Streif-Sieger Josef Ferstl "Mein Papa war mehr wilde Sau als ich"

Gerade triumphierte er beim Super-G auf der Streif, so wie einst sein Vater. Nun spricht Josef Ferstl über sein Verhältnis zum Papa und über die Bergbahn-Katastrophe von Kaprun, der er nur knapp entkam.

Josef Ferstl
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Von Florian Kinast


Wer wie Josef Ferstl am Sonntag im Super-G erstmals in Kitzbühel gewinnt, dessen Name wird im Sommer auf einer Gondel der Hahnenkammbahn verewigt, so will es die Tradition. Eine feierliche Zeremonie, auf die sich Ferstl schon mächtig freut. Nur, und das bereitet ihm Kopfzerbrechen, weiß er nicht, welchen Vornamen er auf der Kabine haben möchte.

"Im Moment tendiere ich zu Pepi", sagt der 30-Jährige, "mein Spitzname, das ist dann eindeutig. Wenn ich Josef draufschreibe, dann meinen manche, sie steigen bei meinem Papa ein." Bei Sepp Ferstl, dem Abfahrts-Sieger von 1979. Und verwechselt werden mit seinem Vater, das möchte Josef Ferstl junior nicht.

Josef "Sepp" Ferstl (Mitte) gewann am 20. Januar 1979 die Hahnenkamm-Abfahrt im österreichischen Kitzbühel. Links Uli Spieß (3. Platz), rechts Peter Wirnsberger (2. Platz), beide aus Österreich.
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Josef "Sepp" Ferstl (Mitte) gewann am 20. Januar 1979 die Hahnenkamm-Abfahrt im österreichischen Kitzbühel. Links Uli Spieß (3. Platz), rechts Peter Wirnsberger (2. Platz), beide aus Österreich.

Verglichen mit Papa Sepp wurde er schließlich lange genug. Immer mit dem Zusatz: "Der Sohn von". Und das machte ihm zu schaffen. Der Pepi habe "immer ein wenig unter der Bürde des Vaters gelitten", sagte auch DSV-Alpinchef Wolfgang Maier am Sonntag. Unter dem Druck des Namens Ferstl.

Druck wegen einer Ski-Karriere habe ihm der Sepp nicht gemacht. Auch wenn der Alte den Pepi als sechsjährigen Buben einmal die Streif runterschickte, um ihm zu zeigen, wie sich das so anfühlt. Mausefalle, Steilhang, Hausbergkante. Begeistert war der kleine Josef darüber gar nicht. "Ich habe damals geplärrt, geflennt, geweint", erzählte er nach seinem Triumph am Sonntag. Aber Druck vom Vater, nein, niemals, sagt der Sohn im Gespräch mit dem SPIEGEL einige Tage danach. "Wäre ich Bauarbeiter geworden oder Akademiker, ganz egal, ich weiß, er wäre immer hinter mir gestanden."

Aber Ferstl wollte Skifahrer werden, aus eigenem Antrieb. Schon mit zwölf Jahren zog er weg von Zuhause in Siegsdorf, ging auf die Christophorus-Schule in Berchtesgaden, ein Elite-Internat zur Förderung junger Wintersportler, wo er dann die Mittlere Reife absolvierte. "Da war ich schon früh auf mich allein gestellt", sagt er, "es half dabei, mich abzunabeln und selbstständig zu sein." Das gelang ihm, nur beim Skifahren fehlte lange die nötige Lockerheit.

Die Tragödie von Kaprun

"Mein Problem war immer der Kopf", sagt Ferstl, "ich hab' zu viel überlegt. Und das war der große Unterschied zu meinem Papa. Der ist auf die Ski und einfach drauf los und runter. Der war viel freier. Viel mehr wilde Sau als ich."

Ferstl sprach nach seinem Sieg am Sonntag viel über seine Karriere und sein Leben, oft kamen die gleichen Fragen, oft gab er die gleichen Antworten. Immer wieder ging es dabei auch um das Verhältnis zu seinem Vater. "Gut und ganz normal", sagte er, "auch wenn wir nicht jeden Tag miteinander telefonieren und uns nicht mehr so oft sehen". Ferstl erzählte auch von einer großen Tragödie in der Familie, sie ereignete sich am 11. November 2000 in Kaprun.

Der kleine Pepi war elf, als er an jenem Samstag mit seinem Skiklub zum Kitzsteinhorn fuhr, zu einem Ausflug, der ein schöner Skitag am Gletscher werden sollte und mit einer Katastrophe endete, der er nur knapp entkam. Kurz vor neun Uhr nahmen er und einige Freunde vom Skiklub die Standseilbahn, die vom Tal knapp vier Kilometer durch einen Tunnel auf den Gletscher führte. Nicht alle vom Verein schafften es in den vollen Zug, man verabredete sich für oben, sie würden dann eben die nächste Bahn nehmen, sagten die, die unten blieben. Sie sahen sich nie wieder. Die nächste Bahn kam nie oben an.

"Wie viel Glück ich hatte, war mir nicht bewusst"

An Bord des nächsten Zugs waren 162 Passagiere. Nach einem guten Kilometer im Tunnel blieb die Bahn stehen, aus einer defekten Hydraulikleitung tropfte Öl in einen Heizlüfter und entfachte ein verheerendes Feuer.

Unter den 155 Todesopfern waren auch Freunde Ferstls. Und sein Onkel Franz. Der Bruder von Vater Sepp, Nachwuchstrainer beim DSV. "Wie viel Glück ich selbst hatte, das war mir damals gar nicht bewusst", sagt Josef Ferstl. "Ich hab mit meinen elf Jahren damals auch gar nicht wahrgenommen und realisiert, was da eigentlich geschehen ist. Das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde mir erst im Nachhinein bewusst. Natürlich denke ich auch manchmal noch dran, am Jahrestag etwa, und manchmal besuche ich auch das Grab meines Onkels." Ansonsten, sagt er, habe er damit weitestgehend abgeschlossen.

Was für ihn zählt, ist die Gegenwart. Und die Zukunft. "Ein Zuckerl" nennt er den Erfolg vom Sonntag, "ein Sieg in Kitzbühel steht fast über einer Olympia- und einer WM-Medaille." Freilich will er nach der Abfahrt am Samstag in Garmisch auch kommende Woche in den Speed-Rennen bei der WM in Åre aufs Podest, Ferstl gilt nun als einer der Mitfavoriten. Nach der Saison ist dann wieder Zeit für die Familie. Daheim in Tengling im Kreis Traunstein. Bei Frau Vroni und den beiden Kindern, Tochter Leni, 4, und dem eineinhalbjährigen Sohn.

Sollte der übrigens mal Skirennläufer werden und in Kitzbühel siegen, muss er sich immerhin nicht das Hirn zermartern wegen einer möglichen Namensverwechslung mit dem Papa bei der Siegergondel. Der Bub heißt Hannes.



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marthaimschnee 02.02.2019
1. Fehler!
Streif-Sieger wird man nur in der Abfahrt. Der Sieger im Super-G und im Slalom wird Kitzbühl- bzw Hahnenkamm-Sieger genannt.
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