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Pechstein-Urteil Raus aus der Unmündigkeit

Claudia Pechstein hat verbissen gekämpft und jetzt recht bekommen: Eine sportjuristische Instanz allein kann nicht mehr über Sperren von Athleten entscheiden. Ein Meilenstein. Aber was heißt das für ihren eigenen Fall? Noch gar nichts.

Man muss Claudia Pechstein nicht mögen. Ihr flächendeckender juristischer Einsatz, ihr Dauerstreit mit Funktionären, Journalisten, Trainern und Teamkolleginnen, ihr demonstrativer Opferstatus - all das ist der Öffentlichkeit zuweilen gehörig auf die Nerven gegangen. Die 42-Jährige ist, diplomatisch ausgedrückt, eine sperrige Person.

Aber durch ihren Kampf gegen die Alleinherrschaft der Sportgerichtsbarkeit hat sie dem Sport einen gewaltigen Dienst erwiesen. Von ihrer jetzt belohnten Beharrlichkeit dürften künftig viele andere Athleten profitieren.

Wenn in Zukunft tatsächlich nicht mehr nur die Herren des Internationalen Sportgerichtshof Cas in Lausanne entscheiden dürfen, wie Recht im Sport gesprochen wird, dann ist das ein großer Beitrag zum Erwachsensein der Athleten. Das Urteil des Oberlandesgerichts München macht die Sportler mündiger. Und die Sportfunktionäre müssen endlich von ihrem hohen Ross heruntersteigen.

Der Sport sieht sich gerne als Paralleluniversum der Gesellschaft. Mit Politik darf man sich möglichst nicht gemein machen, und auch die Rechtsprechung will man bitte schön in eigener Obhut behalten. Sich gegen ungerechte Urteile, unbedacht ausgesprochene Sperren zu wehren - das war den Athleten bisher so gut wie unmöglich. Als Sportler hatte man sich dem Schiedsspruch aus der Schweiz zu unterwerfen. Basta. All das steht jetzt auf dem Prüfstand.

Willkür des Cas wird damit beendet

Sport findet inmitten der Gesellschaft statt. Und muss sich auch gefallen lassen, nach ihren Maßstäben beurteilt zu werden. Ein brutales Foul ist Körperverletzung, systematisches Doping ist Medikamentenmissbrauch, die Manipulation von Spielausgängen ist Betrug - der Sport hat dies bislang alles unter seinem Mantel gehalten, manchmal auch bewusst verdeckt. Er hat Sperren oder Freisprüche verteilt, und wem das willkürlich erschien, der konnte nichts dagegen unternehmen.

Der Cas tagt grundsätzlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die Besetzung der Schiedskammern wird immer noch weitgehend vom IOC beinflusst. All das ist Anlass genug, gegen die Unabhängigkeit dieses Gremiums ein gesundes Misstrauen zu hegen.

Jetzt müssen sich die Verbände, die Funktionäre bewegen. Wenn sie nicht Angst haben wollen, dass irgendwann auch umstrittene und folgenreiche Schiedsrichterentscheidungen vor einem zivilen Gericht landen, müssen Sport und Politik neue Regeln miteinander ausmachen. Die Absurdität, dass Athleten bislang unterschreiben mussten, nicht gegen Sportgerichtsurteile vorzugehen, wenn sie zu Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften zugelassen werden wollten, ist endgültig passé. Zum Glück.

Pechstein hat mit ihrem Vorstoß die festgefügte Sportwelt ins Wanken gebracht. Vergleiche mit dem Bosman-Urteil sind wahrscheinlich nicht zu hoch gegriffen. Ob die Athletin allerdings gedopt hat oder nicht, das hat das Urteil von München in keiner Weise beantwortet. Auch wenn manches dafür spricht: Erwiesen unschuldig ist Claudia Pechstein auch nach dem heutigen Tag nicht. Das Thema ist noch lange nicht vom Eis.

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