Ingo Steuers Comeback Gnade für den Goldmacher

Plötzlich ist die Stasi-Vergangenheit kein Thema mehr. Vor vier Jahren verweigerte der deutsche Sport Ingo Steuer die Reise zu Olympia, in Vancouver ist der belastete Eiskunstlauftrainer wieder dabei - sein Paar gilt als Goldfavorit. Ist die Reue des einstigen "IM Torsten" echt?
Fotostrecke

Zwischen Stasi und Goldmedaille: Ingo Steuer bleibt umstritten

Foto: Valda Kalnina/ dpa

Ingo Steuer hat ein Buch geschrieben. Es heißt "Eiszeiten", und darin kündigt er den Lesern an, "euch die ganze Geschichte zu erzählen: Wie es in der DDR war, (...) was danach passierte und bis heute passiert".

Das Werk des so erfolgreichen wie umstrittenen Eiskunstlauftrainers wird allerdings erst nach den Olympischen Spielen auf den Markt kommen. Vor Vancouver will Steuer wohl kein Aufsehen mehr um seine Person provozieren.

Der 43-Jährige, der kurz vor den Spielen 2006 in Turin als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi enttarnt wurde und sich daraufhin sein Recht, zu Olympia zu fahren, erst gegen den Willen des Nationalen Olympischen Komitees per gerichtlicher Verfügung erstreiten musste, ist vier Jahre später still und leise ein ganz normales Mitglied des deutschen Olympiakaders geworden.

Als der Deutsche Olympische Sportbund DOSB in der letzten Januarwoche seinen definitiven Vancouver-Kader benannte, wurde die Personalie Steuer bekannt - aber kaum beachtet. Denn alle Augen der Öffentlichkeit richteten sich unterdessen auf einen anderen Problemfall im deutschen Wintersport, die dopinggesperrte Claudia Pechstein.

Steuer dagegen ist für den DOSB kein Problemfall mehr: "Er hat alle Kriterien erfüllt und ist ein vollwertiges Mitglied unserer Mannschaft. Er hat sich mittlerweile zu seiner damaligen Tätigkeit bekannt", sagte DOSB-Chef Thomas Bach. Bach beruft sich auf eine entsprechende Empfehlung einer Kommission unter Vorsitz des früheren Stasi-Beauftragten des Bundes, Joachim Gauck.

Damit, dass Steuer das von ihm trainierte Eislaufpaar Robin Szolkowy und Aljona Savchenko mittlerweile zum Goldfavoriten Nummer eins geformt hat, habe dieser Beschluss gar nichts zu tun, sagen die Verantwortlichen. Das sei böswillige Unterstellung. Vielmehr habe der Chemnitzer seine Verfehlungen als "IM Torsten" aus den achtziger Jahren glaubhaft bedauert.

Die Rede ist von einer "Diffamierungskampagne"

In der Pressemitteilung von Steuers Buchverlag "Weltbuch" liest sich das noch ein wenig anders. Von Reue ist da zwar auch die Rede, aber auch von einer "beispiellosen Diffamierungskampagne", die von "neuen Funktionären im wiedervereinigten Deutschland und von erfolglosen Trainerkollegen" gegen Steuer losgetreten worden sei. In dem Pressetext versteigt man sich zu der Frage: "Sollte uns dieses Verhalten von Politikern und Funktionären gerade vor dem Hintergrund der Tragödie um Robert Enke nicht zu denken geben?"

DOSB und die Deutsche Eislauf-Union DEU ziehen mit der Nominierung Steuers einen Schlussstrich unter eine Auseinandersetzung, die sich seit 2006 hingezogen hat. Mit der DEU liegt Steuer juristisch im Clinch, nachdem ihm jegliche öffentliche Finanzierung aufgrund seiner Tätigkeit für die Staatssicherheit entzogen worden war. Steuer wurde nach den Enthüllungen von 2006 als offizieller DEU-Trainer entlassen, bei der Bundeswehr musste er ebenfalls gehen, weil er vor der Einstellung Stasi-Kontakte verneint hatte.

Seitdem finanziert sich das System Steuer über Sponsoren und die Werbe- und Preisgeldeinnahmen, die seine Schützlinge - er betreut auch noch ein Paar aus der Schweiz und eines aus der Ukraine - auf dem Eis erlaufen. Den Trainer selbst scheinen all die Widerstände eher anzustacheln, wenn man sich die Erfolge seines Vorzeigepaares Szolkowy/Savchenko seit Turin anschaut: Europameister 2007 in Warschau, Europameister 2008 in Zagreb, Weltmeister 2008 in Göteborg, Weltmeister 2009 in Los Angeles, Europameister 2009 in Helsinki. Von den Erfolgen her ein Traumpaar wie zuletzt Kilius/Bäumler in den sechziger Jahren, aber nie haben sie in der Öffentlichkeit nur annähernd ähnlichen Glamour verbreiten können. Immer war da dieser Schatten der hässlichen Geschichte ihres Trainers.

Auch Katarina Witt wurde ausgehorcht

1984 unterschrieb Steuer als 18-Jähriger eine Verpflichtungserklärung gegenüber dem Ministerium für Staatssicherheit. Seitdem hatte er Auge und Ohr offen für das, was seine Kollegen in der Chemnitzer Eishalle so taten und sprachen. Mindestens 84 Berichte des IM Torsten bis 1989 hat die Birthler-Behörde ausgegraben. Zu denen, die damals ausgehorcht und bespitzelt wurden, gehörte auch das "schönste Gesicht des Sozialismus", Eisprinzessin Katarina Witt.

Steuer sagt, er habe "niemandem wissentlich schaden wollen oder geschadet", wie er es auf der Website seines Buchverlages bekräftigt. Dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) hat er mal gesagt: "Das ist ein anderes Leben gewesen, ein anderer Staat, die Sache ist vorbei."

Eine Einstellung, der sich die Verbände mittlerweile anschließen.

"Es war erwartbar, dass Steuer nominiert wird", sagt die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag (SPD), SPIEGEL ONLINE. Man stecke in einem Dilemma "zwischen notwendiger Rehabilitation, die wir anderen auch zugestehen, und der Frage: Ist der Sport nicht ein Bereich, in dem auch Werte verkörpert werden? Gehören Leute, denen Stasi-Verfehlungen nachgewiesen wurden, in den Sport hinein?"

Knabe von Nominierung "sehr irritiert"

Der Leiter der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, in seiner Zunft ähnlich eifernd wie Steuer an der Bande, hat diese Frage längst für sich beantwortet. Die Nominierung des Trainers sieht er als "Zeichen für einen schleichenden Prozess der Rehabilitierung" von Stasi-Leuten, sagt er SPIEGEL ONLINE. Er habe den Eindruck, dass der DOSB "beide Augen zudrückt, wenn eine Medaille winkt". Ein Vorwurf, den er direkt an DOSB-Chef Bach richtet. Der Verband setze "das Image Deutschlands für kurzfristige Erfolge aufs Spiel", sagt Knabe. Bei Steuer selbst habe er "in keiner Phase kritische Selbstreflexion erkennen" können. Von daher habe ihn die Nominierung "schon sehr irritiert".

Die Leser des "Neuen Deutschland" sehen das ein bisschen anders. In dem früheren SED-Zentralorgan wurde Steuer mit gewaltigem Abstand zum "Trainer des Jahres 2009" gewählt. Felix Magath, der Meistermacher des VfL Wolfsburg, landete unter ferner liefen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.