Nachruf auf Ski-Olympiasiegerin Heidi Biebl Die Königin aus dem Allgäu

Mit 19 Jahren fuhr sie zu Abfahrtsgold in Squaw Valley und wurde der Darling der westdeutschen Medien. Aber die Karriere der Heidi Biebl, die jetzt mit 80 Jahren gestorben ist, währte nur ein paar Jahre.
Skistar Heidi Biebl beim Riesentorlauf in Grindelwald (1960): Und dann hieß sie auch noch Heidi

Skistar Heidi Biebl beim Riesentorlauf in Grindelwald (1960): Und dann hieß sie auch noch Heidi

Foto: Horstmüller / IMAGO

Die Olympischen Winterspiele von Squaw Valley im Jahr 1960 erscheinen heute wie aus einer anderen Welt. Livebilder aus Übersee gab es in Europa so gut wie nicht, das österreichische Fernsehen strahlte die Bilder vom Abfahrtslauf der Frauen erst einen Tag später aus. So bekam das Publikum im Ski-Land Österreich erst mit Verzögerung mit, dass in dieser Paradedisziplin keine seiner Läuferinnen triumphiert hatte, sondern Heidi Biebl aus Oberstaufen im Allgäu.

Das Abfahrtsrennen von der KT22 an jenem 20. Februar 1960 war eine auch für die damaligen Verhältnisse tückische Strecke, mit Bodenwellen, die mehreren Favoritinnen zum Verhängnis wurden. Reihenweise gab es Stürze, aber Heidi Biebl, drei Tage nach ihrem 19. Geburtstag, kam ungeschoren durch die schwierigsten Passagen.

Der Trainer hatte ihr eingebläut, möglichst im oberen Streckenteil alles zu geben, also fuhr sie von Anfang an mit vollem Risiko, »sie stürzte sich auf die Piste wie ein heißhungriger Wolf auf ein Lamm«, zitierte der SPIEGEL damals einen DDR-Reporter. So raste sie mit Bestzeit vor der US-Amerikanerin Penny Pitou ins Ziel – doch statt dort zu jubeln, schimpfte sie anschließend und ließ ihrer Unzufriedenheit über das eigene Rennen in reinstem Bayerisch freien Lauf: »I könnt' heulen vor Zorn, heut' hob' i olles falsch g'macht.«

Vorgängerin von Rosi Mittermaier

So viel falsch kann sie nicht gemacht haben, mit 19 Jahren war sie schon auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen: Olympiasiegerin in der Abfahrt, Königin in der Königsdisziplin, keine Abfahrts-Goldmedaillengewinnerin vor ihr war jünger. Nachfolgerin von Christl Cranz, der Siegerin von 1936, Vorgängerin von Rosi Mittermaier 1976. Und dann hieß sie auch noch Heidi. Mehr konnte man sich nicht malen für eine Alpin-Saga.

Auch wenn mit Eisschnellläuferin Helga Haase, Kombinierer Georg Thoma und Skispringer Helmut Recknagel noch drei weitere Mitglieder aus der gesamtdeutschen Mannschaft Gold holten – Heidi Biebl war Deutschlands Star der Spiele. Der SPIEGEL widmete ihr eine 30.000-Zeichen-Titelgeschichte, das wurde bis heute nicht vielen Sportlerinnen und Sportlern zuteil.

Hart hatte sie sich diesen Triumph erarbeitet, in den Schoß gefallen war ihr schon als Jugendliche wenig. Aufgewachsen bei ihrer Mutter, ihr Vater war im Weltkrieg an der Ostfront gestorben, sie hatte ihn nie kennengelernt. Ihre Mutter wurde ihre Skilehrerin. Aufs Abitur verzichtete sie, machte stattdessen eine Lehre in einer Skifabrik. Heidi Biebl setzte voll auf den Sport als Möglichkeit, nach oben zu kommen. Mit 19 war sie ganz oben.

»Ich wusste gar nicht, was da abläuft«

Dabei hatte sie vor dem Rennen bestenfalls zum erweiterten Favoritinnenkreis gezählt, entsprechend überwältigt war sie danach. Die Hymne, damals aus sportpolitischen Gründen die Beethoven-Ode an die Freude, hörte sie auf dem Siegerpodest zum ersten Mal in ihrem Leben. »Ich wusste gar nicht, was da abläuft.«

Zurück in Deutschland war der Rummel gewaltig, sie war der Darling der Medien, auch dies überforderte sie. Während andere wie Österreichs Superstar Toni Sailer den Ruhm bereits damals perfekt vermarkteten, wurde ihr lediglich eine Armbanduhr von ihrer Skifirma angeboten – und die lehnte sie auch noch ab: »Ich hatte ja schon eine.« Immerhin der Führerschein wurde ihr dann finanziert.

Heidi Biebl (l.) 1972 bei einem Prominenten-Skirennen

Heidi Biebl (l.) 1972 bei einem Prominenten-Skirennen

Foto: WEREK / IMAGO

Sportlich erfolgreich war sie auch danach. Bei den damals renommierten sogenannten SDS-Rennen – die Abkürzung stand für Schweizer Damen-Skiclub und noch nicht für Sozialistischer Deutscher Studentenbund –, Vorläufer des späteren Weltcups, siegte sie mehrfach zwischen 1961 und 1965, sie häufte 15 deutsche Meistertitel an. Aber ein so großer Erfolg wie 1960 in Squaw Valley gelang ihr nie mehr.

Für die WM nicht mehr nominiert

Bei den Spielen 1964 in Innsbruck fuhr sie mit zwei vierten Plätzen in Abfahrt und Slalom knapp am Podest vorbei, und schon zwei Jahre später war ihre Karriere beendet. Zur Weltmeisterschaft 1966 im chilenischen Portillo wurde sie vom DSV nicht mal mehr nominiert.

Biebl, streitbar, nicht immer pflegeleicht, hatte sich im Vorfeld mit ein paar Funktionären angelegt, die zahlten es ihr heim, indem sie Biebl nicht zur WM mitnahmen, angeblich habe sie »nicht den erforderlichen Leistungsstandard erreicht«.

»Ich bin damals gegangen worden, ich war den Herren einfach zu undiplomatisch«, sagte sie später. Biebl war so angefasst, dass sie ihre Laufbahn daraufhin kurzerhand mit 25 beendete, sich künftig ihrem Beruf als Skilehrerin widmete und Kindern und Jugendlichen die Schwünge beibrachte.

Mit 80 Jahren ist Heidi Biebl am Freitag gestorben, wie am heutigen Montag bekannt wurde. Dem Allgäu ist sie bis zuletzt treu geblieben: Ihre Goldmedaille aus dem fernen Squaw Valley liegt im Heimatmuseum Oberstaufen.

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