Jens Weißflog "Ich wusste nicht mehr, wie Skispringen geht"

Jens Weißflog ist Deutschlands erfolgreichster Skispringer, er hat alle wichtigen Medaillen gewonnen. Im Interview spricht er über seinen Sport im Kalten Krieg, Systemwechsel auf Ski und die Chancen seiner Nachfolger am Abend auf der Großschanze.

Ein Interview von


Zur Person
  • DPA
    Jens Weißflog, Jahrgang 1964, ist Deutschlands erfolgreichster Ski-Springer. In seiner Karriere gewann er drei olympische Goldmedaillen. Er ist einer von nur vier Ski-Springern, die alle wichtigen Wettbewerbe (Olympia, Weltmeisterschaft, Gesamtweltcup und Vierschanzentournee) gewinnen konnten. Heute betreibt Jens Weißflog ein Hotel und lebt im Erzgebirge.

SPIEGEL ONLINE: Herr Weißflog, sind Sie ein Fluch für das deutsche Skispringen?

Weißflog: Ich wüsste nicht, warum?

SPIEGEL ONLINE: Sie und später Martin Schmitt und Sven Hannawald haben mit Ihren Erfolgen die Messlatte für die aktuellen deutschen Springer so hoch gelegt, dass die eigentlich nur scheitern können.

Weißflog: Das ist Quatsch. Die Erwartungshaltung vor diesen Spielen wurde genährt durch die guten Saisonergebnisse. Unsere Athleten sind nicht als irgendwer hergefahren. Und wenn man Medaillenchancen hat, sollte man auch dazu stehen.

SPIEGEL ONLINE: Carina Vogt ist überraschend Olympiasiegerin geworden, im Männerskispringen erwartet man am Abend von der Großschanze nichts. Tut Ihnen das nicht weh?

Weißflog: Ich finde das nicht schlimm. Auf der Normalschanze standen die ersten drei des Weltcups auf dem Podium, darunter ist eben aktuell kein Deutscher. Ob vielleicht der eine oder andere dem psychischen Druck nicht gewachsen ist, darüber muss nach der Saison gesprochen werden.

SPIEGEL ONLINE: Wen meinen Sie?

Weißflog: Warum soll ich jetzt Öl ins Feuer gießen? Wir haben die Möglichkeit, in den nächsten beiden Wettkämpfen eine Medaille zu gewinnen. Andreas Wellinger war Sechster auf der Normalschanze, das war für einen 18-Jährigen ein super Ergebnis.

SPIEGEL ONLINE: Springt es sich ohne Druck nicht befreiter?

Weißflog: Als deutscher Skispringer steht man immer unter Druck. Ich kann mich gut an meine ersten Olympischen Spiele 1984 in Sarajevo erinnern. Zu denen wäre ich vor lauter Frust beinahe gar nicht gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie.

Weißflog: Ich war amtierender Vierschanzentournee-Sieger, aber kurz vor dem Abflug bei der DDR-Meisterschaft in Oberhof hatte ich ein Tief. Während die anderen 120 Meter sprangen, wusste ich nicht mehr, wie Skispringen geht. Ich habe unten im Zielbereich die Ski auf den Boden geschmissen und gedacht, ich fahr nicht mit. Das Schlimmste war: Ich wusste nicht, was war.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie eine Lösung gefunden?

Weißflog: Mein Trainer hat sehr schnell reagiert, wir sind auf die Jugendschanze in Oberhof gegangen, und er hat beim ersten Sprung gemerkt, was der Fehler war. Eine falsche Gewichtsverlagerung beim Absprung. Innerhalb von drei Trainingseinheiten war ich wieder der Alte.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielte dabei der Druck?

Weißflog: Ich will das mit dem Trubel um Hannawald und Schmitt vergleichen. Ich war ja gerade 19, es war der totale Hype. Überall, wo ich auftrat, waren Menschenmassen. Es gab damals ja noch keine Sicherheitszonen oder Security, man lief als Springer durch die Menschenmenge. Das war anstrengend. Ein Schlüsselerlebnis war dann die Thüringen-Tournee in Lauscha.

SPIEGEL ONLINE: Was passierte da?

Weißflog: Wir sind mit Rucksack und Ski an die Schanze gelaufen und haben uns im Schnee umgezogen, die Menschen immer dabei. Selbst die Vorbereitung auf den Sprung, die Gymnastik, war kaum möglich, die Kinder sind mir hinterhergerannt in den Wald. Kurz vor Olympia hat sich das sicher sportlich auch ausgewirkt. Ich wollte nicht in der Öffentlichkeit stehen, ich wollte nur gut springen

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem haben Sie in Sarajevo Gold gewonnen. Für die DDR, im Parallelstil. Zehn Jahr später holten Sie Gold für die Bundesrepublik, im V-Stil. Welcher Systemwechsel war schwieriger - der politische oder der sportliche?

Weißflog: Den politischen Systemwechsel konnte ich nicht so beeinflussen. Die Wende haben viele mutige Menschen herbeigeführt, ich zählte nicht dazu. Die Wende beim Flugstil dauerte länger.

SPIEGEL ONLINE: Der Schwede Jan Boklöv fing 1987 mit dem V-Stil im Weltcup an. Haben die Top-Springer den ernst genommen?

Weißflog: 1987 noch nicht. Als er in den Weltcup kam, galt Boklöv ja als zweiter Eddie the Eagle, als "Froschstilspringer", und ganz ehrlich: Er war ja auch nicht gut. Aber er hat sich zum Weltklassespringer entwickelt und 1989 den Gesamtweltcup gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Trotz der dramatischen Punktabzüge, die es damals für die V-Technik noch gab.

Weißflog: Richtig. Aber: Gleichzeitig gab es bis 1991 keinen V-Springer, der bei der WM oder der Vierschanzentournee jemals auf dem Podest stand! Beide WM-Entscheidungen gingen an Parallelspringer, ich selbst habe zwei Medaillen gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: War das der Grund, warum Sie am Parallelstil festgehalten haben?

Weißflog: Ja. Warum sollte ich als Tourneegewinner von 1991 und zweifacher WM-Medaillengewinner auch umstellen?

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie doch geahnt haben müssen, dass es unausweichlich sein würde.

Weißflog: Man denkt als Skispringer von Jahr zu Jahr. Und ich dachte nicht, dass sich das Blatt in nur sieben Monaten zwischen Saisonende 1991 und Beginn 1992 so dramatisch wenden würde. Als Parallelspringer hatte man keine Chance mehr. Keine. Es gewannen nur noch V-Springer.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange hat die Umstellung bei Ihnen gedauert?

Weißflog: Meine ersten Sprünge habe ich vier Wochen vor der Vierschanzentournee 1991/92 gemacht, und ich musste mich ja auch für Olympia qualifizieren. Beim Springen in Garmisch-Partenkirchen merkte ich, das wird nix mit dem Parallelstil, also: Umstellung einen Monat vor den Spielen. Es war zum Verzweifeln.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Weißflog: Es wurde nur ein halbes V. Der linke Ski blieb parallel, ich konnte ihn einfach nicht nach links bringen. Wir haben das dann auf nach Olympia verschoben. Leider ging es in der Vorbereitung dann genauso weiter, obwohl ich zwischenzeitlich überzeugt war, mein V wäre schon ganz ordentlich.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mal gedacht, das schaffe ich nie?

Weißflog: Ja, das habe ich. Ich wusste ja eigentlich, wie es ging: wegspringen, Füße auseinander, fertig. Aber wenn man Tag für Tag das gleiche Ergebnis sieht, dann kommen die Zweifel. Es gab auch Streit mit dem Trainer. Er sagte, du machst nur ein halbes V, ich sagte, ich mache soooo ein V! Es war Zufall, dass wir den Fehler bei einer Videoanalyse fanden. Ich ging beim Absprung mit der linken Schulter nach vorn. Bis zum ersten Sieg vergingen aber noch anderthalb Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Ist Skispringen heute noch der derselbe Sport wie damals?

Weißflog: Tja. Es gab ja viele Versuche in den vergangenen 15 Jahren, das Gegenteil zu behaupten.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Weißflog: Erinnern Sie sich noch an den Skisprung-Hype, der durch den TV-Einstieg von RTL ausgelöst wurde? Damals hieß es über Dieter Thoma und mich, Skispringen früher sei ja wie "Leibesübungen im Winter" gewesen. Schon klar, wir standen im Wald und haben Armkreisen gemacht. Das hat mich geärgert, weil so getan wurde, als wäre der Sport gerade neu erfunden worden.

SPIEGEL ONLINE: Und? War er nicht?

Weißflog: Unser Aufwand war sicher nicht geringer. Das Umfeld hatte sich entscheidend verändert. Ich habe mich aber gefragt: Ist der Druck der Medien schlimmer als der von Manfred Ewald…

SPIEGEL ONLINE: …dem gefürchteten Kopf des DDR-Leistungssports.

Weißflog: Die Antwort war: nein. Früher hat uns Ewald einen Kopf kürzer gemacht, später wurde das Urteil im Fernsehen gesprochen oder stand am nächsten Tag in der Zeitung.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ewald angesprochen. Der Skizirkus bestand damals auch aus Ost und West. Wie sah das Miteinander aus?

Weißflog: Es war Kalter Krieg. Kontakt zwischen DDR- und BRD-Springern war nicht gern gesehen. Wir konnten mit Norwegern und Finnen abends ein Bier trinken gehen. Aber sobald es Richtung BRD ging oder noch schlimmer: USA, da war der Ofen aus.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Weißflog: Ein Beispiel: Wir flogen von den Vorolympischen Spielen in Calgary zurück nach London, und dort blieben nur die beiden deutschen Mannschaften übrig. Natürlich haben wir uns unterhalten, über Frauen und das Wetter, aber nicht über trainingsmethodische Geheimnisse. Trotzdem gab es Ärger. Zu Hause wurden wir gefragt, ob wir es denn nötig hätten, uns "mit denen" zu unterhalten.

SPIEGEL ONLINE: Gab es denn keine trainingsmethodischen Geheimnisse?

Weißflog: Skispringer müssen Kraft und Koordination trainieren. Ich glaube nicht, dass Finnen oder Österreicher plötzlich Ausdauer übten. Um viele Dinge wurde ein großes Geheimnis gemacht, aber ohne Grund.

SPIEGEL ONLINE: Es war Teil der psychologischen Kriegsführung.

Weißflog: Ich erinnere mich an die Österreicher, die irgendwann einen Teambus mit sechs Fernsehern hatten. Es war helle Aufregung bei uns, boah, was für ein Truck! Mit sechs Fernsehern! Aber die Wahrheit war: Man konnte auf allen sechs Bildschirmen immer nur einen Sprung sehen.

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Seite 1
marecs 15.02.2014
1. Jens,
auch wenn Sachse, ein super Typ. Ich mochte immer diese unkompliziertheit an ihm!
flateric 15.02.2014
2. Aha.
Zitat von marecsauch wenn Sachse, ein super Typ. Ich mochte immer diese unkompliziertheit an ihm!
"Auch wenn Sachse..."? Schön dass es noch Menschen in Deutschland gibt für die es immernoch eine Rolle spielt, aus welchem Bundesland ein Sportler stammt. Wäre ihn ein Bayer lieber gewesen? Oder ein Hesse? Vielleicht könnten Sie ja eine Rangliste erstellen.
menschmaschine 15.02.2014
3. Nu obohr!
Zitat von marecsauch wenn Sachse, ein super Typ. Ich mochte immer diese unkompliziertheit an ihm!
was heest'n hior "och wenn Saggse?". Haste irschend een Brobleem midde Saggs'n? Nu los, raus middor Schbroche!
ohnesorg 15.02.2014
4. Naja
Für mich war er immer zu Linientreu! Das machte ihn nicht unbedingt so beliebt !!
Belle 15.02.2014
5. Meine Rangliste
Also die wäre dann so: 1. Kurpfälzer (bin ich selbst) 2. Hesse (die sind auch ganz cool, manchmal) geteilter 3. Platz geht an Rheinländer und Bayern Ich hoffe der Rest bekommt jetzt keine Komplexe. Mancheiner scheint sie ja zu haben...
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