Doping-Skilangläufer Dürr "Es ist kein gutes Gefühl, als Verräter dargestellt zu werden"

Johannes Dürr gehörte zur Weltspitze im Skilanglauf, dann flog er als Dopingsünder auf. Seit er öffentlich über sein Doping spricht, wird er von vielen in der Szene angefeindet.

Johannes Dürr bei den Olympischen Spielen in Sotschi (2014)
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Johannes Dürr bei den Olympischen Spielen in Sotschi (2014)

Ein Interview von Thilo Neumann


Johannes Dürr war bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi des Epo-Dopings überführt und später für zwei Jahre gesperrt worden. Derzeit trainiert der österreichische Skilangläufer für ein Comeback, um bei der Heim-WM in Seefeld starten zu können.

Mitte Januar hatte der 31-Jährige in der ARD-Reportage "Die Gier nach Gold - Der Weg in die Dopingfalle" über seinen Dopingbetrug gesprochen und als erster Wintersportler überhaupt Blutdoping in Deutschland eingeräumt. Zudem erschien das Buch "Der Weg zurück", in dem Dürr zusammen mit dem Schriftsteller Martin Prinz über den Kampf um eine zweite Chance im Leistungssport schreibt.

Zur Person
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    Johannes Dürr, 31, gehörte jahrelang zu den erfolgreichsten österreichischen Langläufern. Beim Skiathlon bei den Olympischen Winterspielen von Sotschi lief er als Achter unter die Top Ten. Direkt im Anschluss an die Winterspiele wurde ihm in einer Dopingprobe Epo nachgewiesen. Im Januar dieses Jahres machte er seinen Dopinggebrauch öffentlich.

SPIEGEL ONLINE: Seit rund zwei Wochen stehen Sie im Fokus, erhalten Lob für Ihre Aussagen, aber auch viel Kritik. Bereuen Sie es, den Schritt an die Öffentlichkeit gemacht zu haben?

Johannes Dürr: Ehrlich gesagt, das fragen Sie mich zum falschen Zeitpunkt. Tatsächlich geht es mir gerade nicht gut, die Situation überfordert mich.

SPIEGEL ONLINE: Wie nehmen Sie die Reaktionen wahr?

Dürr: Sie sind sehr unterschiedlich: Aus der Bevölkerung kommt positives Feedback, das mich darin bestärkt, das Richtige getan zu haben. Innerhalb der Leistungssport-Blase erfahre ich hingegen Anfeindungen, die mir sehr zu schaffen machen. Es ist kein gutes Gefühl, als Verräter dargestellt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Die ehemalige Biathlon-Olympiasiegerin Magdalena Neuner betonte, dass es sich um die Geschichte eines Einzelnen handele. Die deutschen Langläufer Jonas Dobler und Lucas Bögl warfen Ihnen vor, Sie würden mit Ihren Aussagen alle unter Generalverdacht stellen.

Dürr: Ich finde solche Äußerungen traurig und heuchlerisch. Das ist die altbekannte Masche: Es wird auf ein einzelnes schwarzes Schaf gezeigt und so getan, als sei das Problem aus der Welt geschafft, wenn man den Einzeltäter entfernt. Aber die Realität sieht anders aus. Und das wissen auch die deutschen Herren Langläufer und Frau Neuner, sofern sie ein bisschen Zeitung gelesen oder ihre Konkurrenten angeschaut haben. Als wäre ich der erste Dopingfall! Ich sage nicht, dass alle dopen, aber das Problem ist systemimmanent.

Dürr beim 15-Kilometer-Skiathlon in Sotschi 2014
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Dürr beim 15-Kilometer-Skiathlon in Sotschi 2014

SPIEGEL ONLINE: Auch die Zahlen sprechen gegen die Einzeltäter-Theorie: Bei Doping-Nachtests von Olympischen Spielen wurden in den letzten Jahren Dutzende Sportler nachträglich überführt.

Dürr: Es geht mir nicht darum, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Das Problem besteht in dem System als solchem, in dem ich zum Täter geworden bin und das leider auch darüber hinaus sehr viele Täter generiert. Ich wünschte mir, dass man damit offener umgehen würde, auch wenn mir klar ist, dass sich der Sport aus Vermarktungssicht dann schlechter verkaufen ließe. Aber das System krankt an so vielen Ecken. Ein Teil davon ist die Wada…...

SPIEGEL ONLINE: …...die Welt-Anti-Doping-Agentur. Kritiker meinen, sie müsse neu aufgesetzt werden, da zu wenig Entscheidungsträger innerhalb der Wada unabhängig vom Sport seien.

Dürr: Diese Abhängigkeiten voneinander, totaler Schwachsinn! Die Verbände sind abhängig von der Wada und umgekehrt. Und was ist das Interesse? Dass es so wenig positive Tests wie möglich gibt. Niemand hat etwas davon, wenn 100 Athleten auffliegen, denn dann interessiert sich niemand mehr für den Sport. Zwei, drei schwarze Schafe hingegen sind ok. Aus meiner Sicht ist das ein Spiel, das der Welt vorgaukeln soll, dass es um sauberen Sport geht. Dabei geht es einzig und allein um Geld.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie erreichen?

Dürr: Die Leidtragenden sind am Ende die jungen Athleten und ihre Eltern, die gänzlich unbedarft in den Leistungssport kommen und nicht wissen, worauf Sie sich da eingelassen haben. Ich hoffe, dabei helfen zu können, diese Lücke etwas zu schließen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Hauptproblem?

Dürr: Das Verschweigen. Wenn nicht über solche Themen geredet wird, ist es jungen Sportlern nicht möglich, eine bewusste Entscheidung zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen, so beschreiben Sie es, wurde unter den Athleten über Doping nur gewitzelt.

Dürr: Genau. Es ist nie ernsthaft über Doping geredet worden. Dabei war das Thema omnipräsent. Da war dann vielleicht mal ein Läufer in einem Vorbereitungsrennen 75. und beim ersten Weltcup auf Platz 3. Einzelne Nationen waren eine Saison komplett untergetaucht, und zu Olympia sind sie auf einmal wieder vorne mit dabei. Solche Sachen. Natürlich haben wir uns gefragt: Wie geht das?

SPIEGEL ONLINE: Welche Antwort haben Sie gefunden?

Dürr: Schlussendlich: Dass ich mitmache. Wenn ich davon nicht überzeugt gewesen wäre, hätte ich es nicht gemacht. Aber so blöd es klingen mag: Ich hatte kein Interesse, jemanden zu betrügen. Mein Bestreben war, Waffengleichheit herzustellen. Dass es schlichtweg Betrug ist, habe ich in dem Moment nicht gesehen.

Johannes Dürr
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Johannes Dürr

SPIEGEL ONLINE: Wann fingen Sie an zu dopen?

Dürr: Das war ein schleichender Prozess. Das Ausprobieren mit Tabletten und Spritzen hat ja bereits früh angefangen, mit 16, 17. Mir war damals nicht klar, dass das schon die ersten Schritte zum Doping waren. Bewusst habe ich mich zum ersten Mal vielleicht gegen 2009 oder 2010 mit dem Thema auseinandergesetzt, also mit Anfang 20.

SPIEGEL ONLINE: Vor den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi, bei denen Sie Medaillenambitionen hatten, begannen Sie schließlich ein Dopingprogramm: Epo, Eigenblutdoping, Wachstumshormone. Sie bekamen dabei Hilfe. Wie lief das ab?

Dürr: Ein anderer Athlet kam auf mich zu und bot mir an, mich zu einem Mediziner zu vermitteln. Die Absprachen erfolgten dann mit einem Prepaid-Handy. Alles wurde vorab ausgemacht: Behandlungsart, Termin, Preis, Treffpunkt. Gezahlt wurde cash vor Ort.

SPIEGEL ONLINE: Wir reden von zwei Personen: Eine hat Sie vermittelt, eine zweite die Behandlungen mit Ihnen durchgeführt?

Dürr: Ja. Das System ist so aufgebaut, dass man diesen Prozess isoliert wahrnimmt, es wissen nicht zehn Leute voneinander. Es gibt keinen Warteraum in einer Praxis, in der die Sportler nebeneinandersitzen. Alles ist auf Diskretion ausgelegt.

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Der Weg zurück

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SPIEGEL ONLINE: Sie flogen auf, kurz vor Ihrem Start in Sotschi hatten Sie einen positiven Dopingtest, wurden für zwei Jahre gesperrt. Ihre Helfer haben Sie bislang nicht genannt. Warum?

Dürr: Es war und ist nicht mein Bestreben, andere Leute aus meinem Umfeld mit in den Abgrund zu ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Was dann?

Dürr: Es soll ein Bewusstsein entstehen, dass es nicht nur Einzelfälle sind. Mit meiner Geschichte hat sich die Dopingproblematik nicht erledigt, es gab genug Dopingfälle nach mir. Nicht ich allein bin das Problem, sondern das System, dessen Teil ich natürlich war.

Johannes Dürr
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Johannes Dürr

SPIEGEL ONLINE: Aber ein System kann sich nicht ändern, wenn die entscheidenden Köpfe nicht ausgetauscht werden. Indem Sie jetzt den Fokus auf Ihre eigene Person richten, stützen Sie doch diejenigen, die Sie als Einzeltäter darstellen.

Dürr: Daran würde sich doch aber auch nichts ändern, wenn ich meine Helfer outen würde. Dann stehe ich nicht alleine da, sondern eben noch ein, zwei andere mehr. Aber auch dann wird doch weiter vom Einzelfall gesprochen werden. In letzter Konsequenz wird man alles daran setzen, diese Schwarze-Schafe-Mentalität aufrecht zu erhalten.

SPIEGEL ONLINE: So laufen Sie aber Gefahr, dass der nächste Nachwuchssportler wieder an die Personen gerät, die Ihnen beim Dopen geholfen haben. Dann geht es von vorne los.

Dürr: Es hängt doch aber nicht an einzelnen Personen! Wir sind alle austauschbar. Ich, der Mediziner, der Trainer. Ist einer weg, steht der Nächste da. Der Bedarf ist viel zu groß, als dass dieser Prozess mit zwei, drei Leuten erledigt wäre. So lässt sich das Problem nicht lösen.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie es nicht ungerecht, dass Sie alleine am Pranger stehen?

Dürr: Das ist vielleicht Teil des Spiels. Der Athlet beißt als Erster ins Gras, wenn es schief geht. Gleichzeitig kann er aber auch der große Star werden, viel Geld verdienen. Ich bin kein Gerechtigkeitskämpfer und kann auch keine Gerechtigkeit herstellen, dafür sind zu viele an dem System beteiligt.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile ermitteln die Staatsanwaltschaften in München und Innsbruck in Ihrem Fall. Wurden Sie schon einvernommen?

Dürr: Ja, ich wurde als Zeuge geladen und habe wahrheitsgemäß antworten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Dürr: Für mich ist es ganz wichtig, dass ich zurück in ein normales Leben finde. Ich will nicht, dass alles wieder von vorne beginnt, mit Ermittlungsverfahren und Gerichtsterminen. Auch deshalb bin zurückhaltender, was Namen betrifft - dann sitze ich die nächsten fünf Jahre noch bei Gericht und muss aussagen. Das schaffe ich nicht mehr!

SPIEGEL ONLINE: Am Wochenende wollen Sie bei den Österreichischen Meisterschaften starten. Was glauben Sie, wie Konkurrenten und Zuschauer mit Ihnen umgehen werden?

Dürr: Wahrscheinlich nicht sehr positiv. Ich bin froh, dass ich ein kleines Team um mich herum habe, sodass ich nicht alleine in die Höhle des Löwen muss - so fühlt es sich zumindest gerade an. Es tut mir im Herzen weh, da Langlauf lange Zeit mein Lebensmittelpunkt war, wie eine Familie.

Anmerkung der Redaktion: Dieses Gespräch fand am 31. Januar 2019 in der Annahme statt, dass Johannes Dürr ohne Doping ein sportliches Comeback versucht. Rund fünf Wochen später, am 6. März, gestand Dürr aber, bis Ende 2018 weiter gedopt zu haben. Das Interview finden Sie hier weiter in der ungekürzten Fassung.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
s-v-l 01.02.2019
1. So ein Heuchler
Herr Dürr ist jetzt 31 und mit 16, 17 hat er mit "Tabletten und Spritzen" angefangen. Jetzt will er wieder starten. Sorry - aber so ein Typ betrügt nicht nur sich selbst, sondern auch andere - auch wenn die nicht viel besser sind. Er gehört lebenslang gesperrt.
evalotta 01.02.2019
2.
Alle Spitzensportler Dopen, das ist eine Tatsache, Ausdauer, Kraft- Rein mit der Medizin. Es wird geduldet, bis es auffliegt. Spitzensport ist numal verlogen. Aber es verdienen Wenige Seeeehr viel daran und das sind i.d.R nicht die Sportler, außer in der Fußballbundesliga vielleicht.
Anklaw1965 01.02.2019
3. Das System generiert viele Täter
Wir haben die Russen verteufelt, was soll hier anders sein? Meine Frage ist : wie sind die Beteiligten ,werden die auch Bestraft? Bitte auch die Namen nennen , der Verband soll auch bestraft werden keine Gnade!
Spiegelfan 2.0 03.02.2019
4. Vom Spiegel habe ich mehr erwartet
Herr Dürr wird nicht als Verräter angefeindet, sondern weil er ein Betrüger ist und die Schuld auf andere schiebt. Wenn er wirklich etwas verändern und nicht nur Geld verdienen möchte mit seinem Buch und die vielen Interviews, würde er auch die Namen preisgeben. Ich finde es traurig, dass der Spiegel ihm dafür eine Plattform bietet.
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