Karriereende Gergs Abschied unter Tränen

Bei den Winterspielen in Turin wollte Hilde Gerg noch einmal an ihre olympischen Erfolge anknüpfen. Daraus wird nichts. Bei einem Trainingssturz wurde ihr Knie zu stark geschädigt. Heute gab Deutschlands beste Skiläuferin der vergangenen Jahre ihren Rücktritt bekannt.


München - Als die 30-Jährige ihren Abschied in Worte kleiden wollte, versagte ihr die Stimme, und es flossen dicke Tränen. "Ich wollte bei Olympia noch einmal ein Highlight setzen", sagte Gerg, "aber leider kann man es sich nicht aussuchen. Jetzt muss ich mich halt mit dem Abschied beschäftigen."

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Hilde Gergs Karriereende: Zwischen Triumph und Tränen

Dabei war doch alles so schön geplant: Diese Saison sollte ihre letzte sein - mit den Winterspielen in Turin als Höhepunkt, wo sie ihre dritte Olympia-Medaille holen wollte. Doch der schwere Trainingssturz in Copper Mountain (USA) am vergangenen Mittwoch hat alles verändert. Hilde Gerg brach sich den rechten Schienbeinkopf, riss sich den Außenmeniskus an sowie einen Teil des hinteren Kreuzbandes. "Ich wusste gleich, dass es meine letzte Fahrt war", sagte die 30-Jährige. Trotzdem habe sie insgeheim darauf gehofft, dass es sich vielleicht nur um eine Knochenstauchung handeln würde.

Doch diese Hoffnung wurde Hilde Gerg schnell genommen. "Die Rehabilitation wird mindestens vier bis sechs Monate dauern", sagte der behandelnde Arzt Erich Rembeck, der die Athletin bereits nach ihrem Kreuzbandriss im Dezember 2002 betreut hatte.

Für Gerg ist nach dieser niederschmetternden Diagnose die Welt untergegangen. "Es war wie ein Schock. Auch nach der Narkose habe ich es nicht geglaubt. Es war wie im Film, ich habe mir gesagt: 'Das kann nicht ich sein'". Sie fürchtet sogar, dass diese schweren Verletzungen die Funktionsweise des Knies derart einschränken können, dass davon sogar das alltägliche Leben beeinträchtigt wird.

Gedanken an eine Wiederaufnahme ihrer Laufbahn nach einer erfolgreichen Reha verschwendet Gerg keine mehr. "Ich hätte nicht den Kopf gehabt, mich noch einmal auf ein Comeback zu konzentrieren wie 2002." Stattdessen will die Slalom-Olympiasiegerin von 1998 alle Kraft aufwenden, wieder gesund zu werden, um sich 2006 wenigstens einen Traum zu erfüllen: Im Frühjahr, nach ihrem letzten Winter als Rennläuferin, will Hilde Gerg zu einer Trekkingtour durchs Himalaya-Gebirge starten, "und dann ein bisschen das Leben genießen".

"Ein Stück Ski-Legende Deutschlands"

Für den Deutschen Skiverband (DSV) ist Gergs Abschied in mehrfacher Hinsicht bitter. Denn in Turin fallen auch Florian Eckert und Max Rauffer verletzt aus. Zudem hinterlässt Gerg auch im Team eine Lücke. "Wir verlieren jetzt eine Leitfigur und eine Führungspersönlichkeit", sagte Alpinchef Walter Vogel. Gerg ist nach der erst im Vorjahr verstorbenen Christl Cranz, Katja Seizinger sowie Rosi Mittermaier die erfolgreichste deutsche Ski-Rennläuferin. Nach ihrem Slalomsieg 1998 gewann sie in Nagano auch olympisches Bronze in der Kombination. Mit der Mannschaft wurde Hilde Gerg 2005 Weltmeisterin, außerdem holte sie unter anderem dritte Plätze bei der WM 1997 (Super G und Kombination und 2001 (Super G).

Bei 295 Starts fuhr Hilde Gerg 20 Weltcupsiege heraus, was Rang 16 in der ewigen Bestenliste bedeutet. 59-mal schaffte es die Deutsche auf das Siegerpodest, nur neun Läuferinnen im Rennzirkus waren erfolgreicher. Und außer ihr gelangen nur Petra Kronberger (Österreich) und Pernilla Wiberg (Schweden) Weltcupsiege in fünf verschiedenen Disziplinen. "Wenn die erste Trauer vorbei ist, kann die Hilde positiv auf ihre Karriere zurückblicken", betont das ehemalige Skiass Christian Neureuther. "Sie ist ein Stück Ski-Legende in Deutschland."



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