreten.

Bundestrainer Behle, Langläuferin Sachenbacher-Stehle: Sehr erleichtert
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Bundestrainer Behle, Langläuferin Sachenbacher-Stehle: Sehr erleichtert

Es war das bisher letzte Kapitel eines Stückes, dessen Drehbuch mitunter an einen schlechten Film erinnert. Die Hauptdarsteller: eine hoffnungsvolle Langläuferin mit einem extrem erhöhten Anteil roter Blutkörperchen, ein hysterischer Deutscher Skiverband (DSV) mit einem extrem erhöhten Drang zu Rundumschlägen bei gleichzeitig verminderter Fähigkeit zur Selbstkritik, sehr viele Flaschen Wasser - und eben Bengt Saltin, der trotz seiner Freude in diesem Stück weiter den Kritiker spielt.

"Ich bin sehr erleichtert, dass der Hämoglobin-Wert unter der Höchstgrenze liegt", sagte Sachenbacher-Stehle nach dem Test. Noch nie in ihrem Leben habe sie so viel getrunken wie an diesem Vormittag, "wahrscheinlich war es ein ganzes Fass". Jetzt könne Olympia endlich losgehen, "ich habe so viel Ärger in mir, den will ich endlich loswerden", erklärte die Langläuferin. Auch Bundestrainer Jochen Behle freute sich mit seiner Athletin - nicht aber, ohne noch mal verbal nachzutreten. "Ich kann die Sache nach wie vor nicht nachvollziehen."

Eine Schutzsperre und ihre Folgen

Die Sache. Sie hatte am 10. Februar begonnen, als ein Bluttest bei der gerade angereisten deutschen Medaillenhoffnung einen stark erhöhten Wert roter Blutkörperchen ergab. 16,4 Gramm pro Deziliter, der Grenzwert für Frauen liegt bei 16,0. Ein hoher Anteil von der Blutkörperchen ("dickes Blut") birgt die Gefahr von Thrombosen. Was folgte, war eine den Regularien der Fis entsprechende Schutzsperre - und ein wütender Rundumschlag des Deutschen Skiverbandes.

Auf einer denkwürdigen Pressekonferenz fuhr DSV-Chefarzt Ernst Jakob schwere Geschütze gegen die Fis und ihren Medizinchef Saltin auf. Die Dopingkontrolleure hätten gegen die Regularien der Fis verstoßen, als sie unmittelbar nach der Blutprobe keinen Urintest anordneten. Man sei außerdem zu spät über das Ergebnis der Probe informiert worden und werde rechtliche Schritte gegen die Sperre einleiten. Und der hohe Hämoglobin-Wert Sachenbacher-Stehles?

"Der ist genetisch bedingt, das ist schon lange bekannt", erklärte Jakob. Auch Bundestrainer Jochen Behle wies auf diesen Umstand hin, zudem sei die Konzentration der roten Blutkörperchen durch ein Höhentrainingslager kurz vor Olympia noch verstärkt worden. Er warf Saltin zudem Profilierungssucht und falsche Aussagen vor.

"Einige der Bemerkungen des DSV entbehrten jeder Grundlage", sagte Saltin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Da waren sicher einige dabei, die zwei Stunden später so nicht mehr getätigt worden wären. Oder für die diejenigen einfach keine Grundlage haben." Vor allem zeigt sich der Fis-Mediziner irritiert darüber, dass die Deutschen ihm immer noch keine Erklärung für den "enorm hohen Wert" gegeben hätten.

Eine Ausnahmeregelung wird abgelehnt

Jakob bestreitet das und verweist auf medizinische Gutachten, die der Fis bereits im vergangenen Jahr zugestellt worden seien. Doch bei einem Meeting am 9. Januar, bei dem Saltin und Jakob über eine sogenannte Ausnahmegenehmigung für Sachenbacher-Stehle verhandelten, reichten diese Unterlagen nicht aus. Saltin und sein Mediziner-Kollege Rasmus Damsgaard lehnten den Antrag ab. Sie konnten keine genetisch bedingt hohe Konzentration der Sauerstofftransporter feststellen - eine Position, bei der Saltin bleibt: "Die kann ich bei Sachenbacher-Stehle nicht erkennen", so der Däne. Seit 2001 sei die Athletin "nicht in einem einzigen Test auffällig" geworden. "Auch Anfang Februar 2005 nicht." Da war Sachenbacher während des Höhentrainingslagers auf der Seiser Alm (2500 Meter) getestet worden.

Fest steht, dass zwischen der letzten negativen Untersuchung am 4. Februar und der neuerliche Blutprobe am 10. Februar Sachenbacher-Stehles Hämoglobinwert erstmals in ihrer Karriere über den Grenzwert von 16,0 stieg. Dieser wurde von der medizinischen Kommission der Fis nach den Dopingfällen bei den Olympischen Winterspielen 2002 festgelegt und dient als Hilfskonstruktion für die Tester. Ein Wert, der darüber liegt, kann also, muss aber kein Beleg für Doping sein.

Er ist aber die einzige Möglichkeit für die Fahnder, den Sport zu schützen. Gedopt wird heute nicht mehr nur mit künstlichem Erythropoeitin (Epo), sondern auch mit biologisch gewonnenem, körpereigenen. Das ist zwar extrem teuer, aber dafür nicht nachweisbar. Zudem gibt es die Methode, die eigene Leistung mit künstlich angereichertem Eigenblut zu steigern. Und eine Sportlerin, die erstmals in ihrer Karriere deutlich über der Grenze liegt, weckt da Zweifel bei den Testern. "Ich habe aber nie von einem Dopingverdacht gesprochen", betont Saltin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Auf die Schutzsperre reagierte der DSV allerdings, als sei die Athletin wegen Dopings aus dem Verkehr gezogen worden. Dabei muss sich gerade der DSV Vorhaltungen machen lassen. Dort wusste man - das bestätigten sowohl DSV-Arzt Jakob als auch sein Kollege von den Langläufern, Ulrich Schneider - schon lange von Sachenbacher-Stehles hohen Werten. Warum aber reagierte der Verband, nach eigenen Aussagen so sensibilisiert für das Thema, nicht mit eigenen, regelmäßigen Tests? Im Radsport beispielsweise ist es bereits gang und gäbe, dass die Profis kleine Zentrifugen mit sich führen, mit deren Hilfe sich der Anteil der roten Blutkörperchen schnell und sicher bestimmen lässt. Denn das Ziel jedes Leistungssportlers ist klar: So nah wie möglich an die Grenzwerte heranzukommen.

Saltin hofft

Evi Sachenbacher-Stehle ist das gelungen, mit viel, viel Wasser. Vielleicht hat sie im Höhentrainingslager vor einer Woche ja zuwenig getrunken, dann kamen der Stress, die Höhe von Pragelato und die Belastung durch das Training. Der Körper scheidet dann viel Flüssigkeit aus, der Hämoglobin-Spiegel steigt. Das könnte eine natürliche Begründung für den hohen Wert sein. Morgen läuft sie beim Teamsprint um Gold und Bengt Saltin freut sich mit ihr. Ganz nebenbei hofft er auf die Beilegung des Konfliktes mit dem DSV, "das Klima ist einfach sehr angespannt, das ist unglücklich".

Wenige Stunden später fordert Bundestrainer Jochen Behle die Abschaffung der Grenzwerte. Die Fis lehnt ab. Es scheint, das Stück ist immer noch nicht zu Ende.

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