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07. Januar 2007, 13:20 Uhr

Langlauf

Jubel über die Tour der Leiden

Von Roland Wiedemann

Das Schwerste zum Schluss: Wenn heute die Tour de Ski in Val di Fiemme endet, müssen die Langläufer einen vier Kilometer langen Anstieg bewältigen. Tobias Angerer träumt vom Sieg, die Veranstalter atmen durch. Denn fast wäre die Tour gescheitert. Nun könnte sie den Sport revolutionieren.

Hamburg - Ausgerechnet der Winter hatte etwas gegen die Zukunft des Ski-Langlaufs. Er ließ sich nicht blicken, weder auf den Böhmisch-Mährischen Höhen noch im Allgäu und auch nicht in den italienischen Alpen. Stattdessen: überall grüne Wiesen. Und Jürg Capol, der 2003 in der Sauna des Skilegende Vegard Ulvang in Norwegen alles ausgeheckt hatte, war schon verzweifelt. Acht Rennen in beiden Stilarten, vom Sprint bis zum 30-Kilometer-Lauf, in zehn Tagen an fünf Orten - das sollte die Zukunft des Langlaufs sein, eigentlich.

Am Ende ist doch noch alles gut gegangen, sinkende Temperaturen und pausenlos arbeitende Schneekanonen in Oberstdorf, Asiago und Val di Fiemme ließen Capol und Ulvang aufatmen - auch wenn die beiden Auftaktrennen in Nove Mesto abgesagt werden mussten. Das Preisgeld von 750.000 Euro wird heute ausgeschüttet werden, wenn die Tour de Ski, die Suche nach den komplettesten Langläufern, in Val di Fiemme mit einem furiosen Schlussanstieg ihr Ende (ab 14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) findet.

"Es wäre ein Jammer gewesen, hätten wir das Ganze abblasen müssen", sagt Capol, der Langlaufdirektor des internationalen Skiverbandes Fis, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE vor dem großen Finale. "Heute sind alle überzeugt von der Tour de Ski. Die Athleten, die Trainer und vor allem die Zuschauer." Für Bundestrainer Jochen Behle ist sie tatsächlich "die Zukunft des Skilanglaufsports", denn die Belastung für die Athleten sei noch im grünen Bereich und das Konzept passte. Behle misst der Tour de Ski einen höheren Stellenwert als der WM in Sapporo Ende Februar bei.

"Kinderkrankheiten"

Bei allem Lob gab es aber auch Kritik. "Wir waren uns im Klaren darüber", so Capol, "dass wir viel lernen müssen. Die Premiere war ein erster Schritt." So startete die Auftaktveranstaltung im Münchner Olympiastadion am Silvestertag um 9 Uhr, gegen Mittag war alles vorbei. "Das Fernsehen wollte das so", entschuldigt der Fis-Mann die unattraktive Startzeit. 6500 Zuschauer verirrten sich in die Betonschüssel. "Wir hatten mit mehr gerechnet", gesteht Capol.

Auch die Transparenz der Wettkämpfe kann laut Capol verbessert werden. So fragten sich die Zuschauer oft, wer denn im Gesamtklassement vorne liege. Bei der Tour de France sind die Fans jederzeit über den Träger des "virtuellen" Gelben Trikots informiert, nicht so bei der Langlauf-Version. Da verloren bisweilen sogar die Verantwortlichen den Überblick. So bekam in Oberstdorf nach der Doppelverfolgung Marit Björgen das Goldene Trikot der Spitzenreiterin überreicht. Tatsächlich lag Kristin Steira vorn. Abseits der Kameras streifte dann Björgen ihrer Teamkollegin kurzerhand das Leibchen über.

Capol spricht von "Kinderkrankheiten", die den guten Gesamteindruck nicht schmälern würden. Der 41-Jährige verweist stattdessen auf "das enorme Interesse, das für den Langlaufsport geweckt wurde." Reisten normalerweise sieben Fernsehstationen mit eigenen Teams zu den Weltcup-Rennen an, werden es laut Capol beim Finale in Val di Fiemme 14 sein.

Alpe Cermis wie L'Alpe d'Huez

Und für diese hat man sich etwas Besonderes ausgedacht: eine Bergankunft, Alpe Cermis. Nach einer strapaziösen Woche mit sechs Rennen und drei Transfers wartet ein fast vier Kilometer Anstieg auf die Athleten. Die Läufer müssen sich am Ende des abschließenden Skating-Rennens 400 Höhenmeter auf einer Skipiste hoch quälen. Durchschnittliche Steigung: 12 bis 14 Prozent. Wie bei L'Alpe d'Huez, dem legendären Anstieg bei der Tour de France, wird das Gesamtklassement nochmals durcheinander gewirbelt werden.

Bei den Männern hofft Tobias Angerer darauf, das Goldene Trikot behalten zu dürfen. Und er hat nichts dem Zufall überlassen. Am Donnerstag ist der Deutsche schon mal mit dem Auto hinauf und auf Ski die Strecke wieder herunter gefahren. "400 Höhenmeter, das ist schon ein Wort", sagte der 29-Jährige anschließend zu SPIEGEL ONLINE. "Aber es ist nicht so, dass ich geschockt war." Andere waren es schon. "Es ist eine extreme Herausforderung", weiß Capol, der selber den finalen Anstieg in 26 Minuten hoch gelaufen ist. "Entsprechend extrem sind auch die Reaktionen der Athleten." Nach anfänglicher Skepsis hat sich die Tour de Ski aber mittlerweile auch bei denen durchgesetzt, die sie bestreiten. Angerer spricht gar von "einer phantastischen Werbung für unseren Sport. Dem Langlauf tun ein bisschen Action und Spektakel sehr gut."

Schon jetzt steht fest: Nächstes Jahr wird es eine zweite Auflage der Rennserie geben, wenn auch wohl mit veränderten Rahmenbedingungen. Nicht nur der fehlende Schnee hatte Capol, dem Schweizer Capol und Ulvang, dem norwegischen Langlaufidol und Chef des Fis-Langlauf-Komitees, große Sorgen bereitet. Weil die Rechte bei den nationalen Verbänden der Ausrichterländer liegen, gestaltete sich die Vermarktung des Spektakels mit einem Zwei-Millionen-Euro-Etat als schwierig. "Der Wert der Tour de Ski lässt sich steigern, wenn das alles in einer Hand liegt", betont Capol. "Aber dafür bräuchten wir die Rechte von den nationalen Verbänden. Bei denen liegt jetzt der Ball." Namhafte Sponsoren hätten schon Interesse bekundet.

Nach Ansicht von Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Skiverbandes DSV, macht eine zentrale Vermarktung "nach dem Vorbild der Vierschanzentournee durchaus Sinn". Der DSV holte für die drei Rennen in München und Oberstdorf über 100.000 Euro aus dem Topf, der für alpine und nordische Weltcup-Wettbewerbe zur Verfügung steht. Die Tour de Ski als Minus-Geschäft. Hörmann spricht bei SPIEGEL ONLINE von "einer Investition für die Zukunft". Angesichts der gelungenen Premiere und des "wegweisenden Konzepts" glaubt er sogar, dass sich mit der Serie schon im nächsten Jahr Geld verdienen lässt.

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