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Gedopte Sachenbacher-Stehle Verunreinigt, nicht sauber

Ein Sport unter Generalverdacht: Das deutsche Biathlon fürchtet sich vor den Folgen des Dopingschocks um Evi Sachenbacher-Stehle. Umso wichtiger ist es, zu betonen, dass die überführte Biathletin ein Einzelfall ist. Und ein selten dämlicher dazu.

"Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft München und das Landeskriminalamt haben gestern den Stützpunkt Ruhpolding und auch den Wohnort durchsucht und zumindest im Stützpunkt, von dem wir Kenntnis haben, nichts Verdächtiges gefunden." Was sich liest wie der Einsatzbericht in einem Verbrechen, ist das Transkript eines Berichts über den Stand im Fall einer deutschen Sportlerin.

Gesagt hat die Worte an diesem Morgen Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbunds DOSB, aber es ist nicht ausgeschlossen in diesem Moment, dass der Dachverband den Fall der Evi Sachenbacher-Stehle als ähnlich schlimm empfindet. Man kann den erst zweiten deutschen Dopingfall in der Geschichte Olympischer Winterspiele ja auch als Angriff sehen - auf das Image, das seit Jahrzehnten so weiß war wie die Kleidung der Athleten hier in Sotschi.

Jetzt regiert zumindest bei den Biathleten die Angst, dass sich das ändern könnte. Frauencoach Gerald Hönig berichtete zwar von Trainern der Konkurrenz, die ihm nach der Dopingnachricht auf die Schulter geklopft hätten, Hönig interpretierte die Gesten als verständnisvoll. "Aber was weiß ich, was in den Köpfen vorgeht", sagte er auch. Die Angst vor dem Generalverdacht hat auch Uwe Müssiggang gepackt, nach dem desaströsen Staffelrennen sprach er tonlos von der Befürchtung, Sachenbacher-Stehle könne die ganze Sportart in Verruf gebracht haben. "Alle werden jetzt natürlich sagen, die Deutschen", sagte der Chefbundestrainer.

Naives Verhalten einer Athletin

"Die Deutschen", das war bis gefühlt eben gerade im Biathlon noch ein respektvoller Stoßseufzer der Konkurrenz, wenn irgendein DSV-Athlet mal wieder eine Medaille abgeräumt hatte, acht goldene gab es allein unter Müssiggang bei Olympischen Spielen. Biathlon war immer ein sehr deutsches Wort und die Namen Luck, Fischer, Greis, Disl, Wilhelm, Neuner, Henkel waren Synonyme für Erfolg. Mutmaßlich sauberen. Der Sport ist hierzulande deshalb immer noch ein boomendes Fernsehprodukt, ARD und ZDF gehen fast zärtlich mit den Protagonisten um, auch hier, in Krasnaja Poljana.

Unwillkürlich muss man kurz an die Neunziger denken. Und den Radsport. Nein, Stopp!

Der Fall Sachenbacher-Stehle steht wohl nicht für einen verseuchten deutschen Biathlonsport, er ist, soviel darf man hoffen, ein Einzelfall. Es ist der Fall einer Athletin, die 33 Jahre alt ist, seit 15 Jahren im Höchstleistungssport dabei - und die sich wie ein naives, kleines Mädchen verhalten hat. Weil sie offenbar seit Jahren, wie es DOSB-Generaldirektor Michael Vesper in der Nacht andeutete, Nahrungsergänzungsmittel benutzte, die nicht auf der sogenannten "Kölner Liste"  stehen und auch nicht vom Deutschen Skiverband freigegeben waren. Und von denen doch jeder Sportler weiß, wie gefährlich sie sind.

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Evi Sachenbacher-Stehle: Zwischen Tränen und Triumphen

Foto: Arne Dedert/ dpa

Sachenbacher-Stehle, so schilderte es DOSB-General Vesper am Samstagmorgen, seien die Nahrungsergänzungsmittel nach eigener Aussage "von ihrem Mentalcoach empfohlen" worden. "Dieser Coach ist nicht Mitglied des deutschen Teams, er war auch nicht in Sotschi. Ich kenne den Mann überhaupt nicht", betonte Vesper. Bekannt sind hingegen die möglichen Folgen der Präparate. "Unsere Athleten werden aufgeklärt, dass sie entsprechende Nahrungsergänzungsmittel nur dann zu sich nehmen, wenn unsere Mannschaftsärzte sie freigegeben haben, das wird ständig wiederholt", heißt es beim DSV. So auch vor diesen Spielen.

"Immens große Gefahr bei Nahrungsergänzungsmitteln"

Auch die DOSB-Spitze hat das auf ihrer Bilanzpressekonferenz am Samstag, die zu einer PK in Sachen Sachenbacher wurde, noch mal betont. "Wir haben immer vor Nahrungsergänzungsmitteln gewarnt: Es gab schließlich Präzedenzfälle aus dem Ausland, jeder Athlet wusste Bescheid", sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann. "Wir bereiten unsere Ärzte intensiv auf solche Olympischen Spiele vor. Bei all den Treffen waren Nahrungsergänzungsmittel immer wieder ein großes Thema", berichtete Leistungssportdirektor Bernhard Schwank. Und auch Athletensprecher Christian Breuer wies auf die "immens große Gefahr" der Verunreinigung hin.

Warum Sachenbacher-Stehle trotzdem zu den Mitteln, angeblich fünf bis sieben, griff, bleibt unklar. Ob falsche Ernährung in der Olympiavorbereitung oder schwache Leistungen vor zwei Jahren der Grund waren, kann nur die Athletin selbst aufklären. Verboten sind die Präparate ausdrücklich nicht, wie auch Vesper am Samstag klarstellte, aber neben den erheblichen Gefahren der Verunreinigung bestehe auch eine andere: "Sie können eine gewisse Dopingmentalität fördern, weil sie suggerieren, dass man damit die Leistung steigern kann."

Evi Sachenbacher-Stehle ("werde alles daransetzen, diese Sache lückenlos aufzuklären") hat auch moralische Unterstützung bekommen nach Bekanntwerden ihrer positiven Proben. "Wie ich die Evi kenne, kann ich mir unmöglich vorstellen, dass sie vorsätzlich was gemacht hat", sagte Höfl-Riesch. Das sei "riesengroßes Pech". Vesper glaubt ihr ebenfalls, "dass sie nicht dopen wollte".

Auch der Mainzer Anti-Doping-Experte Perikles Simon hält im Interview bei Sky ein "wissentliches Doping für nahezu ausgeschlossen". Es gibt aber ebenso Experten, die die Version Sachenbacher-Stehles und des DOSB anzweifeln: "Es kann Dummheit von ihr gewesen sein. Aber der, der einen Vorsatz ausschließt, ist mindestens genauso dumm", sagte der Molekularbiologe Werner Franke: "Das betreffende Mittel hat ganz klar eine leistungssteigernde Wirkung, gerade für Biathleten, da es vor allem beim Schießen Vorteile bringt."

Ob wissentlich oder nicht: Doping bleibt Doping. Und wissentliche Leichtsinnigkeit bedeutet auch eigene Schuld.

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