Freunds verpasste Skisprung-Medaille "Den Frust rauslassen"

Severin Freund hat eine Medaille von der Großschanze knapp verpasst - wie schon zweimal zuvor bei einem Großereignis. Der 25-Jährige will von Verzweiflung nichts wissen. Wie Bundestrainer Werner Schuster hofft er auf den Teamwettbewerb. Zu Recht.

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Aus Krasnaja Poljana berichtet


Ob Werner Schuster sich spontan entschieden hatte oder alles so geplant war, wird man wohl nie erfahren. Sicher ist: Die Sprunganalyse mit Severin Freund nach dem Wettbewerb von der Großschanze war ungewöhnlich - sie fand schon in der Mixed Zone statt. Da standen sie zwischen den rosafarbenen Absperrgittern, Bundestrainer und Pechvogel, der eine machte Bewegungen mit der Hand, der andere schaute konzentriert. Schließlich gab Schuster Freund einen beherzten Klaps auf die Schulter.

Dass das alles sehr ausführlich, vor Fernsehkameras und wartenden Journalisten, passierte, kann Zufall sein. Doch die Vorstellung hatte auch etwas von einer Inszenierung: Seht her, das sagte die Szene, wir halten zusammen. Und: Halb so schlimm, es geht weiter.

So selbstverständlich ist das ja alles nicht, nach diesem Springen, das für Severin Freund so dramatisch geendet war. Nach dem ersten Durchgang hatte der 25-Jährige noch auf dem dritten Platz gelegen, eine Medaille war nah. Und dann sprang im zweiten Versuch der Slowene Peter Prevc doch noch an Freund vorbei, der Pole Kamil Stoch, nun Doppel-Olympiasieger, und der 41-jährige Japaner Noriaki Kasai hatten ohnehin schon vor dem Deutschen gelegen.

"Ein vierter Platz ist immer bitter, gerade bei einem Großereignis", sagte Freund, nachdem der Bundestrainer seine Kurzbesprechung beendet hatte. Völlig zu Recht nannte der DSV-Springer seinen Wettkampf und auch das Ergebnis "gut" - aber ihm war anzusehen und anzuhören, wie sehr die vergebene Chance an ihm nagte. "Schade", sagte Freund und lächelte tapfer, "ich war das kleine Bisschen zu schwach, um auf dem Podest dabei zu sein."

Doch so traurig genug der vierte Platz ist - er birgt zusätzliches Besorgnispotential. Denn er scheint ein Image zu bestätigen, das Severin Freund durch ähnlich unglückliche Ergebnisse in den vergangenen Jahren bekommen hat. Durch den vierten Platz bei der Skiflug-WM 2012 und den vierten Platz bei der WM im vergangenen Jahr. Das Image ist nicht nett, es lässt Freund wie einen Springer dastehen, dem in den entscheidenden Momenten die Nerven fehlen. Oder das Glück.

Schusters Generalkritik: "Ich kann damit nicht viel anfangen"

Werner Schuster kennt dieses Image genauso wie Severin Freund es kennt. Letzterer kann zumindest nach außen sehr gut damit umgehen, er wolle den Abend nutzen, "den Frust rauszulassen", beschrieb Freund seine Verarbeitungsstrategie. "Und morgen ist ein neuer Tag, da steht man auf, und der Blick geht nach vorn." Er habe sich ja auch nach dem schwachen Ergebnis auf der Normalschanze (Platz 31) "wieder so weit hinbekommen, dass ich fit im Kopf war".

Bundestrainer Schuster hingegen wirkte kurzzeitig leicht erzürnt, als die Sprache auf die möglicherweise fehlende Kaltschnäuzigkeit kam. "Ein bisschen respektlos" sei das, so Schuster, man sei hier schließlich im sportlichen Wettbewerb, "die anderen trainieren genauso hart und forschen auch auf allen Ebenen." Der Verweis auf die enge Konkurrenz ist richtig, und man muss am Ende auch Verständnis haben für die Generalkritik, die er folgen ließ: "Alle Medaillengewinner sind toll, alle anderen sind Deppen. Ich kann damit nicht viel anfangen."

Aber das Pathos, mit dem Schuster über Freund sprach, lässt erahnen, wie sehr er mit dem unglücklichen Verlierer leidet - und wie sehr er ihn braucht. "Jedem ist im Leben eine andere Rolle zugedacht, im Moment wird Severin zum dritten Mal auf die Probe gestellt mit seinem vierten Platz", sagte Schuster. Und: "Wir müssen jetzt versuchen umzuschalten. Wir brauchen Severin, wir brauchen uns alle, wir müssen zusammenstehen und versuchen, die Chance zu nutzen."

Die Chance - das ist das Mannschaftsspringen am Montag (18.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), das schon vor diesen Olympischen Spielen als einzige realistische Medaillenchance galt. Hoffnung macht nicht nur Freund, sondern auch der bravouröse Wettbewerb des erst 23-Jährigen Marinus Kraus, der mit einem Sprung auf 140 Meter im zweiten Durchgang noch von Platz 24 auf Platz sechs vorsprang. "Freund und Kraus werden auf jeden Fall springen", kündigte Schuster an.

"Im Teamwettbewerb wollen wir nach oben, und da können wir nach oben", sagte Severin Freund. Seine persönlichen Erfahrungen in diesem Wettbewerb sind sogar ausgesprochen ermutigend. Nach den Enttäuschungen bei der Skiflug-WM 2012 und der WM 2013 gewann die deutsche Mannschaft jeweils Silber.



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